Woody Allens "Irrational Man" Schlechter Sex, perfekter Mord

Irrational, impotent und hochgefährlich: Joaquin Phoenix spielt im neuen Film von Woody Allen einen müden Philosophiedozenten, den Mordgedanken zu neuem Leben erwecken. Perfektes Verbrechen? Perfekter Film!

Von Jörg Schöning


"A triumph of style!", nennt die Mutter der Studentin Jill (Emma Stone) die Schriften des neuen Philosophieprofessors ihrer Tochter. Das Lob ist jedoch nur der Auftakt zum kritischen Tadel. Schließlich siege die Form hier auf Kosten des Inhalts, der aber halte dem prüfenden Blick nicht stand: "He's just a romantic." Sie ahnt ja nicht im Geringsten, wie sehr sie sich damit in Abe Lucas (Joaquin Phoenix) täuscht.

Ein Triumph des Stils, das ist auch Woody Allens neuer Film. Wer fragt da schon groß nach dem Inhalt? Der Regisseur, der am 1. Dezember 80 Jahre alt wird, variiert einmal mehr Stoffe und Konflikte, die ihm und seinem Publikum seit Langem geläufig sind. In "Irrational Man" allerdings auf eine Weise, die dem kritischen Blick standhalten kann.

Statt wie zuletzt nach London, Paris oder Barcelona führt das 46. Werk des ansonsten auf Großstadtneurosen abonnierten New Yorkers diesmal in eine Kleinstadt seiner engeren Nachbarschaft - nach Newport, Rhode Island, Feriendomizil der standesbewussten Klugen und Reichen. Gut vorstellbar, dass auch dieser Film nur entstand, damit der emsige Filmemacher im Urlaub etwas Abwechslung vom Ausspannen fand. Zwischen zwei Buchdeckel gepackt wäre die Geschichte vom "Irrational Man" wohl kaum erwähnenswerter als eine x-beliebige Strandlektüre. Auf der Leinwand aber macht sie ordentlich etwas her.

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Campus-Krimi "Irrational Man": Woody, der Wiederholungstäter
Was nicht zuletzt an der Besetzung liegt. Joaquin Phoenix verkörpert den akademischen Nerd mit jeder Faser eines von des Gedankens Blässe deformierten Leibes - inklusive Schmerbauch. Dem frisch bestallten Philosophen Abe eilt zwar der Ruf des intellektuellen Wundertiers voraus, doch tatsächlich passt er schon rein äußerlich ins Kollegium der ehrwürdigen "Salve Regina"-Universität wie Charlie aus "Two and a Half Men" in den Lehrkörper der Sorbonne.

Von einer Ehe und vergleichbaren Katastrophen, etwa dem Hurrikan Katrina, ist Abe seelisch zerzaust. Vorzugsweise in ein fahles Grunge-Flanell gekleidet, trägt der bekennende Scotch-Konsument stets einen Flachmann mit sich umher, um seine nihilistischen Thesen hochprozentig zu veredeln. Zu Merksätzen wie: "Philosophie ist verbale Onanie."

So deprimierend wie Abes Weltanschauung ist auch sein Liebesleben. Als es der Chemieprofessorin Rita (Parker Posey) endlich gelingt, den weitgereisten Kollegen, von dem sie sich Rettung aus ihrem drögen Provinzdasein erhofft, zur geschlechtlichen Interaktion zu betören, muss sie konstatieren: Der irrationale Mann ist auch impotent. Eine Erfahrung, die ihrer jungen Konkurrentin Jill immerhin erspart bleibt. Allen Avancen der attraktiven Studentin zum Trotz beweist Abe wenigstens hier Standfestigkeit.

