Zum 50. Geburtstag von 007 Ich bin Bond-Boy, für immer

Rasante Traumautos, rassige Traumfrauen und eiskalte Killer, die ihre Gegner mit dem Gebiss töten - was geht eigentlich in einem kleinen Jungen vor, der in die Welt von James Bond eintaucht? Unser Autor war zarte 12 Jahre alt. Und er hat sein erstes Mal nie überwunden.

Von Lars-Olav Beier

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Als ich im Winter 1977 den ersten Bond-Film meines Lebens sah, war ich zwölf Jahre alt, und mir war mulmig. Denn ich ging mit Mitgliedern der Jungen Union ins Kino.

Meine Eltern waren mit meiner Schwester und mir aus dem protestantischen Bielefeld, damals eine Hochburg der Sozialdemokratie, in die erzkatholische, sehr konservative münsterländische Kleinstadt Oelde gezogen. Die CDU kam hier auf Prozentzahlen wie die CSU in Bayern. Doch mein Vater hatte einen Slogan von Klaus Staeck auf die Heckscheibe unseres silbergrauen Ford Granada geklebt: "Nostalgie ist noch lange kein Grund, CDU zu wählen."

Mein Vater war ein Held. Ich wusste nicht, was Nostalgie ist, aber sie war offenbar kein Grund, CDU zu wählen. Ehrlich gesagt wusste ich auch nicht so recht, was die CDU ist. Aber wer in der Jungen Union war, schien mir irgendwie auf die schiefe Bahn geraten zu sein. Andererseits: Meine große Schwester Kirsten hatte eine Freundin, die in der Jungen Union sehr aktiv war. Einmal in der Woche unternahmen die Unionisten was Dolles. Und das war in dieser Woche eben der neue Bond.

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Die James-Bond-Filmplakate: 007 als Posterboy
Natürlich wollte ich genau das machen, was meine große Schwester machte. Von der Doppelnull hatte ich schon gehört, damit kriegte man verstopfte Klos frei. War das spannend? Egal. Ich quengelte und quengelte, schließlich durfte ich mit. "Der Spion, der mich liebte" war frei ab 12. Ob mich die Jungen Unionisten sonst reingeschmuggelt hätten? Die Jusos hätten es bestimmt getan, aber die gab es damals in Oelde nicht.

Nun saß ich da, auf den harten Holzsitzen des Universum-Filmtheaters. Es ging total peinlich los. Ein Typ lag mit einer Blondine im Bett, sie knutschten und machten so Sachen. Sollte das jetzt etwa so weitergehen? Plötzlich schaute der Typ auf seine Uhr, ein Telexstreifen schob sich an der Seite raus. Schon besser! Interessantes Gerät. Die Blonde lächelte den Typen an, der blickte vom Telex auf und sagte: "Es ist gerade was gekommen." Die Jungs und Mädchen von der Jungen Union lachten.

Was war daran denn bitte komisch? Wusste ich doch, mit denen stimmt was nicht. Der Typ, offenbar James Bond, stand mittlerweile auf Skiern, andere Typen auf Skiern verfolgten ihn, sie trugen Schwarz und ballerten, was das Zeug hielt. Bond drehte in der Luft eine halbe Pirouette, hielt seinen Skistock waagerecht - und aus dessen Spitze schoss eine Rakete und traf einen der schwarzen Typen in die Brust. Jetzt saß ich auf der Kante meines Stuhls, und die Junge Union war sehr weit weg.

Die Welt von 007 war meine Welt

Und Bond sehr nah. Er raste auf einen Abgrund zu, das sah schlimm aus, da ging es mehrere hundert Meter in die Tiefe. Aber es gab nur diesen einen Weg, zu viele Verfolger. Er flog über die Klippe, ich konnte kaum hingucken, er stürzte in die Tiefe, in den Tod, verdammt, was war das, ein Kurzfilm? Auf einmal, mit einem satten Plopp, öffnete sich ein Fallschirm: Der Union Jack ging auf, die britische Flagge. Alle klatschten.

