Enthüllungen über J.D. Salinger: Jerrys letztes Geheimnis
Wer war der Mann hinter dem Mythos? Ein Dokumentarfilm und eine große Biografie geben neue Einblicke ins Leben des rätselhaften US-Autors J.D. Salinger. Doch beide erschöpfen sich in dem, was Salinger am meisten verabscheute: Sensationsgier und Psycho-Geschwafel.
J. D. Salinger hasste New York. "Phony" nannte der Schriftsteller seine Geburtsstadt: verlogen, falsch, scheinheilig. Dieses Gefühl verstärkte sich, nachdem Salinger 1951 den Durchbruch mit seinem ersten und einzigen Roman geschafft hatte: "Der Fänger im Roggen" machte ihn bekannt, aber offenbar zu bekannt für den Geschmack des Autors. Verschreckt von seinem plötzlichen Ruhm zog er sich in die Berge New Hampshires zurück, veröffentlichte nach 1965 kein Wort mehr und starb 2010 als rätselumwobene Legende.
Jetzt ist er zurück. "Salinger" prangt am "Paris"-Programmkino im Schatten des Plaza Hotels, wo Salinger Cocktails kippte. Dutzende Fans warten davor, fast alle grau- und weißhaarig. "Wann hast du den 'Fänger' gelesen?", fragt eine Seniorin. "In der Schule", sagt eine andere. "Und du?" "Weiß nicht mehr."
Jerome D. Salinger: Der Name erinnert vage an Zeiten, in denen Manhattan die Welthauptstadt der Literatur war, regiert vom "New Yorker" und Norman Mailer. Doch wer war Salinger? Sein "Fänger", Lebensbibel für Generationen, ist mit mehr als 65 Millionen verkauften Exemplaren der drittgrößte US-Bestseller aller Zeiten (nach Dan Browns "The Da Vinci Code" mit 80 Millionen und Henry Rider Haggards "She: A History of Adventure" mit 83 Millionen). Den Mann dahinter jedoch kannte kaum einer.
Genauso hatte er selbst es gewünscht. "Ich will alleingelassen werden", murrte Salinger 1980 in einem allerletzten, widerspenstigen Zeitungsinterview, "absolut."
Drei Jahre nach seinem Tod im Alter von 91 ist es mit der Ruhe nun aber vorbei. Der Grund: "Salinger", eine Dokumentation des US-Filmemachers Shane Salerno, sowie das gleichnamige 700-Seiten-Begleitbuch - eine ambitionierte "Enthüllungsbiografie", die Salerno mit dem Autor David Shields verfasst hat. Nach neunjähriger Recherche wollen sie damit das Mysterium des Genies enträtseln und Salingers "Mythos und Realität" vereinen.
Patchwork aus Zitaten
Dabei tun sie exakt das, was Salinger am meisten verabscheute: Sie machen ihn zum profitablen Objekt ihrer Begierde, indem sie seine intimsten Geheimnisse exhumieren - und zum 08/15-Psychogramm plätten. Die sensationslüsterne Werbekampagne des Weinstein-Studios ("Was geschah mit J.D. Salinger?") macht den schrulligen Schreiberling vollends zum Paparazzi-Objekt.
"Jerrys" größtes Geheimnis kommt zwar erst im Schlusskapitel des Buchs vor und am Ende des zähen, zweistündigen Films. Aber auch das wurde längst lanciert: In einem Safe, so Salerno und Shields, lagerten die Manuskripte für fünf neue, fertige Salinger-Bücher, die, so stehe es im Testament des Schriftstellers, ab 2015 veröffentlicht würden.
Salerno und Shields servieren den Groupies viel Altes und ein bisschen Neues - für einen Eremiten ist Salinger schon lange erstaunlich gut ausgeleuchtet. Akribisch zeichnen sie seinen Lebensweg nach. Von der verwöhnten Kindheit auf der Upper East Side über seine erste, tragische Liebe und die schrecklichen Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg bis zu den Jahren im selbstgewählten Exil.
