Horrorfilm "It Follows" Sex als Überlebensstrategie

Ein Fluch, der durch Sex übertragen wird - klingt plakativ, ist aber grausam subtil: Selten bricht sich das Grauen so hinterhältig Bahn wie in dem Indie-Überraschungshit "It Follows".


Alles beginnt in einem reizvoll der Zeit entrückten Vorort von Detroit. Hier lebt die 19-jährige Jay (Maika Monroe), die sich nach dekorativ umwölkten Augenaufschlägen über ihre neue Bekanntschaft Hugh (Jake Weary) freuen kann. Der nimmt sie mit ins Kino und an den Badestrand, bis eines ihrer Dates mit Sex auf der Rückbank seines Autos endet.

Dann ist nichts mehr wie zuvor. Unmittelbar nach der Vögelei konfrontiert Hugh das verstörte Mädchen mit einer unglaublichen Behauptung: Er werde von einem unbekannten Wesen verfolgt, das nur er sehen könne und sich in beliebig wechselnder Gestalt langsam, aber stetig nähere. Erreiche es einen, bedeute dies den Tod. Durch Sex lasse sich der Fluch jedoch an jemand anderen weitergeben, und nun da Jay mit Hugh geschlafen habe, werde "Es" sie statt ihn verfolgen.

Kaum hat er seine Ausführungen beendet, verschwindet Hugh spurlos. Schnell muss Jay erkennen, dass sich hinter dem vermeintlichen Wahn eine furchtbare Wahrheit verbirgt: Ein scheinbar unaufhaltsames Etwas stellt ihr nach. Gemeinsam mit ihrer Schwester und Freunden versucht sie dem wandelnden Albtraum zu entrinnen.

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"It Follows": Dem Grauen ausgeliefert
So simpel etabliert David Robert Mitchell hier das Motiv einer nicht zu greifenden Monstrosität, die sich gleich einer sexuell übertragbaren Krankheit an seine Opfer heftet. "Es" ist somit Quintessenz und Abstraktion pathologischer teen angst; eine vielseitig lesbare Metapher für adoleszente Grenzüberschreitungen und Verlustängste. Zugleich werden bisweilen repressive Mechanismen des Genres offengelegt und mit beißender Ironie unterlaufen: Gegen die Heimsuchung durch eine triebgesteuerte, strafende Instanz hilft hier schließlich nicht der Verzicht auf Sex, sondern allein Promiskuität.

Ästhetischer Zugriff auf den Fundus des Horrorkinos

Lustvoll ist der ästhetische Zugriff Mitchells auf den überreichen Fundus des Horrorkinos. Dabei macht er keinen Hehl aus den prominenten Paten seines Films, und so lassen sich in "It Follows" die Weitwinkelaufnahmen und tückischen Schärfenwechsel zwischen Bildvorder- und Hintergrund aus John Carpenters "Halloween" (1978) ebenso wiedererkennen wie das trügerische Vorstadtidyll aus Wes Cravens ursprünglichem "A Nightmare on Elm Street" (1984) und das delirierende Moment der besten Filme Dario Argentos.

Genauso oft erinnern die sinnlichen Aufnahmen von Kameramann Michael Gioulakis in Lichtsetzung und Farbpallette an Sofia Coppolas somnambulen Teenager-Fiebertraum "The Virgin Suicides" oder Cindy Shermans phantasmagorische Foto-Tableaus. Nicht zuletzt zitiert Mitchell auch sein eigenes Regiedebüt "The Myth of the American Sleepover" (2010), ein ebenfalls in Detroit angesiedeltes Panorama jugendlicher Sehnsüchte und Initiationsriten.

So ist denn auch einer der eindrücklichsten Momente in "It Follows", als Jay und ihre Freunde auf der Flucht vor dem namenlosen Schrecken die Demarkationslinie der 8 Mile Road überqueren. Aus einer heimeligen, aber immer irrealer wirkenden, suburbanen Retro-Siebziger-Blase, in der noch überall Röhrenfernseher flimmern und die Elterngeneration chronisch abwesend scheint, gelangen sie - getrieben vom eindringlichen Synthesizer-Soundtrack des Elektromusikers Disasterpeace - in die dunkle, post-industrielle Betonsteppe der einstigen Automobilmetropole.

