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Fluchtdrama "Ixcanul": Maya-Magie mit Risiken und Nebenwirkungen

Von Jörg Schöning

Trigon Film

Bloß weg hier! Von den Fluchtfantasien einer jungen Indígena in Guatemala erzählt das Drama "Ixcanul" ebenso einfühlsam wie realistisch. Zu Recht wurde es bei der Berlinale prämiert.

Drogenkriege, Korruption und Kinderraub: Guatemala ist für Schreckensmeldungen immer gut. Wenn nicht gerade Naturkatastrophen das mittelamerikanische Land heimsuchen, sind es Todesschwadronen, die die öffentliche Ordnung verheeren. Denn Guatemala war jahrzehntelang ein Land im Griff des organisierten Verbrechens - und nicht zuletzt auch deshalb weltweit führend im "Export" von Kindern. Hilfsorganisationen haben errechnet, dass zwischen 1997 und 2007 mehr als 25.000 guatemaltekische Kinder von ausländischen Familien adoptiert worden sind. Nicht immer ging das rechtens zu.

"Wind, Erde, Wasser und Vulkan": Es klingt nicht eben erfolgsversprechend, wenn María und ihre Mutter in ihren Gebeten die Naturkräfte zum Schutz gegen Unbill beschwören. María und ihre Familie sind Angehörige der Maya, die im westlichen Hochland von Guatemala, wo "Ixcanul" spielt, den größten Teil der Einwohnerschaft stellen. Mehr als 90 Prozent von ihnen leben von Einkünften weit unter der Armutsgrenze. Auf spirituelle Helfer will sich Marías Mutter denn auch lieber nicht völlig verlassen. Als ihre Tochter eine widerstrebende Sau einem trägen Zuchteber zuführt, rät sie ihr ganz alltagspraktisch, die Sex-Verweigerer mit Schnaps abzufüllen: "Rum wird sie geil machen."

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Fluchtdrama "Ixcanul": Riskante Riten

Für sein Debüt "Ixcanul" hat der Regisseur Jayro Bustamante 2015 bei der Berlinale einen Silbernen Bären erhalten. Der Alfred-Bauer-Preis "für einen Spielfilm, der neue Perspektiven der Filmkunst eröffnet", war wohlverdient. In "Ixcanul" gelingt es Bustamante, das große staatliche Desaster, wie es sich aus der Wahrnehmung der Weltpresse darstellt, in der Erlebniswelt der von ihm Betroffenen aufzuspüren und aus ihrer Sicht davon zu erzählen.

Zaubertrank gegen Schwangerschaft

Jayro Bustamante wurde in Guatemala geboren und hat seine Kindheit im Hochland verbracht. Seine Mutter, eine Ärztin, war dort im Gesundheitswesen tätig, unter anderem hat sie Kinderimpfungen organisiert. Seinen Film hat Bustamante nach einem Studium in Frankreich mithilfe europäischer Förderungen und Partner produziert. Auf seine Kindheitserinnerungen wollte er sich dabei nicht verlassen. Das Drehbuch hat er nach Workshops in einer Maya-Gemeinde verfasst. Die Menschen, die in Santa María de Jesús in unmittelbarer Nähe des Volcán de Agua leben, spielen nun auch die Hauptrollen in seinem Film.

"Ixcanul" ist also in heimischer Lava geerdet. Entsprechend unromantisch stellt sich der Alltag hier dar. María (María Mercedes Coroy) soll verheiratet werden, und dabei geht es vor allem um ihre Versorgung. Ignacio (Justo Lorenzo), Witwer und der Vorgesetzte ihres Vaters, ist zur Heirat bereit. Ob María arbeiten und Kinder bekommen könne, wollen seine Angehörigen wissen. Ob sie ihn liebt, steht hinten an.

Tatsächlich begehrt María einen jüngeren Mann, den smarten Kaffeepflücker Pepe (Marvin Coroy), der von einer Zukunft in den Vereinigten Staaten träumt. Eingedenk des Ratschlags ihrer Mutter setzt María auch im eigenen Liebesleben Rum als Aphrodisiakum ein. Das Resultat: Sie wird schwanger.

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Ist das aus Kalkül geschehen? Pepe jedenfalls lässt María trotzdem rüde zurück. Um der Schande eines unehelichen Kinds zu entgehen und die Verlobung mit Ignacio nicht zu gefährden, greift Marías Mutter (María Telon) nun auf allerlei geheimes Wissen zurück. Doch weder der von ihr gebraute "Zaubertrank danach", noch esoterische Kniffe schlagen bei der Geschwängerten an.

Gefühle kurz vor dem Ausbruch

Wie denn überhaupt alle magischen Riten hier letztlich nur Unheil stiften. Am schlimmsten kommt es, als María zum Erhalt der familiären Ökonomie beitragen soll und dabei einem mütterlichen Ritual folgt. Ihr Versuch, Schlangen aus einem Maisfeld zu vertreiben, ruft schließlich das Gesundheitswesen auf den Plan. Von allen guten Göttern verlassen, wird María zum Spielball fremder partikularer Interessen.

"Ixcanul" ist ein stiller Film mit starken seismischen Qualitäten. Im Gefühlsleben seiner Protagonisten nimmt er Signale wahr, die einstweilen zwar nur ein sanftes Beben in den indigenen, wirtschaftlich abgehängten Bevölkerungsteilen ankündigen. Doch dass sich Trauer und Zorn über die kulturellen Zurücksetzungen wie heißes Magma irgendwann ihren Weg bahnen werden, ist ja klar. Marías Klage "Ich fühle wie der Vulkan" sagt nichts anderes als: "Ich bin zum Ausbruch bereit."

Jayro Bustamante hat "Ixcanul" in Cakchiquel, einer Sprache der Maya, gedreht. Da die Vulkane in Guatemala nicht länger Sitze der Götter sind, mag es den Menschen dort womöglich helfen, sich der Magie des Kinos zu bedienen, um Unbill zu mindern.

Unter den vielen Produktionen, die das "Weltkino" zurzeit in scheinbar abgelegenen Regionen hervorbringt, ist "Ixcanul" nicht nur ein besonders ergreifender Film. Er ist auch ein erhellender, weil er die globalen Voraussetzungen für das Drama, von dem er erzählt, nicht außer Acht lässt.

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