Dann kam der Vorspann. Der Vorspann? Ja, der Film begann ein zweites Mal. Bald tauchte ein Mann auf, der hieß Stromberg und war offenbar der Bösewicht. Einer der Nachbarorte von Oelde heißt Stromberg, er liegt sechs Kilometer entfernt. Von dort kamen auch Gute, das wusste ich, ein paar gingen in meine Klasse. Dann gab es eine Frau, sie hieß Anya Asamova und trug ein Kleid, wie ich es noch nie gesehen hatte. Ihre Brüste reckten sich mir entgegen, vielleicht quollen sie mir auch entgegen, ein Naturereignis, der schönste 3-D-Effekt meines Lebens.

Es gab auch einen riesigen Mann mit Zähnen aus Stahl. Einmal biss er einem anderen Mann das Genick durch. Ich war begeistert. Später hing er mit seinen Zähnen an einem Magneten fest, und ich litt mit ihm. Ich hatte ein paar Füllungen aus Amalgam und wusste, wie weh es tut, wenn im Mund Metall auf Metall stößt, wenn man etwa auf Staniolpapier beißt. Schließlich landete der Kerl in einem Haifischbecken, doch er umklammerte den Hai und biss ihn tot.

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Doppelnull-Design: Der Look von Bond. James Bond.
Als ich das Kino verließ, schwebte ich. Niemand konnte mir noch gefährlich werden, auch nicht die Junge Union. Die Welt von 007 war meine Welt. Ich fing an, Filmmagazine zu kaufen, ich fand heraus, dass es Bond-Romane gab, für 4 DM und 80 Pfennig das Stück. Jede Woche, gleich am Dienstag, wenn die neuen Plakate und Aushangfotos kamen, ging ich zum Kino, in der Hoffnung, einer der alten Bond-Filme werde gezeigt. Und natürlich wollte ich sein wie Bond.

Dann schaute ich mir die Sache genauer an: Roger Moore, der Darsteller von 007, war damals schon fast 50. Der Job schien also eher etwas für die zweite Lebenshälfte zu sein. Einen Bond-Film drehen? Könnte eng werden, mein Taschengeld betrug 15 DM. Und wie wäre es mit einem Hörspiel? Ich mochte Hörspiele, hatte mit dem Nachbarsjungen Dietrich "Didi" Deiters schon einen Thriller aufgenommen, über einen Jungen, der allein zu Hause ist.

Maschinenpistolen in Oelde? Schwierige Sache

Bei den Dreharbeiten zu dem Hörspiel, in dem der Junge nachts von einem Unbekannten überfallen wird und in Todesangst die Polizei anruft, hatten wir versehentlich die 112 gewählt. Die Feuerwehr hatte den Anruf zurückverfolgt und uns auf die Wache bestellt. Sie hatten uns einen Vortrag gehalten und uns dann, zur Strafe, die gesamte Feuerwache gezeigt. Super!

Nun also James Bond. Im Gegensatz zu mir war Didi technisch sehr talentiert, der Daniel Düsentrieb unserer Straße, neuerdings: Q. Wir brauchten ein Hallgerät, weil die Bond-Filme irgendwann immer in wahnsinnig großen Räumen spielten; Didi baute es. Wir brauchten Laser-Geräusche, weil der nächste Bond-Film nach "Der Spion, der mich liebte" im Weltall spielte; Didi baute einen Synthesizer. Am schwierigsten waren die Maschinenpistolen. Wir probierten Knallkörper aus, keiner klang richtig. Irgendwann schleppte Didi den elektrischen Kantenschneider seiner Eltern an. Während in unserem Garten der Rasen sozialdemokratisch wild wuchs, hielt die Deiters-Familie ihn christdemokratisch kurz; auch an den Kanten. Das Geräusch der ratternden Scherblätter war phantastisch, vor allem, nachdem wir es dreimal durchs Hallgerät gejagt hatten.

