Iranisches Beziehungsdrama "The Salesman" Der schmale Grat

Der oscarprämierte Regisseur Asghar Farhadi ist mit seinem neuen Film "The Salesman" wieder für einen Academy Award nominiert. Zur Verleihung reisen wird der Iraner aber nicht - wegen Trumps Einreiseverbot.

Prokino

Auch die Oscars sind vor Donald Trumps Dekreten nicht sicher. Das am Freitag verhängte Einreiseverbot für Menschen aus sieben mehrheitlich muslimischen Ländern hätte dem iranischen Regisseur Asghar Farhadi den Flug zur Preisverleihung in Los Angeles verwehrt. Der Iraner teilte nun mit, er werde nicht in die USA reisen, selbst wenn er eine Ausnahmegenehmigung bekäme. Seine Hauptdarstellerin hatte ihre Teilnahme schon vergangene Woche abgesagt. Farhadis Film "The Salesman" ist in der Kategorie "Bester ausländischer Film" nominiert.

In einem Statement schreibt Farhadi: "Hardliner (…...) haben keine andere Wahl, als die Welt mit einer Sie-oder-wir-Mentalität" zu betrachten (...…) und so Angst unter den Menschen ihres eigenen Landes zu verbreiten. Dies ist nicht nur in den USA der Fall. Die Hardliner meines Landes sind genauso."

Starke Worte, vor allem auch im Hinblick auf die politische Situation in Iran. Und ein Beleg dafür, wie Trumps Politik die Menschen dazu bringt, Stellung zu beziehen. Denn Farhadi ist eher ein Meister der subtilen Gesellschaftskritik als offener Opponent der Mullahs. Gerade erst schien es, als drohe er von ihnen vereinnahmt zu werden und auch selbst ein wenig das Augenmaß im Umgang mit dem Regime zu verlieren.

Kein staatstreuer Filmemacher

Nachdem er für seine neue Tragödie "The Salesman" im Mai 2016 bei den Filmfestspielen in Cannes den Preis für das beste Drehbuch erhielt, wurde Farhadi bei seiner Rückkehr am Flughafen von Regierungsvertretern und Kulturfunktionären erwartet und gefeiert. In Interviews äußerte er sich recht unkritisch über seine Situation als Filmemacher in Iran.

Staatstreue Filme macht Farhadi deshalb noch lange nicht. Er ist zwar Irans international bekanntester Filmregisseur, 2011 gewann er einen Oscar für das Scheidungsdrama "Nader und Simin". Besonders in Europa wird er als großer Filmkünstler gefeiert. Aber seine in der urbanen Mittelklasse angesiedelten Dramen dürfen durchaus als gesellschaftskritisch gelesen werden. Auch "The Salesman", selbst wenn seine Arbeit hier auf hohem Niveau stagniert.

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Fotostrecke: "The Salesman"

Der Film beginnt mit einstürzenden Neubauten: Jäh bilden sich Risse in den Wänden der Mietskaserne, in der Lehrer Emad (Shahab Hosseini) und Rana (Taraneh Alidoosti) wohnen. Überstürzt muss das junge Paar seine Wohnung verlassen, Emad hilft noch seiner Nachbarin, ihren kranken Sohn nach draußen zu bringen. Dann stehen die beiden buchstäblich auf der Straße, denn in Teheran herrscht akute Wohnungsnot.

Mit Glück bekommen sie doch schnell ein neues Apartment. Beide spielen in einer Theatertruppe und proben abends Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden". Ensemble-Kollege Babak hört von Emads und Ranas Unglück und bietet ihnen eine Wohnung an, die ihm gehört. Die Vormieterin ist vor drei Wochen überstürzt ausgezogen, lagert aber ihr Hab und Gut noch in einem Zimmer. Merkwürdig auch, dass Babak von anderen Mietern des Hauses beiseite genommen und ermahnt wird, es gebe hoffentlich nicht wieder Probleme. Aber Emad und Rana stellen keine Fragen, sie sind froh über die Unterkunft.

Die tiefe Krise eines Ehepaars

Eines Abends, als Emad nicht zu Hause ist, verschafft sich ein fremder Mann Zugang zu der Wohnung, während Rana duscht. Als Emad zurückkehrt, findet er seine Frau leicht verletzt und völlig verstört vor. Wie sich herausstellt, war die Vormieterin eine Prostituierte und der nächtliche Eindringling einer ihrer Kunden, der nichts von dem Mieterwechsel wusste.

