Ausnahmefilm "Elle" "Ich darf nicht eingreifen"

Ein Vergewaltigungsdrama, das zugleich märchenhaft und unterhaltsam ist: Wie Isabelle Huppert und Paul Verhoeven "Elle", den erstaunlichsten Film des Jahres, gemacht haben.

SBS Productions/ Twenty Twenty Vision Filmproduktion/ France 2 Cinema/ Entre Chien et Loup

Ein Interview von


Paul Verhoeven sagt, dass er müde sei und ist es dann doch nicht. Seit Mai 2016, also seit der Premiere in Cannes, muss er über "Elle" sprechen. Doch weil es der Film ist, der seine Karriere gerettet, ihm einen Golden Globe und den Juryvorsitz bei der laufenden Berlinale eingebracht hat, findet Verhoeven im Gespräch innerhalb weniger Minuten zu einer Begeisterung, die nichts von Routine hat. Womöglich auch, weil Verhoeven weiß, wie unwahrscheinlich es war, dass er "Elle" machen konnte.

Die Verfilmung von Philippe Djians Roman "Oh…" hatten Verhoeven und sein Drehbuchautor David Birke ursprünglich in den USA angesiedelt. Unter Hollywoods weiblichen Stars fand sich jedoch keine, die diese Rolle spielen wollte: eine Frau mittleren Alters, die vergewaltigt wird, aber nicht zur Polizei geht. Die sich in der Mittagspause auf HIV untersuchen lässt, Pfefferspray kauft und erst einige Tage später im Restaurant ihrem Ex-Mann und ihrer Geschäftspartnerin zwischen Champagner und Vorspeise erzählt, dass sie missbraucht wurde.

Parallel zu Verhoeven interessierte sich aber auch Isabelle Huppert für eine Verfilmung von "Oh…". Als die Produzenten sie und Verhoeven zusammenbrachten, fand der Film nicht nur seine Hauptdarstellerin und einen neuen Spielort, nämlich Frankreich, sondern in Huppert auch eine Art Co-Regisseurin. Im Interview zeigt sich, wie einmalig die Zusammenarbeit zwischen ihr und Verhoeven war.

Zur Person
  • AP
    Paul Verhoeven, geboren 1938 in Amsterdam, drehte in seiner Heimat Arthouse-Filme, bevor er in die USA ging und Blockbuster wie "RoboCop" und "Basic Instinct" drehte. Mit "Blackbook" drehte er 2006 erstmalig wieder in den Niederlanden, "Elle" ist sein erster Film auf Französisch. Als nächstes wird er das Weltkriegsdrama "Lyon 1943" inszenieren.

SPIEGEL ONLINE: Herr Verhoeven, "Elle" erscheint als ein unglaublich präzise komponierter Film. In jedem Bild gibt es zahllose Details, die etwas über die Charaktere aussagen, und in jeder Szene schwingen mehrere Untertöne mit. Trotzdem haben Sie gesagt, dass Sie wenig vorbereitet hätten und sich das meiste beim Dreh ergeben habe. Was waren das denn für Dreharbeiten?

Verhoeven: Wir haben vorab schon viel am Drehbuch und speziell den Dialogen gearbeitet. Da wir vom Englischen ins Französische übersetzen mussten, waren die Dialoge mitunter steif. Wir haben vorab aber keine Szenen konkret besprochen. Ich hatte das Gefühl, dass Isabelle und ich genau wissen, worum es bei dem Film geht, man es aber nicht so gut in Worte fassen kann. Je mehr wir darüber geredet hätten, desto irritierender wäre es geworden.

Huppert: Ich habe erst während des Drehs entdeckt, worum es geht. Das hätten wir keinesfalls antizipieren und auch nicht vorher absprechen können. Das hat mir eine Menge Freiheit gegeben. Niemals hätte mir Paul gesagt: Mach das mehr so oder so. Die Geschichte ist so stark, dass man sich einfach von ihr inspirieren und mitreißen lassen muss.

Verhoeven: Als Schauspielerin erfährst du im Verlauf eines Drehs immer mehr über deine Figur. Deshalb ändert sich auch deine Meinung zu Detailfragen - ob ein Kleid rot oder blau sein soll. Wir haben über die Figur aber nie psychoanalytisch gesprochen, warum sie sich für Wege entscheidet, die andere Leute normalerweise nie gehen würden.

Zur Person
  • DPA
    Isabelle Huppert, geboren 1953 in Paris, wechselt immer wieder zwischen dem Theater und dem Kino. Zu ihren berühmtesten Kinorollen zählt "Die Klavierspielerin" von Michael Haneke. Im vergangenen Jahr war sie in u.a. in "Valley of Love" und "Alles was bleibt" zu sehen. Für "Elle" ist sie nach über 90 Auszeichnungen zum ersten Mal als beste Hauptdarstellerin für den Oscar nominiert.

