James-Brown-Biopic "Get On Up" Maniac der schwarzen Musik

Aufgewachsen bei einer Puffmutter, hochgearbeitet zum Superstar, gestürzt über Drogen und Gewalt: "Get On Up" ist ein eindrucksvolles Filmporträt von Soul-Legende James Brown - eines Maniacs, der von Schmerz und Lust getrieben war.

Von Nina Rehfeld


Ein verärgerter schwarzer Mann mit Schrotflinte schlendert in ein Versicherungsvertreterseminar - der personifizierte Albtraum des weißen Amerika. Ein Schuss löst sich, kreischend werfen sich die Leute zu Boden, der Mann sagt grinsend: "Good Gawd!" Der Mann ist James Brown, wir schreiben die späten Achtziger, und Brown ist sauer, weil einer von den braven Leuten, die einen Raum in seinem Gebäude gemietet haben, ungefragt in sein Klo geschissen hat. Als sich eine schlotternde Blondine als Missetäterin zu erkennen gibt, greift Brown sie am Arm und sagt: "Get on up - komm schon hoch. Du hast dir selbst geholfen, gut so. Anders kann man nicht leben."

Die Szene ist eine wunderbar komische Verneigung vor "Pulp Fiction". Und sie etabliert geschickt, wie Regisseur Tate Taylor sein Musiker-Biopic gefasst hat: als dreiste Emanzipationsgeschichte. "Get On Up" ist das Porträt von einem, der aus der Reihe tanzt und dabei wirtschaftliche, soziale und musikalische Grenzen niederreißt. Und der sich doch in seinem Innern nie ganz befreien kann.

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Biopic "Get On Up": "Anders kann man nicht leben"
Tate Taylor, ein weißer Südstaatler aus Mississippi, machte 2011 mit dem Oscar-gekrönten, aber auch umstrittenen Rassismusdrama "The Help" auf sich aufmerksam. Als er im Jahr darauf Spike Lee als Regisseur von "Get On Up" ersetzte, ging ein Aufschrei durch die schwarze Community. Noch im August, als der fertige Film in den USA anlief, schienen die Kritiker nicht mit der Wahl des Regisseurs versöhnt zu sein. Doch Hauptdarsteller Chadwick Boseman hatte es so ziemlich allen angetan.

Boseman sieht Brown nicht besonders ähnlich, aber er transportiert dessen manische Energie mit ungeheurer Konzentration. Sein Porträt des Mannes, dessen Arroganz die Gesetze der Physik selbst herauszufordern scheint und der sich schließlich selbst zu viel wird, hat zu Recht bereits für Oscar-Geflüster gesorgt. Bosemans Performance ist derart fesselnd, dass sogar die spektakulären Dancemoves, die Mick Jagger und Michael Jackson inspirierten (und die Boseman in erbarmungslosem Training einstudierte), zur Nebensache werden.

Kraft der schwarzen Musik

Boseman spielt James Brown über 46 Jahre dessen Lebens, vom 17-Jährigen, der einen Anzug klaut und im Knast seinen musikalischen Weggenossen Bobby Byrd (Nelsan Ellis) kennenlernt, bis zum 63-Jährigen, der nach dem Zusammenbruch seines Imperiums, dem Zerwürfnis mit Byrd und einer Gefängnisstrafe wegen Waffen- und Drogendelikten, versucht, ein Comeback zu orchestrieren.

Eigentlich beginnt die Geschichte aber in einem Wald in South Carolina. Dort wächst James in bitterarmen Verhältnissen auf und lernt Gewalt als Umgangsform kennen. Die Mutter (Viola Davis) verlässt die Familie, der Vater gibt den kleinen James in die Obhut seiner Tante Honey (Octavia Spencer), einer Puffmutter. Schließlich entdeckt er in einem Gospel-Gottesdienst die Kraft der schwarzen Musik. Singen wird für ihn zu einem elektrisierenden Befreiungsakt von Missbrauch, Erniedrigung und Rassismus, ein emotionales Mittel der Ermächtigung.

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Rassismusdrama "The Help": Weiße Heime, schwarze Hilfen
In "The Help" hat Taylor bereits Octavia Spencer in einer Oscar-gekrönten Rolle inszeniert, und schon in diesem Film verhandelte er Aspekte des Rassismus mit erstaunlich leichter Hand. In "Get On Up" wächst er über das Thema hinaus. Statt in großen Schaubildern zeigt Taylor die Komplexitäten der Beziehungen zwischen schwarz und weiß in pointierten Miniaturen. Brown lässt sich und seinen Bandmitgliedern das Haar glätten, und er singt die Befreiungshymne des schwarzen Amerika: "I'm Black and I'm Proud!" Er besteht darauf, mit "Mr. Brown" angesprochen zu werden - nur sein weißer Mentor und Freund, der Musikproduzent Ben Bart (Dan Aykroyd) darf ihn "Jimmy" rufen. Brown nennt ihn liebevoll "Pop". Taylor scheut auch Peinlichkeiten nicht, wie die Frage einer weißen Reporterin: "Und was essen Sie so?"

Die Machtproben, die sich Brown mit dem weißen Establishment liefert, zählen zu den amüsantesten Szenen. Aber es gibt auch viele dunkle Momente: Der erschütternde Rassismus in Browns Kindheit, die bittere Abrechnung des Superstars mit seiner Mutter, der Bruch mit Kollegen. Denn Browns aggressive Egomanie und rastlose Energie haben eine hässliche Seite - den tyrannischen Umgang mit anderen, den Hang zur Gewalttätigkeit. Eine Szene, in der er seine Frau Deedee (Jill Scott) verprügelt und sie das in einem erniedrigenden Ausweichmanöver in eine sexuelle Avance umleitet, ist das furchtbar akkurate Spiegelbild eines Erlebnisses aus Browns bitterer Kindheit.

Man kann Taylors Film vorwerfen, Browns Übergriffen auf Frauen nur etwas mehr als eine Fußnote zu widmen. Aber man muss dazu wissen, dass die afroamerikanische Community komplex darüber debattiert, ob die Anzeige solcher Übergriffe einen Verrat an der eigenen, von weißer Gewalt korrumpierten Kultur darstellt. So bat Browns zweite Frau Deedee selbst darum, die Darstellung der Gewalt gegen sie zu begrenzen, um Browns Ansehen nicht zu beschädigen. Und Taylor bringt solche Mechanismen durchaus zur Sprache: In "Get On Up" wird Brown seine zunehmend despotische Haltung nicht nur im Privaten, sondern auch beruflich immer wieder mit Verweis auf das Recht des Genies verziehen - allerdings um den Preis zunehmender Entfremdung und Verbitterung seiner Verbündeten.

Taylor erzählt die Geschichte in mehr als einem Dutzend Zeitsprüngen, ein frenetisches Sampling von Momenten aus Browns Leben. Sie verbinden sich zum schlüssigen Porträt eines Maniacs, der von Schmerz und Lust zugleich getrieben ist und der zu spät erkennt, dass nicht einmal James Brown so eine radikale Solonummer für immer durchhalten kann.

Get On Up

USA 2014

Regie: Tate Taylor

Buch: Jez Butterworth, John-Henry Butterworth

Darsteller: Chadwick Boseman, Nelsan Ellis, Dan Aykroyd, Viola Davis, Jill Scott, Craig Robinson, Aloe Blacc

Produktion: Imagine Entertainment, Jagged Films, Wyolah Films

Verleih: Universal

Länge: 139 Minuten

Start: 9. Oktober 2014

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