Ob Rana vergewaltigt oder "nur" bedrängt wurde, erfahren weder Emad noch der Zuschauer. Der Vorfall stürzt das Paar in eine tiefe Krise. Asghar Farhadi führt vor, wie ein übersteigerter (männlicher) Ehrbegriff aus dem kunstverständigen, toleranten, scheinbar aufgeklärten Emad einen Mann macht, der rotsieht. Es geht im Folgenden vor allem um seine Ehre; darum, was die Nachbarn und Kollegen über ihn denken. Emad macht sich auf die Suche nach dem Einbrecher.


"Forushande/The Salesman"

Iran/ Frankreich 2016
Buch und Regie: Asghar Farhadi
Darsteller: Taraneh Alidoosti, Shahab Hosseini, Babak Karimi
Produktion: Arte France Cinéma, Doha Film Institute, Farhadi Film Production
Verleih: Prokino Filmverleih
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 125 Minuten
Start: 2. Februar 2017


"The Salesman" war nicht nur in Cannes erfolgreich, sondern vor allem in Iran selbst. Der Film brach 2016 alle Einspielrekorde, die Menschen standen schon um sechs Uhr morgens vor den Kinos Schlange. Die junge, gewachsene Mittelschicht der großen Städte erkannte sich offensichtlich in dem Film wieder.

Überhaupt erfährt das iranische Kino gerade einen großen Boom. Die Zahl der produzierten Filme steigt signifikant, im ganzen Land werden über 100 neue Multiplexe gebaut. Schon wenige Monate nach dem Start von "The Salesman" übertraf die iranisch-indische Co-Produktion "Salaam Bombay" dessen Einspielergebnis um mehr als das Doppelte.

Hochpolitisch aufgeladene Metaphern

In diesen Boom-Zeiten, so scheint es, lässt die Zensurbehörde auch mal einen Film durchgehen, in dem sie selbst thematisiert wird. Die Inszenierung vom "Tod eines Handlungsreisenden" in "The Salesman" muss nämlich von ihr abgenommen werden, bevor sie öffentlich gezeigt werden darf. Regierungsnahe Medien kritisierten den Film und seinen Regisseur dagegen scharf: In einigen Tageszeitungen warfen Rezensenten Farhadi vor, ein zu dunkles Bild seines Landes zu zeichnen und nur den Erfolg im Westen zu suchen.

Seine Filme können als menschliche Dramen gelesen werden - oder als hochpolitisch aufgeladene Metaphern. Die wie der Ausbruch der Anarchie gefilmten Feuerwerke in "Fireworks Wednesday", die bis aufs Blut zerstrittene Gesellschaft im bitteren Scheidungsdrama "Nader und Simin", jetzt die in einer eindrucksvollen Plansequenz gefilmte Eröffnung, in der ein ganzes Haus einzustürzen droht - im Westen werden diese Szenen als versteckte Grundsatzkritik gelesen.

Im Video: Der Trailer zu "Forushande"

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Farhadi weist diese Lesart zurück. Seine Filme würden in Iran anders verstanden als im Westen. Wie dem auch sei: In "The Salesman" wirkt Farhadis wieder elegant verknoteter Plot ein wenig zu routiniert. Er ist zwar auch hier wieder ein Meister darin, seine Geschichte filmisch mit einer Mischung aus nahen Einstellungen und mobiler Handkamera ganz nah heranzuholen. Dennoch bleibt der Eindruck, dass er mit seinem in Frankreich gedrehten Familiendrama "Le passé" schon weiter war, dass er sich mit seinem neuen, wie er sagt, aus Heimweh entstandenen Film wiederholt. Dazu trägt auch die unnötige Ebene des Theaterstücks bei, die das Geschehen reflektieren soll, stattdessen aber die Dringlichkeit nimmt, die "Nader und Simin" zu einem solchen Ereignis machte.

