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Iranisches Kino in Cannes: Filmschmuggel im Kuchen

Aus Cannes berichtet

Mit einem riskanten Manöver konnten Filme der beiden Regisseure Jafar Panahi und Mohammad Rasoulof aus Iran geschmuggelt werden, die dort zu Gefängnis und Berufsverbot verurteilt sind. Nun wurden die Bilder in Cannes gezeigt - die weltweite Aufmerksamkeit könnte den Filmemachern nützen.

Es klingt wie eine Szene aus einem Spionagefilm, aber für Mojtaba Mirtahmasb war es wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, seine Dokumentation "In Film Nist" nach Cannes zum Filmfestival zu schmuggeln: Der USB-Stick mit dem Film wurde in einem Kuchen versteckt und von einer in Frankreich lebenden Frau nach Paris gebracht. So zumindest wurde es den Journalisten bei einer Pressekonferenz mit Mirtahmasb und dem Direktor der Cinématheque Francaise, Serge Toubiana, am Freitag erzählt.

"In film nist", der am Freitag auf dem Festival gezeigt wurde, heißt übersetzt "Das ist kein Film", denn die 75 Minuten lange Dokumentation handelt von dem iranischen Regisseur Jafar Panahi, 55, der zu sechs Jahren Gefängnis und 20 Jahren Berufsverbot verurteilt wurde, weil er sich in der Öffentlichkeit kritisch gegenüber dem iranischen Regime gezeigt hatte.

Panahi darf also eigentlich keine Filme drehen, ebenso wenig wie sein Freund und Kollege Mohammad Rasoulof, 37, der am 1. März 2010 zusammen mit Panahi verhaftet wurde und mit der gleichen Strafe belegt wurde. Beide Regisseure haben allerdings gegen ihre Urteile Berufung eingelegt und dürfen sich in der Zwischenzeit in Iran frei bewegen. Sie warten aber auch schon seit nunmehr fünf Monaten auf den Fortgang ihrer Prozesse. Es ist eine Situation voller Risiken, und dennoch ist es sowohl Panahi, über den Umweg seines Kollegen Mirtahmasb, als auch Rasoulof gelungen, beim diesjährigen Festival in Cannes für große Aufmerksamkeit zu sorgen, in dem sie neue Filme an der Croisette zeigten, die sich - jeder auf seine Weise - mit ihrer prekären Situation beschäftigen.

Mohammad Rasoulofs Spielfilm "Bé omid é didar" ("Goodbye") wurde dem Festival-Publikum unter Anwesenheit der Ehefrau des Regisseurs bereits am vergangenen Wochenende gezeigt. Rasoulof hatte für das Drehbuch des Films eine offizielle Genehmigung der zuständigen iranischen Behörde bekommen, der fertige Film wurde dann jedoch nicht freigegeben. Freunde des Regisseurs schmuggelten eine DVD zum Festival.

"Das mag seinen Preis haben"

Erzählt wird die Geschichte einer jungen Anwältin in Teheran, die sich für Regimegegner einsetzt, aber nicht mehr arbeiten darf. Zudem ist sie schwanger von ihrem Ehemann, einem Journalisten, der wegen kritischer Berichte in den Untergrund gehen musste. In beklemmender Atmosphäre schildert der Film wie in einem Selbstgespräch seines Regisseurs, wie sich die Frau mit ihrem beherzt gefassten Entschluss, das Land zu verlassen, quält und zunehmend verzweifelt. Übergriffe der iranischen Regierung wie unvermittelte Durchsuchungen ihrer Wohnung werden offen in Szene gesetzt.

"Goodbye" ist ein furchtloser Film, der als Quintessenz die Aussage enthält, dass es nicht viel bringt, sich ins Ausland abzusetzen, wenn man nicht in der Lage ist, die Zustände in der eigenen Heimat zu verändern. Trotz der Umgehung des Verbots seines Films, trotz solcher kritischen Inhalte hieß es zu Beginn der vergangenen Woche, Mohammad Rasoulof habe eine Ausreisegenehmigung erhalten und dürfe das Festival besuchen. Gekommen ist er - zumindest bis zum Freitagabend - nicht, vielleicht weil die Behörden die Ausstellung seines Passes absichtlich verzögerten, vielleicht aber auch aus Angst, nicht wieder zurückzudürfen.

Denn wichtig ist den unabhängigen Filmemachern Irans, ihre Gesellschaft von Innen her zu ändern, nicht aus der sicheren Distanz des Auslands. So gab sich auch Mojtaba Mirtahmasb in Cannes bei aller vorsichtigen Formulierung kämpferisch und entschlossen, die Repressalien des Regimes in kreative Energie umzusetzen, am liebsten vor Ort, in Iran. "Wir haben uns entschieden, das Risiko auf uns zu nehmen, um Schritt für Schritt die Dinge voranzubringen, eine Lösung für die momentane Situation zu finden", sagte der Regisseur, "das mag seinen Preis haben."

"Um die Dunkelheit zu bekämpfen, zieht man kein Schwert"

Mirtahmasb filmt in "In Film Nist" einen Tag im Leben Jafar Panahis: Mit Verwunderung nimmt man zur Kenntnis, dass der Verurteilte in einem ausgesprochen komfortablen, wenn nicht luxuriösen Apartment im neunten Stock eines Wohnkomplexes im Norden Teherans lebt, ständig mit seinem iPhone zugange ist, mit seiner Anwältin, Freunden und Bekannten telefoniert. Sogar eine Bar gibt es sowie einen riesigen Flachbildschirmfernseher.