Huppert: Wenn wir darüber gesprochen hätten, hätten wir riskiert, zu präzise zu sein. Die Reise, die sie macht, ist deshalb so überzeugend, weil sie selbst gar nicht weiß, wo es hingeht. Sie handelt intuitiv und muss dauernd auf neue Dinge, die in ihrem Leben passieren, reagieren. Für sie gibt es kein Denken vor dem Handeln, Psychologie hat deshalb keinen Platz hier. Ansonsten wäre alles auch zu schwerfällig und unrealistisch geworden. Wir wollten ja eine Art extreme Realität einfangen. Das ist es jedenfalls, was mich an meiner Arbeit als Schauspielerin interessiert: eine eigene Art von Realität schaffen, nicht irgendwas Fiktives, das keinen Bezug zum Leben hat.

Verhoeven: Diese Art zu arbeiten hat auch für einige Überraschungen am Set gesorgt. Welche emotionalen Folgen gewisse Taten haben, stand manchmal andeutungsweise im Drehbuch, manchmal gar nicht. Aber dann waren sie da, weil sich Isabelle dafür entschieden hat, einen bestimmten Weg einzuschlagen. Ich war wie hypnotisiert, wenn ich Szenen am Monitor verfolgt habe: Ich konnte fast nicht "Cut" rufen, weil die Szenen einen Sog entfalteten, der für mich überraschend, aber absolut richtig war. Ich wusste: Ich darf nicht eingreifen, das ist genau das, was diese Person in dieser Situation machen würde, auch wenn im Drehbuch was ganz anderes steht.

Als Rachethriller angekündigt, überraschen an "Elle" nicht zuletzt seine vielen komischen Momente. Die Gewalt, die Hupperts Figur Michèle widerfährt, ist explizit. Aber ihre Reaktionen darauf - wie auch auf etliche weitere Ereignisse in ihrem Leben - sind so unvorhersehbar, dass man oft auflachen muss. Und dann gibt es auch noch Szenen, in denen sich "Elle" einfach derbe Komik leistet.

SPIEGEL ONLINE: Ist durch Ihre offene Arbeitsweise auch der Humor in den Film gekommen?

Verhoeven: Tatsächlich haben wir während des Drehs gemerkt, dass die Geschichte eine lustigere Seite hat, als man vom Drehbuch her für möglich gehalten hätte. Die Schauspielerinnen und Schauspieler haben sofort gemerkt, was da passierte und ließen sich von Isabelle in diese Richtung führen.

Huppert: In vielen Situationen kam mir ganz spontan die Idee, ironisch zu reagieren. Viele Leute denken deshalb, dass der Film eine Komödie ist, aber für uns ist er das keinesfalls. Anstatt zu emotional oder zu sentimental zu sein - Sie wissen schon, dieser ganze Bullshit -, ist Michèle eben ironisch. Das setzt einen Gegenpunkt zur Ernsthaftigkeit der Geschichte, überschreitet manchmal aber auch Grenzen. Das einzige, was ich vor dem Dreh wusste - und mir war klar, dass ich mich von Szene zu Szene überraschen lassen wollte -, war, dass Michèle keine offensichtlichen Emotionen zeigt. Kein Mitgefühl, keine Tränen. Ihre Zerbrechlichkeit ist nicht sichtbar, aber sie ist da. Schließlich merkt man ja schon, dass sie innerlich zerrissen ist. Sie nimmt nur keinen Anteil an den Dingen.

Manche Kritikerinnen und Kritiker haben in Michèles Unbeeindrucktheit eine männliche Wunschfantasie gesehen: Dass sie sich so einfach weigern kann, Opfer zu sein, spiele die traumatische Gewalt einer Vergewaltigung herunter. Tatsächlich irritiert an der ersten Darstellung der Vergewaltigung der distanzierte Blick darauf. Doch der Übergriff wird im Verlauf noch zwei weitere Male gezeigt, und jedes Mal verändert sich der Eindruck, den wir davon haben. So bearbeitet und überschreibt der Film seine eigenen Bilder.