Nach rund zwei Jahren Produktionszeit, in denen mein Kinderzimmer aussah wie ein Tonstudio und man ständig über eines der zig Kabel stolperte, war "Sphinx" (kein übler Bond-Titel!) fertig. Über 140 Minuten lang, wir hatten den bis dahin längsten Bond-Film übertroffen. Als wir unser Hörspiel vorführten, wurden wir gefragt, warum darin gar keine Frauen vorkämen. Didi und ich guckten uns an: Wie jetzt? Frauen?

Bond war aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken. Ich fing an, über Filme zu schreiben, 1985 verfasste ich über den letzten Roger-Moore-Bond "Im Angesicht des Todes" eine meiner ersten Kritiken für "Die Glocke", die "Heimatzeitung im Herzen Westfalens". Ich wusste damals, im Alter von 20, natürlich alles besser. Es war ein übler Verriss, meine Überschrift lautete: "Im Angesicht der Rente". Ich war sehr stolz auf den Kalauer, der Besitzer des Universum-Filmtheaters sehr erbost.

Woher kommt denn der Fisch?

50 Jahre Bond - das sind auch 35 Jahre meines Lebens. Am Anfang meiner Pubertät war er ein Held, der wie gerufen kam: Jeder Situation gewachsen, schlagfertig, kriegte jede Frau. Und Kerle, die sich vor ihm aufplusterten, machte er mal nebenbei ein paar Nummern kleiner. Nun bin ich erwachsen (oder glaube es zu sein), aber 007 ist immer noch eine magische Nummer. Wie ein kleiner Junge saß ich vor ein paar Wochen bei Ken Adam, pardon, bei Sir Ken Adam in seiner Wohnung im vornehmen Londoner Stadtteil Knightsbridge und lauschte seinen Geschichten.

Adam war seit dem ersten Bond-Film "Dr. No" (1962) Production Designer der Bond-Filme, er hat den visuellen Stil der Serie geprägt. Er hat auch "Der Spion, der mich liebte" ausgestattet; einer der Bond-Filme, über die er am liebsten redet, auf die er besonders stolz ist. Bond rast darin mit einem Lotus Esprit von einem Bootssteg ins Wasser, doch der Wagen verwandelt sich in Nullkommanichts in ein U-Boot. "Es war voll funktionsfähig", erzählt Adam, 91. "Nur zur Sicherheit mussten die Schauspieler Sauerstoffflaschen bei sich haben." Aber als 007 mit dem Lotus aus dem Meer an den Strand gefahren sei, die Scheibe heruntergekurbelt und einen Fisch herausgeworfen habe, sei der Produzent der Bond-Filme, Albert R. Broccoli, sauer gewesen: "Wo kommt der verdammte Fisch her?'" Tja, wo soll der denn bitte herkommen? Die Frage hatte ich mir damals schon gestellt, 1977, im Kino in Oelde.

Heute weiß ich: Wer im Kino Spaß haben will, darf nicht die falschen Fragen stellen. Kinohelden werden nicht dadurch überlebensgroß, wenn sie der Wirklichkeit folgen. Sie eilen ihr voraus. James Bond war darin immer der Meister aller Klassen - und die Filme waren es auch. Adam erzählt, dass der Stararchitekt Sir Norman Forster von seinen Dekors für "Der Spion, der mich liebte" inspiriert wurde. Den U-Bahnhof an der Londoner Canary Wharf hat Forster Ende der Neunziger nach Adams Vorbild gebaut. Kürzlich stand ich dort, inmitten dieser modernen Kathedrale, durch die täglich Tausende von Menschen hetzen, und erkannte zahllose Details wieder, die Gangways aus Metall etwa, die hier völlig sinnlos wirken, und ich begriff: Bond ist Teil unserer Wirklichkeit.