Zu Beginn des Films ist von draußen lautes Knallen zu hören, das wie Schüsse klingt. Später stellt sich heraus, dass der Film am 15. März gedreht wurde, dem Tag, an dem in diesem Jahr das traditionelle Feuer-Festival in Iran gefeiert wurde. Es ist ein amüsantes und geschicktes Spiel mit Begrifflichkeiten und Symbolen, das Panahi und Mirtahmasb treiben: Der Film ist kein Film, und das harmlose Feuer-Festival, das draußen auf der Straße wie ein Aufstand wirkt, ist den iranischen Behörden von jeher ein Dorn im Auge und gilt als milde Form des Protests.

Aus der antiken Geschichte Persiens holte Mirtahmasb auch in Cannes ein Zitat des Religionsstifters Zarathustras hervor, das er am Freitag noch einmal vor der Presse als Synonym für die Strategie der Filmemacher wiederholte: "Um die Dunkelheit zu bekämpfen, zieht man kein Schwert, man zündet eine Kerze an."

Nicht nur eine Kerze, ein veritables Fanal dürfte die Vorführung der beiden Filme in Cannes für die Sache von Panahi und Rasoulof gewesen sein. Bei den vorangegangenen Festivals in Cannes, Venedig und Berlin wurde Panahi, ein weltweit für sozialkritische Dramen wie "Offside" gefeierter und mehrfach prämierter Filmemacher, jeweils symbolisch in die Jury geladen, sein Stuhl blieb medienwirksam leer. Verurteilt wurde er wegen "Propaganda gegen das System", weil er angeblich einen Film über die Aufstände in Iran nach der umstrittenen Wiederwahl des Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad im Jahre 2009 drehen wollte. Rasoulof wollte ihm offenbar dabei unterstützen und wurde ebenfalls festgenommen und verurteilt.

Doch die seit nunmehr einem Jahr währende Daueraufmerksamkeit der Medien scheint Wirkung zu zeigen. Durch die Duldung der Ausreise Mirtahmasbs und die - zumindest vorübergehende - Lockerung des Reiseverbots für Rasoulof scheint das Regime Druck aus der angespannten Situation nehmen zu wollen. Jafar Panahi, so erzählte Mojtaba Mirtahmasb, plane derzeit einen neuen Film über das verminte Gelände an der Grenze zwischen Iran und Irak - erneut ein ziemlich heißes Eisen. Doch es sieht so aus, als könne er das Projekt sogar umsetzen. Es sei durchaus denkbar, dass Panahis Berufsverbot aufgehoben werde, sagt dessen Anwältin in einem Telefongespräch in "In film nist". Um den Gefängnisaufenthalt werde er aber wahrscheinlich nicht herumkommen. Um das zu erreichen, müssen wohl noch einige Kerzen mehr angezündet und einige Filmdokumente in Gebäck versteckt werden.

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1. Vermutlich ging nicht nur die Rechtschreibreform an mir vorbei!
Altesocke 21.05.2011
Zitat von sysopMit einem riskanten Manöver konnten Filme der beiden Regisseure Jafar Panahi und Mohammad Rasoulof aus Iran geschmuggelt werden, die dort zu Gefängnis und Berufsverbot verurteilt sind. Nun wurden die Bilder in Cannes gezeigt - die weltweite Aufmerksamkeit könnte den Filmemachern nützen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,764015,00.html
Ach, in Iran werden jetzt schon Filme verurteilt. Und dann die Filme auch ihren Beruf nicht mehr ausueben? Oder habe ich da irgendetwas total missverstanden?
2. .
jhartmann, 21.05.2011
Was ist der wesentliche Unterschied zwischen Gratis-"Bürgerjournalismus" und "Profi-Journalismus"? Bei ersterem wird recherchiert. Bei letzterem offenbar nur noch in Ausnahmefällen. Wobei jemand, der über Iran(s Kulturszene) schreibt, eigentlich wenigstens soviel Grundkenntnisse haben sollte, dass er Zoroaster/Zarathustra nicht erst recherchieren muss, um zu wissen, wie das geschrieben wird und dass es sich nicht um einen Gott sondern einen (vermutlich) historischen Menschen handelt.
3. also sprach Zarathusra
dipi2011 21.05.2011
Ich gehe davon aus,jeder Student,der Geisteswissenschaft studieren will, hört irgendwann der Name dieses Buches.
4. Danke, liebe Alte Socke...
nielsmeyer 21.05.2011
Zitat von AltesockeAch, in Iran werden jetzt schon Filme verurteilt. Und dann die Filme auch ihren Beruf nicht mehr ausueben? Oder habe ich da irgendetwas total missverstanden?
Vielen Dank für den Kommentar, mir lag er quasi aussagegleich auf der Zunge bzw. Tastatur. Der SPIEGEL offenbart sich wieder mal nicht nur als ein Hort des guten Journalismus, sondern auch als eine Bastion der deutschen Sprache. Man bekommt zunehmend das Gefühl, es dürften nur noch Praktikanten schreiben.
5. Hoffnung am Horizont zu sehen!
Altesocke 21.05.2011
Zitat von nielsmeyerVielen Dank für den Kommentar, mir lag er quasi aussagegleich auf der Zunge bzw. Tastatur. Der SPIEGEL offenbart sich wieder mal nicht nur als ein Hort des guten Journalismus, sondern auch als eine Bastion der deutschen Sprache. Man bekommt zunehmend das Gefühl, es dürften nur noch Praktikanten schreiben.
Aber es gibt Hoffnung, neben der autom. Rechtschreibpruefung bald auch Satzstellungen zu ueberpruefen: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,763686,00.html ;-)
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