Überhaupt die Bilder: Michèle wird von ihnen verfolgt, von denen der Vergewaltigung, aber auch von einem Bild aus ihrer Kindheit. Und dann macht auf der Arbeit noch eine bösartige Animation die Runde. Michèle leitet zusammen mit ihrer besten Freundin eine Firma für Computerspiele. Aus einem Mittelalter-Abenteuerspiel hat ein Unbekannter eine Szene, in der eine Frau von einem Monster vergewaltigt wird, als Clip genommen und Michèles Gesicht auf das der Frau montiert. Michèle muss also auf ganz unterschiedlichen Ebenen gegen Bilder ankämpfen - und als Filmfigur nicht zuletzt auch gegen die Vorstellungen, die das Kinopublikum von Vergewaltigungsopfern hat.

SPIEGEL ONLINE: Frau Huppert, Sie haben gesagt, dass Sie den Film in der Realität fußen lassen wollten. Doch manchmal erscheint er nahezu fantastisch in dem, wie er Michèle Handlungsspielräume schafft.

Huppert: Es mag zunächst widersprüchlich klingen, dass wir den Film einerseits so realistisch wie möglich machen wollten, und er andererseits auch als ein Märchen gesehen werden kann. Michèle ist für mich ein Prototyp. Sie ist weder Opfer noch klassische Rächerin. Ihr Verhalten ist nicht vorhersehbar. Alles, was ihr passiert, hat man so noch nicht im Kino gesehen. In dieser Perspektive ist alles ausgedacht, aber innerhalb dieses Rahmens haben wir versucht, die Geschichte so überzeugend wie möglich zu machen.

Im Video: Der Trailer zu "Elle"

SBS Productions/ Twenty Twenty Vision Filmproduktion/ France 2 Cinema/ Entre Chien et Loup

SPIEGEL ONLINE: Durch die edle Kleidung, die luxuriösen Wohnungen und die attraktiven Menschen wirkt "Elle" mitunter wie eine Satire auf klassische französische Arthouse-Dramen. Wollten Sie sich von diesen bewusst absetzen?

Verhoeven: Nein, ich habe mir jedenfalls nicht zum Ziel gesetzt, eine Satire über die französische Bourgeoisie zu machen, das schwang nur in Djians Buch mit. Ich selbst hätte mir das nicht ausdenken können, ich erkenne es aber und kann damit arbeiten. Für mich sind die Figuren aber nicht in erster Linie bourgeois, sondern Menschen.

Huppert: So sehe ich das auch: Was wir zeigen, ist auch nicht das klassische Bürgertum, sondern etwas Zeitgenössischeres - bobo, boh ème bourgeois. Solche Leute wohnen in Paris im Marais oder im dritten Arrondissement. Michèles Haus haben wir nur in die Vororte verlegt, damit das Setting etwas isolierter und einsamer wirkt.


"Elle"
Frankreich , Deutschland , Belgien 2016
Regie:
Paul Verhoeven
Drehbuch: David Birke, nach dem Roman von Philippe Djian

Darsteller: Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Anne Consigny, Charles Berling, Virginie Efira, Judith Magre, Christian Berkel, Jonas Bloquet
Produktion: SBS Productions

Verleih: MFA+ FilmDistribution
FSK: ab 16 Jahren
Länge: 131 Minuten
Start: 16. Februar 2017
Offizielle Website zum Film


Verhoeven: In der Geschichte geht es um Leute und dass mit jedem von ihnen etwas nicht stimmt. Spätestens wenn sich alle zum Weihnachtsessen an den Tisch setzen, sind die Figuren soweit eingeführt, dass alles, was sie sagen, zweischneidig erscheint. Ist es lustig? Ist es seltsam?

Huppert: Ich habe öfter gehört, dass viele die Szene am Esstisch so französisch fanden. Da denke ich mir immer: Isst man in anderen Ländern nicht auch sein Essen am Esstisch?

Verhoeven: Mich haben Kollegen vorher gewarnt, dass in jedem französischen Film mindestens zwei Abendessen vorkommen müssen. Und im Buch kamen tatsächlich zwei Abendessen vor!

Warum das zweite Abendessen nicht im Film vorkommt, erklärt Verhoeven ausholend, er spricht über das Tempo verschiedener Schnittfassungen und wann er mit der Dynamik des Films endlich zufrieden war. Es scheint, als könnte er sich in Gedanken noch immer sofort in den Entstehungsprozess von "Elle" zurückversetzen. "Der Film war einfach ein Abenteuer", sagt Verhoeven. "Ich konnte so vieles nicht planen, der Zeitdruck war zu groß, dazu die andere Kultur und die andere Sprache. Ich konnte nur meine Intuition nutzen. Aber es hat ja geklappt, und so etwas gibt dir eine gewisse Kühnheit: Warum sich nicht ins Chaos begeben und schauen, wie man damit umgeht?" Von Müdigkeit kann bei diesem Mann wirklich nicht die Rede sein.

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