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Ishiguro-Bestsellerverfilmung: Ich spende, also sterbe ich

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Furchtbar schöne Jugend: Menschliche Klone wachsen in idyllischen Internaten auf - nur um später als Organ-Ersatzteillager zu dienen. Die Verfilmung des kunstvollen Science-Fiction-Romans "Alles, was wir geben mussten" ist einer der traurigsten und zugleich betörendsten Filme des Jahres.

"Alles, was wir geben mussten": Antiutopie mit Enid-Blyton-Flair Fotos
20th Century Fox

Der Tod ist eine Gewissheit. Nicht zwingend heute oder morgen, doch irgendwann bestimmt. Wir können dann Trost in unterschiedlichster Form finden, etwa im Glauben oder in der Überzeugung, dass unsere Zeit nicht vertan war. Zumeist lässt auch die Unkenntnis darüber, wann die eigene Existenz endet, diese Unausweichlichkeit erträglich werden. Vor allem aber macht die Sterblichkeit uns alle zumindest in den letzten Dingen gleich, und sie ist essentielle Grundlage des Respekts vor dem Leben.

Dem entgegen setzte Kazuo Ishiguro in seinem 2005 veröffentlichten Bestseller "Never Let Me Go" das Bild einer Gesellschaft, deren Verhältnis zu Leben und Tod sich radikal verschoben hat. Virtuos verschränkte er dystopische Science-Fiction und Stilmittel des Entwicklungsromans; das Buch setzte sich kühn über literarische Genregrenzen hinweg und sorgte zu Recht weltweit für Aufsehen. Ishiguros kunstvoll verdichtete Prosa wurde nun mit ebenso beeindruckender Hellsichtigkeit von Drehbuchautor Alex Garland ("28 Days Later", "Sunshine") und Regisseur Mark Romanek für das Kino adaptiert.

Ihr "Never Let Me Go" - oder, entsprechend des deutschen Buchtitels, "Alles, was wir geben mussten" - ist einer erschütterndsten, tieftraurigsten und zugleich betörendsten Filme dieses Jahres.

Enid Blyton-Charme und elektronische Fesseln

Am Anfang steht eine schlichte Texttafel, die von einem medizinischen Durchbruch im Jahr 1952 kündet. Seitdem seien Krankheit und Siechtum praktisch verschwunden, und die durchschnittliche Lebenserwartung übertreffe 100 Jahre. Der Film übernimmt im folgenden die Struktur der in drei Hauptkapitel unterteilten Vorlage, sowie die Erzählperspektive der Protagonistin Kathy H. (Carey Mulligan). Die blickt im Alter von 28 Jahren zurück auf ihr bisheriges Leben, beginnend mit ihrer Kindheit in Hailsham, einer idyllisch gelegenen Internatschule im Großbritannien der ausgehenden Siebziger.

Dort leben die junge Kathy (als Kind von Isobel Meikle-Small gespielt), ihre übermütige Freundin Ruth (Ella Purnell / Keira Knightley als Erwachsene) und der verschlossene Tommy (Charlie Rowe / Andrew Garfield als Erwachsener) zusammen mit anderen Kindern unter dem streng-freundlichen, sehr auf das körperliche Wohl ihrer offenbar elternlosen Schützlinge bedachten Regiment der Schulleiterin Miss Emily (Charlotte Rampling). Höhepunkte im Unterrichts- und Heimalltag sind Besuche der enigmatisch-eleganten Madame (Nathalie Richard), die Gedichte und Malereien der Schüler für ihre Galerie auswählt.

In das Bild vom pittoresken Waisenhaus mit seinen grünen Gärten und Enid-Blyton-Charme schleichen sich jedoch bald irritierende Fehler. So tragen alle Kinder elektronische Armbänder, mit denen sie sich beim Verlassen und Betreten des Gebäudes an Scannern registrieren. Zudem dürfen die Schüler nicht das Gelände verlassen, was sie sich angesichts kursierender Gruselgeschichten über die Welt hinter dem Zaun auch gar nicht trauen würden.

Ein vermeintlich normales Leben

Leser des Buchs wissen längst um die Gründe hierfür. Und auch über den Film kann man nicht ohne Erwähnung der verstörenden Prämisse von Ishiguros Roman sprechen. Ihre frühe Enthüllung durch die emphatische Lehrerin Miss Lucy (Sally Hawkins) nimmt der weiteren Erzählung auch nichts von ihrer Wucht: Die Kinder von Hailsham sind anonym erzeugte Klone, erschaffen, um im Erwachsenenalter ihre Organe zu spenden. Die Gesellschaft betrachtet sie als Eigentum und letztlich rechtloses Humanmaterial; im Regelfall versterben Spender vor ihrem dreißigsten Lebensjahr im Zuge der dritten oder vierten Transplantation.

Obwohl sie um ihre längst ausgemachte Zukunft wissen, absolvieren die Kinder weiterhin klaglos ihre Ausbildung und verlassen schließlich Hailsham. Nunmehr fast volljährig, leben Kathy (Mulligan), Ruth (Keira Knightly) und Tommy (Andrew Garfield) mit anderen Klonen in entlegenen Cottages und warten auf ihre weitere Verwendung. Kathy, die sich seit Kindestagen zu Tommy hingezogen fühlt, beobachtet in dieser Zeit, wie die Schulromanze zwischen Tommy und Ruth in eine körperliche Beziehung mündet.

