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27. Oktober 2015, 12:21 Uhr

Neuer Bond-Film "Spectre"

Ein Freak im Kampf gegen das Böse

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Es ist das wohl teuerste Kammerspiel der Welt: "Spectre", der vierte und vermutlich letzte Film mit Daniel Craig als James Bond, ist ein Spektakel. Trotz der lustlosen Actionszenen.

Womit fühlen wir uns sicherer? Mit einer zentralen Schaltstelle der globalen Überwachungsmacht, die aus einem glitzernden Büro-Turm ihre Drohnen in die Welt schickt, zum allumfassenden Beobachten und Durchleuchten, zum Manipulieren und zum Töten? Ist die totale Transparenz ein Garant für den Schutz vor dem Bösen? Oder muss man dem Dunklen dieser Welt in seinem angestammten Biotop begegnen? In den Schatten, wo sich nur wenige auskennen und behaupten können. Männer wie James Bond.

Alte gegen neue Welt: Spätestens in "Skyfall" wurde dieses Grundmotiv der aktuellen 007-Erzählung etabliert. Braucht man den Doppelnull-Agenten mit der Lizenz zum Töten, diesen Mann fürs Grobe im Geheimdienst ihrer Majestät noch? Oder kann die Technik all das viel besser und sauberer erledigen?

In "Spectre", dem 24. Film der Spionage-Thriller-Reihe, der am 5. November in Deutschland anläuft, soll der gute alte MI6, die Behörde, die Bond in seine mörderischen Einsätze schickt, endgültig dicht gemacht werden. "M" (Ralph Fiennes) sieht sich mit seinem Abwickler konfrontiert, dem schleimigen Max Denbigh (Andrew Scott) - Codename "C" - der das neu gegründete, Nationen überspannende Center for National Security (CNS) leiten soll.

Bis aufs Blut

Bond, zum vierten Mal von Daniel Craig verkörpert, ist einmal mehr auf sich allein gestellt. Er versucht, endlich die Hintermänner der Verbrechen und Terrorakte zu entlarven, die ihn seit seiner ersten Mission in "Casino Royale" immer wieder auch auf persönlicher Ebene piesacken.

Dazu begibt er sich buchstäblich mitten hinein ins Schattenreich, zu einem Treffen der mysteriösen Organisation namens Spectre in Rom, das als pompöse Zusammenkunft einer okkulten Loge inszeniert ist. Nicht nur dieser Geheimbund scheint ihm immer einen Schritt voraus zu sein, Bond wird auch von den eigenen Leuten überwacht, von Nano-Partikeln in seinem Blut, sogenanntem Smartblood, das seinen Aufenthaltsort und seine Lebensfunktionen nach London überträgt. Aber Bond wäre nicht Bond, wenn er keinen Weg finden würde, selbst die invasivste Ausspähung außer Kraft zu setzen.

Video: Trailer zu "Spectre"

"Spectre" bedeutet "Phantom", folglich liegt das Gesicht des gespenstischen Anführers zunächst im Dunkeln. Später entpuppt er sich nicht nur für 007 als ein sehr alter Bekannter, auch dem langjährigen Bond-Fan ist sein Name geläufig. Gespielt wird dieser ominöse Franz Oberhauser vom österreichischen Oscarpreisträger Christoph Waltz.

Zu viel darf man hier nicht verraten, denn "Spectre", mit 148 Minuten der längste Bond-Film, ist zwar ein angemessen rasant getakteter Action-Thriller. Das eigentliche Spektakel ist aber das beinahe kammerspielartige Psychodrama, das sich abseits der Schauwerte auffächert und viele lose Enden aus den vorherigen drei Filmen verknüpft.

"Casino", "Quantum", "Skyfall", "Spectre": Dieser Vierklang vereint die bisher längste zusammenhängende Erzählung im Bond-Kinokosmos. Mit Craig kamen nicht nur Charakter- und Psychodrama in das Genre, sondern auch das serielle Narrativ, ein gelungenes Zugeständnis an den modernen Zuschauer, der lieber komplexe Geschichten im TV schaut, als hochgerüstete, in sich geschlossene "Procedurals" im Kino.

An dieser Balance zwischen Action und Anspruch drohte das ganze Projekt aber auch von Beginn an immer wieder zu scheitern. In "Spectre" ist das Gleichgewicht nun erstmals gestört. Der ehemalige Theaterregisseur Sam Mendes, der schon "Skyfall" drehte, hat viel Stoff zu verarbeiten. Immer wieder werden Referenzen zu den Vorgänger-Filmen mehr oder weniger subtil eingeflochten, vom legendären Aston Martin DB5 bis zu einer Zugfahrt-Romanze zwischen Bond und der Ärztin Madeleine Swann (Léa Seydoux), die exakt jene Szene aus "Casino Royale" spiegelt, in der er seine große Liebe Vesper Lynd kennenlernt.