Das Buch ist ein einziges Patchwork aus Zitaten, "Oral history" als Collage aus Verbalschnipseln. Vieles stand schon anderswo, etwa in früheren Biografien. Anderes stammt aus dem Mund von mehr als 200 Zeitzeugen, viele von ihnen erstmals interviewt. Wieder anderes aus Salingers Oeuvre. Was neu ist und was recycelt, merkt man selten - ein Salinger für die Copy-and-Paste-Internetgeneration. Dabei war ihm nichts heiliger als das Urheberrecht.
"Eine Selbstmordmission in Zeitlupe"
Alles verschwimmt zu einer Melange aus Sätzen, Andeutungen, Spekulationen - oft im Konjunktiv. "Aufschlussreich, doch schludrig", findet Michiko Kakutani, die Literaturkritikerin der "New York Times". Der Film wiederum ist eine aufgeputschte Version des Buches, mit nachgestellten Szenen und Krimi-Soundtrack.
Sie wollten das Klischee vom Sonderling zerstören, doch dabei ersetzen sie dieses nur durch ein anderes - durch das eines Mannes, der sein Trauma auf dem Papier verarbeitete. Jedes Wort wird da zum Fenster ins Seelenleid: "Ein Soldat und Autor, der im Zweiten Weltkrieg dem Tod entkam, doch das Überleben nie vollends annahm."
Am eindringlichsten sind die Kriegspassagen des Films und noch mehr des Buches, von Freunden, Kameraden und Fremden rekonstruierte Erlebnisse. Salinger durchlitt den reinen Horror: Normandie, Hürtgenwald, Kaufering IV, das Nebenlager des KZ Dachau, das von seiner Einheit befreit wurde. Prompt folgte der Nervenkollaps.
Während all dem schrieb Salinger. Die ersten Kapitel des "Fängers" schleppte er mit durch die Schützengräben - "ein getarnter Kriegsroman". Jede Kurzgeschichte danach, jeden Brief, jedes Wort interpretieren Salerno und Shields fortan als Folge des Kriegsschocks: Sein Leben "war eine Selbstmordmission in Zeitlupe".
Salinger inszenierte clever den eigenen Mythos
Ähnliches gilt für Salingers Neigung zu minderjährigen Mädchen, enthüllt in oft allzu beklemmenden Details. Hier sei der Auslöser seine erste große Liebe Oona O'Neill gewesen, die Tochter des Dramatikers Eugene O'Neill, die 1943 mit 18 Jahren lieber den 54-jährigen Star Charlie Chaplin heiratete - "Salinger erholte sich nie." Für den Rest seines Lebens war er von Teenager-Girls besessen, etwa Jean Miller und Joyce Maynard; beide kommen zu Wort.
Was sonst ist neu? Salerno und Shields beleuchten die kurze Nachkriegsehe des Schriftstellers, dessen Vater polnisch-jüdischer Herkunft war, mit der Deutschen Sylvia Welter: "Sie könnte eine Gestapo-Informantin gewesen sein." Sie wollen die Ursache seiner sexuellen Verklemmtheit gefunden haben, eine anatomische Deformation. Sie berichten, dass Salinger bis ins hohe Alter geschrieben habe - in einem "Bunker" auf seinem Grundstück.
"Wir wollten wissen, warum Salinger nichts mehr veröffentlichte, warum er verschwand", schreiben sie. Diese Fragen jedoch bleiben unbeantwortet. Vielmehr wird klar: Salinger inszenierte clever seinen eigenen Mythos.
Die letzte Einstellung des Films ist eine bisher unbekannte Aufnahme von Salinger aus dem Jahr 2008: Weißhaarig und am Stock steigt er in ein Auto - und grinst dann direkt in die Kamera. Seine Legende kontrollierte er bis zuletzt selbst.
David Shields, Shane Salerno: "Salinger", Simon & Schuster, New York 2013, 700 Seiten.
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- David Shields, Shane Salerno:

Salinger.Sprache: Englisch.
Simon & Schuster; 720 Seiten; 27,60 Euro.
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für die Inhalte externer Internetseiten.

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