"Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste" Geschlecht in der Hauptrolle

Mit "Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste" mischt Isabell Suba die Filmbranche auf: In ihrem Debut zeigt sie, wie Regisseurinnen mit Sexismus zu kämpfen haben - und sich manchmal selbst im Weg stehen.

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"Wollen wir unsere Karriere beenden, bevor sie losgegangen ist?" Auf diese E-Mail, die Isabell Šuba an die Schauspieler Anne Haug und Matthias Weidenhöfer schickt, bekommt sie umgehend Antwort: Ja, die beiden sind dabei.

Šuba hat damals, im April 2012, kurz zuvor ihren Abschluss im Fach Regie an der Potsdamer Filmhochschule HFF gemacht, sie ist mit einem Kurzfilm zum prestigereichen Festival von Cannes eingeladen. Weil die junge Filmemacherin noch wenig Kontakte in der Branche hat, überlegt sie, ob sich der Festivalbesuch für sie überhaupt lohnt. Dann kommt ihr die Idee, das Festival selbst als Kulisse zu nutzen: für einen Film über eine junge Regisseurin, die mit dem Einstieg ins Filmgeschäft, mit den sexistischen Strukturen, aber auch mit sich selbst zu kämpfen hat.

Dieser Film kommt jetzt in die Kinos: "Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste" heißt er und ist genau der Weckruf, den die deutsche Filmbranche gebraucht hat; ein kluger, wilder Hau-ruck-Akt, mit einer komplexen, streitbaren Frauenfigur im Mittelpunkt, der sich gleichzeitig als Plädoyer für noch viel mehr solcher Filme versteht.

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"Männer zeigen Filme...": Alter Ego macht Ärger
"Habt Mut, probiert aus, macht Fehler!" Viele Regisseure schrecken davor zurück, eine Botschaft ihrer Filme zu benennen, Šuba, 27, steht zum feministisch-agitatorischen Ansatz ihres ersten Langspielfilms. In der Branche trifft sie damit einen empfindlichen Nerv: Seitdem ein Kollektiv aus Künstlerinnen und Filmemacherinnen im Mai 2012 einen viel beachteten Brandbrief veröffentlichte, der die Festivalleitung von Cannes 2012 scharf kritisierte, weil keine einzige Regisseurin im Wettbewerb vertreten war, diskutiert die Szene weltweit über die fehlende Präsenz und Förderung von Regisseurinnen.

Branchenauftrieb an der Côte d'Azur

Bislang sind die wichtigsten Regiepreise nur jeweils einmal an eine Frau gegangen: Der Regie-Oscar 2010 an Kathryn Bigelow, die Goldene Palme von Cannes 1993 an Jane Campion. Andere, belastbare Indikatoren für die Situation von Regisseurinnen gibt es kaum. Das Thema wurde so lange nicht aufgegriffen, dass einschlägige Erhebungen dazu erst noch im Entstehen sind. In Deutschland stellt zurzeit der Bundesverband Regie (BVR) eine Diversity-Studie zusammen. Die Ergebnisse sollen in den kommenden Monaten veröffentlicht werden.

"Männer zeigen ihre Filme..." kann man als Filmessay zu dieser Diskussion sehen - doch das würde dem Unterhaltungswert des Films nicht gerecht. Šuba hat den Film nämlich als Mockumentary konzipiert. Sie überlässt ihre Festivalakkreditierung der Schauspielerin Anne Haug, die fortan in ihrem Namen an der Côte d'Azur auftritt. Matthias Weidenhöfer spielt ihren Produzenten David Wendlandt, der vor Ort gemeinsame Projekte pushen will.

Was dann im Wirbel zwischen gelungenen Pitches und verpatzten Interviews, runtergekommener Unterkunft und ungebetenen Schlafgästen sowie auf Partys und Empfängen, zu denen sie nur in der Hälfte der Fälle auch eingeladen sind, passiert, haben Šuba, ihre Co-Autorin Lisa Glock und die Darsteller vorab grob skizziert. Der Rest ist improvisiert - oder echter Festivalbetrieb mit all seinen albernen, überdrehten Auswüchsen.

Konkurrenz auf allen Ebenen

Dieser Mix macht den Reiz von "Männer zeigen ihre Filme..." aus. Einerseits vermittelt der Film einen treffenden Eindruck vom Branchentrubel in Cannes, andererseits kommt er seinen Hauptfiguren schmerzhaft nah. Ständig geraten David und die falsche Isabell aneinander, mal weil sie unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie ein Pitch zu laufen hat, mal weil sie sich für dieselbe Frau interessieren. Wer nur schwer erträgt, Menschen dabei zuzuschauen, wie sich selbst im Weg stehen, wird "Männer zeigen ihre Filme..." kaum etwas abgewinnen können. Wer sich selbst mit seinen eigenen Fehlern und Widersprüchen darin wiedererkennt, wird hingegen ob so viel ehrlicher Figurenzeichnung jubilieren.

