"Isle of Dogs" von Wes Anderson Ein Leckerli zum Berlinale-Start

Mit einem Animationsfilm von Kino-Darling Wes Anderson kann man zur Eröffnung der 68. Berlinale nicht viel falsch machen. Der US-Regisseur erzählt in "Isle of Dogs" eine herzige, aber harmlose Hundefabel aus Japan.

20th Century Fox

Von


Kaum eine Viertelstunde von "Isle of Dogs" war am Donnerstagvormittag im Cinemaxx-Kino vergangen, schon wusste man: Es ist der perfekte Film zur Eröffnung der Berliner Filmfestspiele. In Wes Andersons Animationsfilm werden Hunde auf einer japanischen Insel nahe der futuristischen Großstadt Megasaki ausgesetzt. Im Nippon der Zukunft sind die Köter eine Plage und verseuchen ihre Herrchen und Frauchen mit fiesen Grippeviren.

Die von Schoß und Hof Verstoßenen stromern auf der riesigen, öden Müllhalde ihrer "Isle of Dogs" umher, manche sind dünnnervig, andere leiden unter niedrigem Blutdruck, einige werden rabiat und allen läuft die Nase. Man ist sofort empathisch mit diesem Hunde-Elend. Alles wie in den Kinos am Potsdamer Platz, wenn Berlinale ist: Ein räudiges Röcheln, Schniefen, Drängeln und Delirieren beginnt für zehn Tage ohne Aussicht auf Entkommen - und das alles bei höchst prekärer kulinarischer Versorgungslage. Winsel!

Zumindest bei Wes Anderson, der mit "Isle of Dogs" seinen zweiten Animationsfilm nach "Fantastic Mr. Fox" vorlegt, gibt es Hoffnung. Und zwar in Gestalt des 12-jährigen Atari Kobayashi, einem entfernten Verwandten des despotischen Bürgermeisters von Megasaki, der den Hunde-Bann aus höchst sinistren Motiven initiiert hat. Die adoptierte Waise vermisst seinen vierbeinigen Leibwächter Spots, der als allererster Hund auf die Müllinsel deportiert wurde. Sechs Monate danach unternimmt er eine kamikazeartige Rettungsaktion mit einem selbstgebauten Jagdflugzeug, das prompt auf dem Eiland abstürzt.

Fotostrecke

9  Bilder
"Isle of Dogs": Mit Wuff und Winsel ins Festival

Dem Knirps zu Hilfe eilen Wes Andersons Version der Sieben Samurai, allerdings ist das Kläffer-Corps zunächst nur zu fünft - vier ehemals verwöhnt-domestizierte Haustiere, die ganz schön auf den, Pardon, Hund gekommen sind: Rex (gesprochen von Edward Norton), King (Bob Balaban), Duke (Jeff Goldblum) und Boss (Bill Murray) - sowie der pechschwarz-zottelige, knurrige Straßenstreuner Chief (Bryan Cranston), dem das ganze Wir-müssen-dem-Menschen-helfen-Getue gar nicht passt.

"Ataris Reise" wird "Isle of Dogs" auch heißen, wenn er Anfang Mai auch in deutschen Kinos anläuft. Wes Anderson ist zum vierten Mal zu Gast auf der Berlinale. Zuletzt eröffnete er das Festival 2014 mit "The Grand Budapest Hotel". Für seinen neunten Film ließ sich der für seinen verschrobenen Humor und seinen strengen visuellen Stil von Kritikern wie Publikum umschwärmte US-Regisseur nicht nur von seinem Faible für Hunde inspirieren, sondern vor allem auch von seiner Liebe zum japanischen Kino. Neben Akira Kurosawa wird auch die Ruhe und landschaftliche Weite der Animationslegende Hayao Miyazaki ("Prinzessin Mononoke") ausgiebig und liebevoll zitiert.

Jungs und ihre Hunde halt

Auf dieser eklektischen, sehr farbenfrohen Folie erzählt Anderson eine herzige Geschichte über Intoleranz gegenüber anderen Rassen und Schwächeren. Bürgermeister Kobayashi, der bei den Wahlen betrügt, das Volk mit Fake News über die Hundeseuche in Angst versetzt und von großen Plakaten wie ein faschistischer Big Brother dräut, ist nämlich Nachfahre einer Dynastie von Katzenliebhabern, denen alles Hündische zuwider ist.

Greta Gerwig spricht eine amerikanische Austauschstudentin namens Tracy mit blondem Afro-Haar und Aktivistenfuror, die in Megasaki zur Aufdeckung der politischen Verschwörung beiträgt und Atari mitsamt seinen Gefährten zu Volkshelden werden lässt.

Diese politischen Spitzen gegen monströse Populisten wie Trump und ein Zeitalter der Desinformation sind augenscheinlich gewollt und passen auch gut zur Berlinale, die sich ja gern als engagiertestes der A-Festivals sieht, sie bleiben aber harmlos. Man spürt, dass es Anderson, beileibe kein Polit-Regisseur, in Wahrheit wohl mehr um die künstlerische Fingerübung ging, seine detailreiche, symmetrische Bildsprache mit anderen Mitteln auszuprobieren. Geschrieben hat er "Isle of Dogs" wie immer zusammen mit seinen Kreativpartnern, dem Produzenten Roman Coppola und dem Schauspieler Jason Schwartzman.

"Isle of Dogs" ist nicht nur der erste Animationsfilm, der die Berlinale eröffnet, er dürfte auch der Film mit dem größten Staraufgebot sein, allerdings sind die Hollywood-Größen nur zu hören, nicht zu sehen. Neben den bereits erwähnten Sprechern, machen auch Scarlett Johansson, Tilda Swinton, Harvey Keitel, Liev Schreiber, Yoko Ono (!) sowie einige andere mit bei Andersons fernöstlicher Fingerübung. Nach diesem Leckerli zum Wettbewerbsauftakt beginnt dann am Freitag der schwarzbrotigere, hoffentlich nicht allzu bittere Teil des Festivals.



© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.