James Bond hat mich zum Kinofan gemacht, ihm verdanke ich meinen Job, er hat mein Weltbild geprägt. In "Der Spion, der mich liebte" arbeitete er erstmals mit seinen Erzfeinden vom KGB zusammen. Ich weiß seither, dass es ziemlich böse Menschen gibt auf der Welt, dass man sie sich aber stets sehr genau anschauen muss. Sogar die Junge Union tut ja manchmal etwas Gutes. Kleine Jungs ins Kino mitnehmen, zum Beispiel.

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Seite 1
thorkhan 03.10.2012
1. Download bitte!
Zitat von sysopddp imagesRasante Traumautos, rassige Traumfrauen und eiskalte Killer, die ihre Gegner mit dem Gebiss töten - was geht eigentlich in einem kleinen Jungen vor, der in die Welt von James Bond eintaucht? Unser Autor war zarte 12 Jahre alt. Und er hat sein erstes Mal nie überwunden. http://www.spiegel.de/kultur/kino/james-bond-wird-50-jahre-alt-ein-geburtagsgruss-a-858960.html
Gibts das Hörspiel noch? Würde zu gerne einmal rein hören. Guter Artikel! :)
Walther Kempinski 03.10.2012
2. Der Artikel über Adele
Da beim Adele-Bericht (Adele zweifelte an Anfrage für James-Bond-Titelsong - SPIEGEL ONLINE (http://goo.gl/AAAEn)) kein Forum angefügt ist, lasse ichs eben hier ab. Wieso ist der Adele-Bericht eigentlich so schwammig gehalten? Vor was genau hat Adele denn Angst? Hat sie Angst zu versagen oder aber von der Marke Bond bis an ihr Lebensende gebrandmarkt zu werden? (genauso wie Shirley Bassey!! --> man beachte die Ausrufezeichen hier und im Artikel). Übrigens empfinde ich die Bond-Reihe schon seit Timothy Dalton als nicht mehr sehenswert. Leute die Bond-Fans sind, sind so ne ganz spezielle Gruppe. Meiner Ansicht nach oberflächliche Edel-Schnösel, die auch in der Regel Apple-Produkte kaufen, sich aber nicht daran stören, dass seit Sean Connery die Qualität der Marke Bond eher nach unten zeigt (mit wenigen Ausnahmen).
avada~kedavra 03.10.2012
3.
Zitat von sysopddp imagesRasante Traumautos, rassige Traumfrauen und eiskalte Killer, die ihre Gegner mit dem Gebiss töten - was geht eigentlich in einem kleinen Jungen vor, der in die Welt von James Bond eintaucht? Unser Autor war zarte 12 Jahre alt. Und er hat sein erstes Mal nie überwunden. http://www.spiegel.de/kultur/kino/james-bond-wird-50-jahre-alt-ein-geburtagsgruss-a-858960.html
Schon etwas unlogisch warum nicht alle Filmplakate gezeigt werden, und warum auch nicht in chronologisch korrekter Reihenfolge. Aber die Aussage: bei Bild 2 ist amüsant, da bei dem Plakatbild für den 6. Bond-Film z. B. *kein* Apostroph vorhanden ist (wie auch bei dem unterschätzten "Im Geheimdienst Ihrer Majestät").
lutzskywalker 03.10.2012
4. optional
Es scheint ein kleiner Fehler unterlaufen zu sein. Im Artikel heißt es: "Wir brauchten Laser-Geräusche, weil der nächste Bond-Film nach "Der Spion, der mich liebte" im Weltall spielte;". Es ist wohl der Film "Moonraker - Streng geheim" gemeint.
guschtigans 03.10.2012
5. optional
Bild 7 der Serie wurde nie im Film ausgestrahlt. Die Szene mit dem Teppich wurde kurz vor der Veröffentlichung rausgeschnitten.
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