"Jakob der Lügner" DDR-Star Erwin Geschonneck gestorben

Er brillierte in Defa-Filmklassikern wie "Nackt unter Wölfen" und "Jakob der Lügner": Erwin Geschonneck war einer der größten Kinostars der DDR. Heute ist er im Alter von 101 Jahren gestorben.


"Aufrecht und doch listig sind Geschonnecks Figuren, zupackend und störrisch, mit Witz und Herz" schrieb die "Frankfurter Rundschau" zum 95. Geburtstag Erwin Geschonnecks. Der 1906 in Ostpreußen geborene Schauspieler war Schüler von Bertolt Brecht in Berlin und Ida Ehre in Hamburg und wirkte als Charakterdarsteller in Dutzenden Kino- und Fernsehfilmen mit, denen er mit einer humorvoll-hintersinnigen Art seinen Stempel aufdrückte.

Geschonneck im Defa-Erfolg "Karbid und Sauerampfer" (1963): "Ich habe an die DDR geglaubt"
Progress Film-Verleih

Geschonneck im Defa-Erfolg "Karbid und Sauerampfer" (1963): "Ich habe an die DDR geglaubt"

Schnell wurde Geschonneck zu einem der prominentesten und beliebtesten Schauspieler der DDR, das ostdeutsche Kino prägte er nachhaltig mit. Zu seinen bekanntesten Filmen zählen die Defa-Produktionen "Fünf Patronenhülsen", "Gewissen in Aufruhr", "Nackt unter Wölfen" sowie Frank Beyers "Jakob der Lügner" (1976), die einzige DDR-Produktion, die für einen Oscar nominiert wurde.

Geschonneck wuchs in Berlin in einem eher proletarischen Umfeld auf und wandte sich früh der Kommunistischen Partei zu. Als die Nazis an die Macht kamen, flüchtete er in die Sowjetunion, wurde jedoch wieder ausgewiesen und in Prag festgenommen. Jahrelang fristete er ein Gefangenendasein in Sachsenhausen, Dachau und Neuengamme, schließlich überlebte er die Todesfahrt des KZ-Schiffs Cap Arcona, das nach der Bombardierung durch die Alliierten sank.

Die Akademie der Künste erklärte heute, sie trauere um ihr Mitglied, "dessen künstlerisch wie politisch engagiertes Schaffen seit Jahrzehnten hohes internationales Ansehen genießt". Geschonneck sei ein aufrechter, unbeugsamer Zeitgenosse gewesen. Seine Biografie spiegele ein Jahrhundert deutscher Geschichte.

1949 kehrte Geschonneck in die zerstörte Hauptstadt zurück und wurde Mitglied am Berliner Ensemble. Viel später sollte er das Theater hinter sich lassen, um sich ausschließlich der Arbeit für Film und Fernsehen zu widmen. Nur Schauspieler zu sein, war ihm allerdings immer zu wenig, schreibt er in seiner Biographie "Meine unruhigen Jahre", die 1993 neu veröffentlicht wurde. "Ich wollte verändern, mitgestalten", so Geschonneck, der zugegeben hat, als IM Erwin mit der Stasi zusammengearbeitet zu haben. An die DDR habe er geglaubt, sagte er einmal.

Zum letzten Mal stand Erwin Geschonneck 1995 in der von seinem Sohn Matti gedrehten Tragikomödie "Matulla & Busch" vor der Kamera. An seinem 100. Geburtstag im Dezember 2006 wurde der große alte Mann des DDR-Kinos mit einer Hommage in der Akademie der Künste geehrt. Der MDR hat sein Programm geändert und zeigt morgen einen der größten Erfolge Geschonnecks, das Nachkriegs-Drama "Karbid und Sauerampfer" von 1963.

bor/AP/dpa



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