Gute Dialoge, schwache Stunts

Die Dialog-Szenen sind zum großen Teil grandios, egal, ob Bond die von Monica Bellucci gespielte Witwe eines seiner Opfer mit rhetorischer Erotik bezirzt oder sich sarkastische Wort-Scharmützel mit "M" und dem nerdigen Quartiersmeister "Q" (Ben Whishaw) über seine Missionsparameter und die Ausstattung liefert - hier sitzt jede Geste, jeder Tonfall, jeder abschätzige Blick und jede steife britische Oberlippe.

Die Action-Sequenzen hingegen wirken, als würde Mendes sie - etwas lustlos - nur deswegen inszenieren, weil sie nun einmal dazugehören. Es gibt aufwendigste Verfolgungsjagden mit teuren Sportwagen, loopingschlagenden Helikoptern und einem Flugzeug, das zum alpinen Schlitten umfunktioniert wird. Aber nichts davon besitzt jenen Wow-Effekt, den man von einem Prestige-Film erwarten würde, der angeblich zwischen 250 und 300 Millionen Dollar gekostet haben soll.

Köpfchen statt Potenz

Man merkt: Während es in den Bond-Filmen früherer Jahrzehnte um den Schauwert und die atemberaubendsten Stunts und Gimmicks ging, spielt bei Mendes die Symbolik der Bilder eine entscheidendere Rolle: In "Skyfall" plumpst Bond zweimal signifikant ins Wasser, geht sozusagen unter; "Spectre" lässt ihn nun gleich mehrfach wieder zum Kämpfen in die Lüfte steigen, so wie sich der zuletzt arg geschundene und zerquälte Charakter im Laufe dieser Prequel-Erzählung allmählich zum zynischen, arroganten und manipulativen Supermacho entwickelt, den Sean Connery und auch Roger Moore einst im Sinne Ian Flemings spielten. Craigs zwischen Brutalität und Nervosität pendelnder Minimalismus ist auch hier erneut ein großes Schauspiel.

Im finalen Showdown zwischen Bond und Oberhauser spiegelt sich dann wiederum eine Schlüsselszene aus "Casino Royale". Während es damals Bonds Geschlechtsteile waren, die von Mads Mikkelsens Le Chiffre malträtiert wurden, bohrt sich Oberhauser nun buchstäblich in den Kopf von 007 - Köpfchen statt Potenz, so ließe sich nicht nur der gesamte Film überschreiben, sondern auch der vom jeweiligen Zeitgeist abhängige Wandel, dem die Bond-Saga seit ihrem Beginn in den Sechzigern ausgesetzt war.

Der Böse und der Freak

Die große Meta-Frage, ob man sich letztlich von einem privatwirtschaftlich organisiertem Superschurken wie Oberhauser, der natürlich auch hinter der großen, totalitären Überwachungsagentur CNS steckt, besser beschützt fühlt als von einem Staatsterroristen wie James Bond, ist jedoch obsolet: Psychotische, schwer verhaltensgestörte Soziopathen sind beide auf ihre Art.

Vielleicht ist es diese im Film anschaulich dargestellte Verwandtschaft, die "Spectre" einerseits eine interessante - und politisch sehr aktuelle - gesellschaftsphilosophische Tiefe verleiht, andererseits aber auch einen wichtigen Spannungsmoment raubt: Das moderne Böse ist zu irre und unberechenbar, aber auch das altmodische Gute ist ein Freak. Es bleibt die ernüchternde Wahl zwischen zwei Übeln.

Mit dieser etwas zwiespältigen Botschaft endet mit großer Wahrscheinlichkeit Daniel Craigs Mission als James Bond. Der Brite gab sich zuletzt erschöpft und kündigte in Interviews bereits an, sich sehr genau überlegen zu wollen, ob er den Agenten noch einmal spielen möchte. Regisseur Mendes wie auch die für alle vier Craig-Filme federführenden Autoren Neal Purvis und Robert Wade dürften ebenfalls aus dem Spiel sein, sie haben ihre Geschichte schlüssig auserzählt.

Bond will return, so heißt es am Ende jedes Bond-Abenteuers und so viel ist sicher; viel zu lukrativ ist das mit Product Placement gespickte Franchise, "Skyfall" war mit über einer Milliarde Dollar Umsatz der erfolgreichste Bond aller Zeiten. "Spectre" wird kaum weniger einspielen. Aber braucht man ein Fossil wie Bond wirklich noch? Seine nächste Kino-Inkarnation wird es zeigen.

Noch mehr zum neuen Bond:

Im Video: Regisseur Mendes über Live-Stunts

Im Video: Das ist das neue Bond-Auto

Mitarbeit: Jule Lutteroth

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