Von Oliver Kaever
Eine dramatische Stimme aus dem Off: "Wir sind das Schicksal mit einem Körper und einer Waffe. Wir beschützen die Beute vor den Raubtieren. Die Guten vor den Bösen. Wir sind die Cops." Dazu eine Verfolgungsjagd im Auto, gefilmt von einer auf dem Armaturenbrett montierten Polizeikamera. Der flüchtende Wagen kracht in eine Böschung, zwei Männer steigen aus und eröffnen das Feuer. Eine wilde Schießerei beginnt, die einer der Kollegen nur dank kugelsicherer Weste überlebt. So viel Glück haben die mutmaßlichen Gangster nicht, die Polizisten erschießen sie. Willkommen im Polizeialltag in South Central Los Angeles. Zum Knöllchenverteilen kommen diese Männer und Frauen eher selten.
David Ayer wuchs in South Central auf, er kennt sich hier bestens aus. Eine Erfahrung, die er als Filmemacher bis heute verarbeitet. Der 44-Jährige ist auf das Polizeifilmgenre abonniert. Ayer schrieb das Drehbuch zu dem Cop-Thriller "Training Day", der Denzel Washington den Oscar als bester Schauspieler bescherte. Ebenso zu der großartig düsteren Ballade "Dark Blue" mit Kurt Russell. Seit "Harsh Times" und "Street Kings" übernimmt er auch selbst die Regie.
Allerdings war Ayers Glaube an die Integrität der Polizei bisher stark eingeschränkt. Immer ging es in seinen Filmen um korrupte Cops, die sich selbst in Gewalt und Kriminalität verstricken. Die Grenze zwischen Gesetz und Verbrechen, Gut und Böse, löste sich in seinen grimmigen Geschichten auf. "End of Watch" aber ist anders. "Ich wollte ein paar Typen zeigen, die da rausgehen, hart arbeiten und durch und durch anständige Kerle sind", sagt Ayer. Das liebt das Publikum in den USA. Dort stieg sein Film auf Platz eins der US-Kinocharts ein und setzte knapp 40 Millionen Dollar um - ungewöhnlich viel für einen Polizei-Thriller.
Zwischen Langeweile und Lebensgefahr
Officer Brian Taylor (Jake Gyllenhaal) und Officer Mike Zavala (Michael Peña) sind Ayers Helden in Uniform. Zwei große Jungs mit großer Klappe, die Kollegen foppen, sich mit Vorgesetzten anlegen, stolz mit Dienstwaffen hantieren und im Streifenwagen über Frauen und Familie diskutieren. Zwei Adrenalin-Junkies, die bei der Arbeit keine Angst kennen. Immerhin zählt ihr Revier zu den gefährlichsten der USA, bei jeder neuen Schicht tragen Taylor und Zavala ihre Haut zu Markte.
Eine Grenze verläuft durch L.A.
Die spannenden, locker miteinander verwobenen Episoden inszeniert Ayer mit einer soghaften Intensität. Mindestens vier Kameras filmten gleichzeitig, und der Regisseur ließ sie überall installieren: auf der Motorhaube der Dienstwagen, im Koffer- und Fußraum, sie steckten an den Uniformen der Polizisten und klemmten auf Gewehrläufen. Zusätzlich filmt Gyllenhaals Figur Taylor selbst, weil er einen Filmkurs belegt hat und seine Kamera unerlaubterweise mit zum Dienst bringt. Im Schnittraum warf Ayers Team dann alle Aufnahmen in einen digitalen Häcksler und formte aus Abertausenden Bildschnipseln und Blickwinkeln ein irrsinnig schnell geschnittenes Action-Ungetüm, das den Zuschauer unweigerlich in das Geschehen hineinzieht. Distanz? Unmöglich.
Ayer sagt, er habe so nah wie möglich an die Realität herangewollt und eine Mischung aus "Training Day" und YouTube-Video angestrebt. Eher aber wird Realität in seiner Inszenierung zu einem stark verdichteten Konzentrat, zu einer mythisch durchsetzten Heldengeschichte gar. Mit den Klassikern des Polizeifilms hat "End of Watch" recht wenig zu tun. Filme wie Sidney Lumets "Serpico" (1973) und "Tödliche Fragen" (1990) waren grüblerische Großstadtgeschichten, die über die Unmöglichkeit von Gerechtigkeit und einen korrupten Staatsapparat meditierten.
"End of Watch" dagegen ruft Erinnerungen an die düsteren Western von Anthony Mann wach, zum Beispiel "Winchester '73" (1950). Hier ist James Stewart ein von Rachegelüsten Getriebener, der inmitten der Wildnis selbst für seine Vorstellung von Gerechtigkeit sorgt. Die erkämpft er sich mit der Waffe in der Hand, auch wenn er dafür den eigenen Bruder niederknallen muss. Der unbarmherzige Kampf Mann gegen Mann, der Waffenfetischismus, die Faszination der Gewalt und das existentielle Drama - all das gehört zur kulturellen DNA der USA und speist auch das mitreißende Narrativ von "End of Watch". Nur verläuft die Frontier, das mythische US-amerikanische Grenzland, jetzt nicht mehr im Wilden Westen, sondern mitten durch die Großstadt Los Angeles.
Ein soziales Problem erkennt der Film in der täglichen Gewalt in South Central dagegen nur am Rande. Dass es sich bei den Drogen- und Gangkriegen letztlich um Verteilungskämpfe der Armen und Perspektivlosen handelt, thematisiert er kaum. Er kennt nur die Guten - dazu gehört auch Cop Zavala, dessen Familie aus Mexiko stammt - und die Bösen: Latinos und Schwarze, die hier wenig mehr sind als exzentrische Irre mit goldenen Knarren, die auch vor Menschenhandel und Folter nicht zurückschrecken.
Vermutlich ist manches an dieser Darstellung sogar nicht einmal überzeichnet. Aber sie dient nicht der Beschreibung der Realität, sondern der Fortschreibung des amerikanischen Gründungsmythos: In den USA kann zwar jeder sein Glück finden - aber er muss es sich notfalls mit Blut erkämpfen.
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