Kein Bewusstsein für das Unrecht, das ihnen angetan wird

Die geklonten Waisen üben sich in ihren Cottages in der Imitation eines vermeintlich normalen Lebens. Doch selbst wenn sie Tagesausflüge in die Stadt unternehmen, haben sie nur oberflächlichen Kontakt zur Welt der Anderen, für die ihr Schicksal längst besiegelt ist. Da Tommy für sie unerreichbar scheint, verpflichtet sich Kathy als "Carer" zur Betreuung von anderen Spendern. Diese Tätigkeit gewährt ihr Aufschub, bevor sie selbst für Transplantationen zur Verfügung stehen muss. Im Glauben eines dauerhaften Abschieds lässt sie Ruth und Tommy zurück, doch Jahre später kreuzen sich die Wege der drei Freunde erneut. Ein Wiedersehen mit weitreichenden Folgen für ihr persönliches Verhältnis zueinander, sowie für das bisherige Verständnis der gemeinsamen Geschichte.

Mit kontemplativer Ruhe bebildert Romanek ein furchtbar vertraut wirkendes England, dessen zivile Szenerie aus sanften Hügellandschaften, alten Seebädern und dampfenden Teekesseln den tiefgreifenden Schrecken dieser subkutanen Science Fiction noch potenziert. Ohne je laut oder plakativ zu werden, zieht der Film seinen Zuschauern schleichend auch noch das letzte Stück Boden unter den Füßen weg, und lässt sie angesichts der unerbittlichen Konsequenz der Erzählung um Fassung ringen. Inständig hofft man auf eine Revolution der Retortenkinder, auf Zeichen der Empörung und der Selbstbehauptung. Und selten wünschte man sich im Kino derart verzweifelt einen Deus ex machina herbei, der vielleicht doch noch eine Wendung herbeiführen könnte.

Die Würde, die eine subtil skizzierte Maschinerie des alltäglichen Genozids den Klonen versagt, gibt der Film seinen Figuren durch die behutsame Inszenierung zurück. Das bewegende Spiel der Hauptdarsteller, voran Carey Mulligan und Andrew Garfield, verdeutlicht dabei die perfide Logik eines hermetischen Systems, das die Bedingungen des Menschseins nach Belieben definiert. So ist die größte Grausamkeit, die Kathy, Tommy und Ruth widerfährt, die vermeintlich humane Konditionierung von Kindesbeinen an: Sie haben kein Bewusstein für das Unrecht, das ihnen fortwährend angetan wird.

Umso mehr zerreißen ihre schüchternen Versuche der Selbstwerdung, ihr Ringen mit Liebe, Eifersucht und Wut das Herz des Betrachters. Falsche Sentimentalität ist "Never Let Me Go" fremd, vielmehr lässt er sein Publikum mit stillem Zorn und einem klaren Blick für das Wesentliche zurück. Und mit der Gewissheit, dass dies einer der wenigen Filme ist, die einen ein Leben lang begleiten werden.

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insgesamt 22 Beiträge
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1. Déjà-vu
3-plus-1 13.04.2011
Äh, wurde das Thema nicht als "Die Insel" mit Ewan McGregor und Scarlett Johansson bereits vor sechs Jahren verfilmt? http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Insel_(2005)
2. Eine "Anti-Utopie"...
DaddySeal, 13.04.2011
...oder eine Dystopie, das ist hier die Frage.
3. Titel
allerfreund, 13.04.2011
Zitat von 3-plus-1Äh, wurde das Thema nicht als "Die Insel" mit Ewan McGregor und Scarlett Johansson bereits vor sechs Jahren verfilmt? http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Insel_(2005)
Wurde das Thema nicht als "Parts - The Clonus Horror" bereits vor 33 Jahren Verfilmt? http://www.echolog.de/filmtipps/saat_des_wahnsinns_clonus_horror.shtml
4. Spoiler
good-speed 13.04.2011
Das Buch und den Film werden innerhalb eines Nebensatzes bereits im Teaser gespoilert. Eine filmjournalistische Meisterleistung, Gratulation an den Praktikanten!
5. Titel
allerfreund, 13.04.2011
Zitat von 3-plus-1Äh, wurde das Thema nicht als "Die Insel" mit Ewan McGregor und Scarlett Johansson bereits vor sechs Jahren verfilmt? http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Insel_(2005)
Wurde das Thema nicht als "Parts - The Clonus Horror" bereits vor 33 Jahren Verfilmt? http://www.echolog.de/filmtipps/saat_des_wahnsinns_clonus_horror.shtml
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Alles was wir geben mussten

Großbritannien / USA 2010

Originaltitel: Never Let Me Go

Regie: Mark Romanek

Drehbuch: Alex Garland

Darsteller: Carey Mulligan, Keira Knightley, Andrew Garfield

Produktion: DNA Films

Verleih: Twentieth Century Fox

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Start: 14. April 2011

Offizielle Website zum Film



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