Horrorfilm "It Comes at Night" Wenn die Träume Blut kotzen

Der Horrorfilm "It Comes at Night" erzählt eine Geschichte vom Weitersterben nach der Apokalypse. Wieder einmal - doch das ermüdete Grauen zeigt sich hier frisch und unerbittlich.


Wenn der Horrorfilm uns eines gelehrt hat, dann das: Es wird schlimmer. Garantiert. Der Schatten wird Gestalt annehmen; was sich anschlich, wird zuschlagen; die angelehnte Tür wird sich öffnen. Und manchmal wird der Mensch sich verwandeln in eine der Bestien, die er zuvor bekämpfte.

Dies zu wissen ist keine Bedingung, um die Besonderheiten, die Inversionen und die so lust- wie schmerzvollen Regelverletzungen genießen zu können, die den zweiten Langfilm von Trey Edward Shults bestimmen. Schon sein Debüt "Krisha" aus dem Jahr 2015 flirrte vor Nervosität, vor der hier noch subtileren Anspannung, vor der bösen Erwartung, das Unkontrollierbare könne einbrechen in die Stasis einer geschlossenen Situation wie die betrunkene Tante ins Thanksgiving-Dinner.

Augen glühen schwarz

Dieses Mal geht es um noch mehr, um alles. Die Logik der Ansteckung hat die Menschen verwandelt. Irgendein Virus ist so rasch durch irgendeine Gegend von Nordamerika gepflügt und niemand weiß wirklich, wie die Lage weiter entfernt im Lande aussieht. Oder gar im Rest der Welt. Paul weiß nur eins: Dieser Rest der Welt muss draußenbleiben vor dem Haus, das er für sich und seine Familie mit Frau Sarah und Sohn Travis versiegelt hat. Was vor der Türe lauert, zeigt sich an Sarahs Vater, der in einem kränklich weißen Mikrokosmos im Eingangsbereich vor sich hinvegetieren muss.

Opa trägt das Gesicht des Grauens, Opa hat sich angesteckt. Sein Atem scheint sich durch tiefe Lagen Schlamm bohren zu müssen, die Haut hat die beißende Farbe des herankriechenden Todes angenommen, die Augen glühen schwarz. Opa, das ist doch sonnenklar, muss erlöst werden, um den Rest der Familie zu erlösen. Paul und Travis machen sich gemeinsam an die zugegeben schmutzige Arbeit, but hey: someone's gotta do it.

Fotostrecke

11  Bilder
"It Comes at Night": Gesichter des Grauens

Neben den Menschen gähnt die Finsternis

Joel Edgerton lässt Paul mit weitgehend unbewegter Miene durch die Grausamkeiten der neuen Weltordnung gehen - als Mann der Tat, der seine Hausordnung wiederum doch nur nach dieser neuen Welt gestaltet musste. Derweil hat sich der Schmerz tief ins Gesicht von Carmen Ejogo als Sarah gegraben. Und die Träume von Travis kotzen Blut.

Als die Anderen einbrechen, scheint diese fragile Balance vollends zu kippen. Aber Will beteuert, er habe das Haus für verlassen gehalten. Will erzählt, er suche nach Wasser für Frau und Sohn. Will verspricht, wo er herkomme, da gebe es Ziegen und Hühner und genügend Nahrung zum Tauschen. Sarah kann Paul überreden, Will mit seiner Familie und seinen Ressourcen im Haus aufzunehmen. Eine nervöse Harmonie entsteht sogar für ein paar Einstellungen; im Kerzenlicht saugt sich die Kamera von Drew Daniels an die Gesichter heran, die da Menschen zeigen, keine Monster.



"It Comes at Night"
USA 2017
Drehbuch und Regie: Trey Edward Shults
Darsteller: Joel Edgerton, Kelvin Harrison Jr., Carmen Ejogo, Christopher Abbott, Riley Keough
Produktion: A24
Verleih: Universum Film
FSK: ab 16 Jahren
Länge: 92 Minuten
Start: 18. Januar 2018


Aber direkt neben ihnen gähnt die Finsternis. Suchend fährt Daniels mit seinem subjektlosen Blick immer wieder durch die dunklen Gänge, als müsse seine Kamera einen Wachdienst übernehmen, den andere womöglich gerade vernachlässigen. Brian McOmbers Musik legt ein leises Hämmern über die Bilder wie eine Warnung. Es scheint gar nicht mehr notwendig, dass Paul seinem Sohn dann doch immer wieder eintrichtert, nur der eigenen Familie sei zu vertrauen.

Die Gewalt brodelt weiter

Denn wie töricht Hoffnung ist, wie unrettbar Welt und Menschlichkeit und wie selbstmörderisch Vertrauen, davon erzählen die gewalttätigen Fantasien von der Postapokalypse seit je. Bei Shults muss, nachdem der Großvater seinen jammervollen letzten Krächzer getan hat, das Schlimmste nicht mehr rechtfertigen, warum mit ihm zu rechnen ist. Das Schlimmste ist schon geschehen, die Katastrophe hat sich vollständig in den Mikrokosmos gebohrt. Die schleichenden Kamerafahrten und die dräuenden Klänge sind vielleicht gar keine Ahnungen, sondern Echos dieser höchsten Intensität, dieses Anfangs, an dem der Mensch sich als Opfer wie als Täter gezeigt hat und hinter den es kein Zurück mehr geben kann.

Diese Gewalt brodelt weiter, aber sie scheint nicht mehr auszubrechen. Shults suggeriert immer wieder das Grauen und verweigert dann, es exzessiv - oder überhaupt - in Bild und Erzählung zu setzen. Müßig bleibt wie immer die Frage, ob es sich dabei noch um Horror handeln könne. In den USA jedenfalls hat der Film einen kleinen Indie-Hype ausgelöst, dessen Schubkraft beim um Monate nach hinten verschobenen deutschen Kinostart längst erlahmt sein dürfte.

Das traditionelle Genrepublikum sei daher gewarnt und ermuntert zugleich: Diese Geschichte enttäuscht Erwartungen. Und dann erfüllt sie diese wieder. Auf grausame Weise.

Im Video: Der Trailer zu "It Comes at Night"

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Akademiker11 18.01.2018
1. Wenig neue Ideen
Ich habe den Film bereits vor Wochen auf Netflix in den USA im Original gesehen und war etwas enttaeuscht. Die meisten Ideen in dem Film sind nicht neu. Der Anfang des Films ist noch recht spannend gemacht, aber dann flacht er doch sehr ab mit der Spannung und wird recht vorhersehbar in den Ereignissen. Das Ende fand ich auch etwas duerftig. Alles in allem ein doch noch recht unterhaltsamer Film ohne Spezialeffekte, solange man nicht mit allzu hohen Erwartungen herangeht damit.
NewYork76 19.01.2018
2. The Walking Dead - The Movie?
Die Beschreibung hoert sich ja sehr nach "The Walking Dead" an. Muss nicht unbedingt schlecht sein, aber ist wohl auch nicht's bahnbrechend neues dabei. @Akademiker11: Also ich kann den Film nicht auf Netflix finden. Und ich bin in den USA...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.