Vertraute Motive noch einmal neu kompiliert

Kierkegaards "Krankheit zum Tode" ist also sehr ausgeprägt bei dem immerfort verzweifelten Abe. Sie fordert jedoch ein gänzlich unerwartetes Opfer, als er und Jill in einem Diner das Gespräch an einem Nachbartisch belauschen und von der nun wirklich existenziellen Not einer Frau erfahren, die vor Gericht mit einem unverdient gnadenlosen Urteil rechnen muss. Spontan beschließt Abe, den Richter unschädlich zu machen. Und er plant, was sich Woody Allen schon häufiger ausgemalt hat, in Filmen wie "Verbrechen und andere Kleinigkeiten" oder in "Match Point": den perfekten Mord.

Als Theoretiker war Abe eine wandelnde Aphorismensammlung. Jetzt entdeckt er die philosophische Praxis als Aphrodisiakum. Genüsslich fährt Woody Allen alles auf, was von Dostojewski bis Camus anarchistischen Attentätern zur Rechtfertigung des Tyrannenmordes in den Mund gelegt wurde; mit Wonne lässt er seinen zweifelhaften Helden alle moralischen Hemmnisse überwinden und seinen perfiden Plan zur Ausführung bringen, während er gleichzeitig die Lust an der Liebe und am Leben wieder gewinnt.

Ein Mord scheinbar ohne Motiv und der ethische Konflikt, in den Jill als Mitwisserin sukzessiv gerät, sind seit Hitchcocks Highsmith-Verfilmung "Der Fremde im Zug", an den Woody Allens Film nicht zuletzt mit seinen Jahrmarktsszenen erinnert, natürlich ein Evergreen.

Aus dem Jazz kennt man den Begriff der "Standards". Es sind Stücke, die immer wieder gespielt und dabei auf unterschiedliche Weise variiert werden. In "Irrational Man" hat der Freizeit-Jazzer Woody Allen vertraute Motive noch einmal neu kompiliert und dabei auf all das zurückgegriffen, was sich seit Jahrzehnten in ihm kompostiert hat: Brocken der französischen Existenzphilosophie, Gedichte von Emily Dickinson und den Swing von Ramsey Lewis.

Gassenhauer wie dessen "Wade in the Water" kann man runterleiern oder zelebrieren. Letzteres tut Woody Allen hier, so stilbewusst, wie man einen Martini selbstverständlich mit Oliven serviert. Zur schönen Ironie des Films gehört, dass alles, was auf Abes lebensertüchtigende Botschaft hinführt, das wirklich Wichtige könne man nicht aus Büchern, sondern nur vom Leben lernen, ausschließlich aus Büchern und Filmen zusammengeklaubt ist.

Im Video: Der Trailer zu "Irrational Man"

Irrational Man

USA 2015

Regie und Drehbuch: Woody Allen

Darsteller: Jamie Blackley, Joaquin Phoenix, Parker Posey, Emma Stone

Verleih: Warner Bros.

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 12 freigegeben

Start: 12. November 2015

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
KV491 09.11.2015
1.
Markenprodukte seit Jahren, verlässlich....muss man entweder nie sehen oder immer. Hat doch was in unsicheren Zeiten. Für mich: Nie. Aber über Geschmack....
windpillow 09.11.2015
2. Spätwerk
Schon mit Woody Allans Filmen wie "Annie Hall", "Stardust Memories" und "Purple Rose of Cairo" groß geworden, freu ich mich einfach auf den Nächsten.
licorne 09.11.2015
3. Immer dasselbe Strickmuster
ein bisschen Sex, ein bisschen Crime, schöne Drehorte, schöne Kostüme und Häuser, untermalt mit Jazzklassikern und mit Braunfilter. Die guten Schauspieler stehen Schlange um bei Woody Allen mitzuwirken. Sonst sind es eigentlich schnell zusammengeschusterte Filme. Man verbringt einen angenehmen Moment, das war's aber auch. Naja, das reicht vielleicht auch, Meisterwerke sind es allerdings nicht.
zappamagma 09.11.2015
4.
Nicht alle sind Meisterwerke, aber viele.
calexico55 09.11.2015
5.
Solange eine Wiederholung von "Match Point" for einigen Wochen noch zum Höhepunkt des TV-Angebots reichte, wünsche ich W.A. ein langes Leben und uns noch ein paar seiner Filme.
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