"Ich will keine Frauen im Kino mehr sehen, die ungewollt schwanger oder vergewaltigt werden und dann von einem Mann gerettet werden", sagt Šuba. "Ich will Frauen sehen, die die Welt für sich entdecken und daran herumrütteln." Mit "Männer zeigen ihre Filme..." ist das Šuba auf mehreren Ebenen gelungen. Ihr Film-Alter-Ego ist eine ehrgeizige, ambivalente Figur - und der Film selbst ein Ausdruck von Selbstbewusstsein und Risikofreude. Statt einen handwerklich perfekten Abschlussfilm vorzulegen, der später im Nachtprogramm von ARD und ZDF versinkt, wagt Šuba ihr Kinodebüt mit einem unperfekten Experiment mit feministischer Agenda.

Diese Lust an Haltung ist es auch, mit der der Film seine Zuschauerinnen und Zuschauer infiziert. "Das Publikum hat so viele Fragen an mich, dass der Abend oft erst endet, wenn die Kinobetreiber den Saal räumen wollen", erzählt Šuba von bisherigen Aufführungen. Seit der Fertigstellung lief er auf einigen Festivals, darunter den Hofer Filmtagen und dem Zürcher Filmfest. In Cannes wurde er hingegen kommentarlos abgelehnt, sogar das Frauenfilmfestival Köln/Dortmund verzichtete mit Verweis auf stärkere Konkurrenz. Šuba trifft so etwas - nicht weil sie glaubt, einen perfekten Film gemacht zu haben, sondern weil sie erlebt hat, was der Film beim Publikum auslöst.

Und manchmal auch bei den Festivalleitern. Beim "Achtung, Berlin!"-Festival im April 2014 lief "Männer zeigen Filme..." als einziger Film einer Regisseurin im Spielfilmprogramm. Dass dies nicht die Bandbreite der deutschen Szene widerspiegelt, wird den Machern erst während ihres eigenen Festivals klar. Sie fragen Šuba, ob man nicht nach dem Abschluss gemeinsam die Einreichungen durchgehen könnte.

Doch Šuba lehnt das Ausspielen von Regisseurinnen gegen Regisseure ab und empfiehlt für den nächsten Festivaljahrgang ein Vorgehen, das als Modell gelten könnte: Sind in der ersten Einreichungsrunde nicht genügend Filme von Frauen dabei, soll sich ein zweiter Aufruf speziell an Regisseurinnen richten. "Frauen bremsen sich oft mit ihrer eigenen Zurückhaltung aus. Wenn man gezielt zur Einreichung aufgefordert wird, fühlt sich das super an und ist oft der entscheidende Impuls."

Šuba selbst hat diesen Impuls nicht gebraucht. Doch ihr Film könnte wie ein Aufruf an Regisseurinnen wirken - Mut haben, ausprobieren, Fehler machen.

Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste

D 2013

Buch und Regie: Lisa Glock, Isabell Suba

Regie: Isabell Suba

Darsteller: Anne Haug, Matthias Weidenhöfer, Eva Bay

Produktion: beautykilledthebeast Weidenhöfer und Lemke GmbH, Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) "Konrad Wolf" Potsdam-Babelsberg

Verleih: missingFilm

Länge: 83 Minuten

Start: 14. August 2014

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insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 12.08.2014
1.
Zitat von sysopMissung FilmsMit "Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste" mischt Isabell ¿uba die Filmbranche auf: In ihrem Debut zeigt sie, wie Regisseurinnen mit Sexismus zu kämpfen haben - und sich manchmal selbst im Weg stehen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/isabell-suba-maenner-zeigen-filme-filmbranche-sexismus-quote-a-984790.html
Da hab ich aufgehört, zu lesen. Kriegen denn "die Frauen" überhaupt nichts eigenes ohne Förderung auf die Reihe? Kevin Smith musste große Teile seiner Comic-Sammlung verkaufen, um Clerks zu drehen. Seie Filme mögen zwar nicht jedermans Sache sein, aber er hat sein Publikum gefunden.
hansgustor 12.08.2014
2. Deutsche Filme
wollen immer eine Botschaft vermitteln statt zu unterhalten.
Skalla-Grímr 12.08.2014
3. Hauruck-Kino
Meiner Ansicht nach ist das gerade das, was das deutsche Kino nicht bzw. nicht mehr braucht. Filme, die "nicht perfekt" sein sollen, Hauptsache es wird möglichst polternd eine politisch korrekte Message rübergebracht. Der Artikel liest sich so, als sei gerade der Feminismus neu erfunden worden. Was fehlt, sind Filme, die aus Freude am Medium selbst gemacht werden, die dessen Möglichkeiten erproben und erweitern. Eine durchdachte Bildsprache, mitdenkende und -fühlende Filmmusik, professionelle Darsteller, die die Figuren und nicht sich selbst darstellen. Statt einer permantenten pseudo-dokumentarischen Wackelkamera und spontanem Gequassel als Tonspur.
alfredjosef 12.08.2014
4. Brüste
Auf dem Foto zerigt nur einer Brüste, das ist der Mann - ist der ne Ausnahme, oder zählen Männerbrüste nix? Das wäre dann ja ... ihr wisst schon. aj
DerUnvorstellbare 12.08.2014
5. Große Überraschung
Frau beschwert sich über den so gemeinen "Sexismus". Denn sie ist natürlich viel talentierter, nur diese Männer wollen das nicht erkennen. Und natürlich haben wir unsere Presse die so etwas sofort ergreift. Tja, und dann wundert man sich wieso der Ruf der Presse in diesem Land so schlecht ist. Vielleicht solltet Ihr mit so einer Propaganda aufhören, dann wird auch der Ruf besser.
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