Umso mutiger sind Farhadis Worte über die Hardliner in seinem Land. In Iran ist es dem Kino-Boom zum Trotz ein schmaler Grat zwischen Abgrund und Anerkennung. Sein Statement hat auch den Nebeneffekt, dass das Regime sich "The Statement" nicht mehr so leicht als Visitenkarte für eine vermeintlich freie Kunst anstecken kann. Denn dafür ist die Diktatur nicht bereit.

Seit November 2016 sitzt etwa der Regisseur Keywan Karimi für ein Jahr im Gefängnis. Er wurde zusätzlich zu 223 Peitschenschlägen verurteilt, weil er die Dokumentation "Writing on the City" über politische Graffitis in Teheran gedreht hatte. Farhadis Kollege Jafar Panahi ist noch immer mit Berufsverbot belegt, Mohsen Makhmalbaf, Mohammad Rasulof und Rafi Pitts leben größtenteils im Exil.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
gammoncrack 30.01.2017
1. Herr Trump sollte sich
vielleicht einmal Gedanken darüber machen, warum ein weltweit, aber im eigenen Land gefährlich auf einem Drahtseil balancierender Regisseur, auf eine Ausnahmegenehmigung zur Einreise verzichtet. Man könnte durchaus hineinlesen, dass Asghar Farhadi die Situation im eigenen Land weniger kritisch einschätzt als derzeit in den USA. Icb persönlich würde mir wünschen, dass die Oscar-Verleihung aus Protest nicht stattfinden würde. Zumindest wird es aber sicherlich etliche kritische Kommentare von der Bühne geben. Das ist ganz sicher!
Aurora vor dem Schilf 31.01.2017
2. Antworten
Mir gefällt die Einschätzung von Fahradi, die eine im Grunde simple Feststellung ist: wir sind alle gleich. Länder wie Iran oder derzeit USA, in denen die Politik der Bevölkerung Angst macht und gegen andere Länder aufhetzt, haben nicht die richtige Antworten auf unsere Fragen. Herr Trump mag schon noch der Verwalter von viel Substanz in seinem Land sein, er ist trotzdem im Begriff sein Land in die Regionalliga zu katapultieren. Langfristig tun sich eine Reihe von Unternehmen solche politischen Verhältnisse nicht an.
R.Peter 31.01.2017
3.
Ich auch würde mir wünschen, dass die Oscar-Verleihung aus Protest nicht stattfinden würde. Dies wäre eine große symbolische Protestaktion. Ich hoffe, dass viele andere Veranstalter ihre Programme ändern und sie in einem anderen Land organisieren. Diskussionen über Ausnahmen sind verkehrt; sie verdecken eher die Sache.
Knossos 31.01.2017
4. Zugegeben
; es ist kein Leichtes, in solchem Umfeld Filme mit einer Aussage und Anregung zum Denken zu machen. Um das letzte Schlachten 2009 herum, wurde ich mit einem Iraner bekannt gemacht, der Filmregie studierte. Man denkt unwillkürlich, dieses Metier in solcher Umgebung würde aus der Herausforderung gewählt, subtile Arbeit zu leisten und der Aufklärung zuzuarbeiten. Aber der Mann wurde von meiner Frage überrascht. Ziele? Botschaft? Nö. Angesichts obig beschriebener Story scheint es sich mit Herrn Fahrhadi ähnlich zu verhalten. Derweil brennt die Lunte. Ganz besonders dort. Und wenigstens Themen wie Umweltverseuchung und Artensterben -im einst vielleicht reichsten Habitat nach dem Afrikas- zu vermitteln, statt einer lauen Geschichte über abgekauten, allseits vertrauten orientalischen Machismus ... Und das auch noch, ohne dessen ärmlichen Hintergrund auszuleuchten. Was den Mann auf zweifelsohne ehrt, ist oben zitierte, mutige Aussage. So etwas kann ihn in große Gefahr bringen. Modisches Auszeichnen iranischer Produktionen durch Nichtregierungsinstitutionen indes bewirkt lediglich eine oft ohnedies nicht geringe Selbstüberschätzung dortiger Kunstschaffender. Damit verstärkt man lediglich die Illusion, daß Laienhaftigkeit zum nächsten Fellini gereicht. Sich progressiv verstehende, westliche Intelligentia verwirklichte sich sehr viel eher damit, insgeheime Stützung von Regimen durch ihre heimische Legislative und Industrie zu thematisieren.
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