Ihren Weg geht man gerne mit, weil neben dem kunstvollen Eklektizismus der Inszenierung auch die darstellerischen Leistungen des jungen Ensembles überzeugen. Allen voran It-Girl Maika Monroe, die feinnervig zwischen distanzierter Ennui und ergreifender Verlorenheit oszilliert. Mehr Chloë Sevigny denn Jamie Lee Curtis, passt ihr Spiel perfekt zur Neudeutung des "Final Girl".

Denn Geschlechterrollen werden ambivalent umgedeutet. Eindeutig ist angesichts unerbittlich nahenden Verderbens allein die Unausweichlichkeit folgenschwerer Entscheidungen. Ob diese den Horror wirklich bannen können, oder ihm lediglich andere, womöglich noch furchterregendere Gestalt verleihen, gehört zu den elektrisierenden Fragen des Films.

Wie Mitchell so über die clevere Hommage hinaus aufregende Impulse setzt und virtuos Spannung, Stil und Substanz in einer eigenständigen Erzählung vereint, macht "It Follows" zu einem Glücksfall für das Genre: Ein Horrorfilm, in dem die Lust der Angst auf dem Fuße folgt.

Sehen Sie hier den Trailer zu "It Follows"

"It Follows"

    USA 2015

    Regie und Drehbuch: David Robert Mitchell

    Darsteller: Maika Monroe, Keir Gilchrist, Daniel Zovatto, Jake Weary, Linda Boston

    Produktion: Northern Lights Films

    Verleih: Weltkino

    Länge: 100 Minuten

    FSK: ab 12 Jahren

    Start: 9. Juli 2015

  • Offizielle Website zum Film

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insgesamt 27 Beiträge
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flaviussilva 07.07.2015
1. Logikfehler !
Callboy bestellen, und schon wird der Schwarze Peter weitergegeben ! Warum man in den Horrorfilmen immer so unlogische Handlungsfolgen einbaut ? Ne Ne Ne Ne. Konnte auch nie verstehen warum man Sarah Michelle Gelar immer als Scream Queen gebucht hat, nach Ihrer Rolle in Buffy hab ich immer erwartet, der Killer, das Monster oder was auch immer fliegt gleich ein paar Meter rücklings durch die Luft.
getrud,dieleiter! 07.07.2015
2. Au weia!
"Allen voran "It"-Girl Maika Monroe, die feinnervig zwischen distanzierter Ennui und ergreifender Verlorenheit oszilliert. Mehr Chloë Sevigny denn Jamie Lee Curtis, passt ihr Spiel perfekt zur Neudeutung des "Final Girl". " Wenn ich solcherart prätentiöse Sätze lesen muss, bleibt mir der Kaviar glatt im Halse stecken. Sehr geehrter Herr Kleingers, sind Sie sicher, dass Sie Ihre Zielgruppe nicht verwechselt haben?
Untertan 2.0 07.07.2015
3. Nie war es einfacher Flüche zu brechen
An sich ja eine gute Idee aber was kostet Sex im Bahnhofsviertel? Nicht allzu viel, und man hat sogar noch Spaß dabei. Nicht unbedingt schwer loszuwerden dieser Fluch...
seriousernst82 07.07.2015
4. Nicht so einfach diesen Fluch zu brechen
Zitat von Untertan 2.0An sich ja eine gute Idee aber was kostet Sex im Bahnhofsviertel? Nicht allzu viel, und man hat sogar noch Spaß dabei. Nicht unbedingt schwer loszuwerden dieser Fluch...
Nicht im Artikel erwähnt, und ich bitte um Verzeihung, falls dies ein SPOILER sein sollte: Wenn derjenige, an dem man den Fluch weitergegeben hat, durch das Wesen getötet wird, hat man die Entität wieder selbst am Hals. Soviel dazu.
Untertan 2.0 07.07.2015
5. Na wenn das so ist...
Zitat von seriousernst82Nicht im Artikel erwähnt, und ich bitte um Verzeihung, falls dies ein SPOILER sein sollte: Wenn derjenige, an dem man den Fluch weitergegeben hat, durch das Wesen getötet wird, hat man die Entität wieder selbst am Hals. Soviel dazu.
Noch ein Grund mehr, den Fluch dort weiterzugeben, wo viel Gerammelt wird...
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