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"Get on Up"-Regisseur Taylor: "Die schwarzen Jungs sind übel betrogen worden"

Ein Interview von Nina Rehfeld

"Get on Up"-Regisseur Taylor: Schwarzer Sänger, weißer Teufel Fotos
Universal

Ein Film über James Brown - und ein Weißer führt Regie? Eine sehr umstrittene Wahl. Tate Taylor hält sich dennoch für den richtigen Mann und verrät, was ihn an der Soul-Legende jenseits von Musik, Gewalt, One-Night-Stands und Drogen fesselt.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Taylor, in Hollywood entstehen gerade sehr viele Biopics über Musiker - von Janis Joplin bis Jimi Hendrix. Wie kam es zu Ihrem Film "Get on Up" über James Brown?

Taylor: Mich faszinierte der Mann James Brown. Nicht seine Musik, nicht, wofür er steht - sondern diese Figur, der es nicht darum ging, reich und berühmt zu werden, sondern die von einer großen Furcht vor der Rückwärtsbewegung getrieben war. Das kennen wir doch alle. Wenn wir irgendwas im Leben erreicht haben, wachen wir nachts auf und denken: Oh Mann, vor zehn Jahren - da möchte ich nicht wieder landen. Dafür musst du dir den Arsch aufreißen, besonders in der heutigen Welt. Ich fand gut, das einer jüngeren Generation zu zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Film hat eine ziemlich komplizierte Entstehungsgeschichte.

Taylor: Stimmt. Am Anfang war James Brown selbst dabei. Er arbeitete mit dem Produzenten Brian Grazer an seinem eigenen Biopic - ganz James Brown eben! Brian hat mir erzählt, dass Brown natürlich zu allem eine Meinung hatte und lauter Ideen, wie alles auszusehen hätte. Nun, unglücklicherweise ist er 2006 gestorben, und damit fiel das Projekt auseinander, weil die Rechte zurück an seine Erben gingen.

SPIEGEL ONLINE: Damals sollte Spike Lee Regie führen, und es gab einiges Stirnrunzeln, als 2012 verkündet wurde, dass Sie ihn ersetzen würden. Schließlich ist Browns Geschichte auch eine Geschichte der Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen. Was qualifiziert Sie dafür?

  • DPA
    Tate Taylor wurde 1969 in Mississippi geboren. Lange Zeit arbeitete er als Schauspieler (unter andermen "Winter's Bone"), bevor ihm 2011 mit der Bestsellerverfilmung "The Help" über den Aufstand schwarzer Hausangestellter gegen den Rassismus ein Überraschungserfolg gelang. Weltweit spielte der Film über 210 Millionen Dollar ein.
Taylor: Erinnern Sie sich an Brown in Skipullovern?

SPIEGEL ONLINE: Ja. Brown und seine Band spielen in einer albernen Skihüttenkulisse in Strickpullis vor lauter adretten jungen weißen Leuten, die brav den Rhythmus mitklatschen.

Taylor: Und Brown lacht sich schlapp über das Ganze - die Inspiration für diese Szene stammt zum Beispiel direkt von der Fernsehcouch, die ich fünf Jahre lang mit der Schauspielerin Octavia Spencer geteilt habe. Ich habe einfach Glück, so viele afroamerikanische Menschen in meinem Leben zu haben. Dadurch kann ich verschiedene Perspektiven einnehmen. Ich mache das nicht absichtlich, aber ich versuche, in meinen Filmen Anknüpfungspunkte sowohl für schwarze als auch für weiße Zuschauer zu finden.

SPIEGEL ONLINE: "Get on Up" hat auch unangehme Momente - etwa, wenn die Rede auf den "white devil" kommt, die von Weißen gesteuerte Musikindustrie, die schwarze Künstler nach Strich und Faden ausnimmt.

Taylor: Unbequem zu sein, macht mir überhaupt nichts aus. Das ist die Wahrheit! Ray Charles und all diese schwarzen Jungs sind derart übel betrogen worden. Ich hatte überhaupt keine Bedenken, das musste gesagt werden. Und James Brown war ja der, der sagte: Schluss damit!

SPIEGEL ONLINE: Chadwick Boseman verkörpert Brown fulminant. Warum haben Sie einen fast unbekannten Schauspieler besetzt?

Taylor: Ich caste nicht danach, wer gerade auf dem Titel von "People Magazine" oder "US Weekly" ist. Ich spüre dem nach, was einen Schauspieler in einer bestimmten Rolle groß macht. Ich fand heraus, dass Chad aus South Carolina stammt...

SPIEGEL ONLINE: ...wo auch James Brown geboren wurde.

Taylor: Chad ist das Abziehbild des Südstaatlers, wir brauchten diese Vertrautheit mit dem Süden. Als wir uns trafen, bat ich ihn, den 63-jährigen James Brown zu geben, weil ich wusste: Das ist die wahre Herausforderung. Plötzlich lag diese Reife in seiner Stimme, er war ein älterer Mann. Später sagte er zu mir: Das war mein Großvater. Na ja, ich war überzeugt.

SPIEGEL ONLINE: James Browns Leben war wie seine Karriere auch von Tiefpunkten gezeichnet. Wie weit wollten Sie die ausloten?

Taylor: Natürlich mussten wir auch seine schwachen Momente zeigen. Unglücklichweise kennen die meisten Menschen, die nicht viel über James Brown wissen, nur seine dunklen Seiten - seinen Hang zur Gewalttätigkeit gegenüber Frauen, seine One-Night-Stands, seine Drogensucht. Unsere Welt funktioniert nun mal leider so, der sensationalistische Kram bleibt hängen - aber der sagt nicht viel darüber aus, wer dieser Mann eigentlich war. Den Großteil seiner Karriere trank er nicht, er rauchte nicht, er nahm keine Drogen - er fluchte nicht einmal. Das gehört sich nicht, und darauf wird in den Südstaaten immer noch Wert gelegt. Er bestrafte sogar Bandmitglieder, die Drogen nahmen und schrieb Songs dagegen.

SPIEGEL ONLINE: Dann schlugen die Dinge um.

Taylor: Ja, Mitte der Siebziger probierte er Marihuana, und erst am Ende, als ihn die Fehler seines Lebens einholten, verfiel er dem PCP. Aber das definierte ihn nicht. Er arbeitete, bis er starb, tourte dreißig Wochen im Jahr. Mir war wichtiger, das realistisch einzuordnen, anstatt das auszubeuten. Er war ein zerquältes Genie - das einzige, womit er sich identifiziert hat, war seine Musik, und wenn jemand das kompromittierte, wurde es hässlich. Echtes Genie ist leider sehr selten hübsch.

SPIEGEL ONLINE: Mick Jagger, der den Film koproduzierte, sagte, es sei die dümmste Entscheidung der Stones gewesen, 1964 bei der T.A.M.I.-Show in Santa Monica nach James Brown aufzutreten.

Taylor: Eine wahre Geschichte, die wir auch im Film haben. Irre, oder?

SPIEGEL ONLINE: Sehr lustig, wie Brown die Stones an die Wand spielte. Jagger war auch am Set, nicht wahr?

Taylor: Ja, sieben Tage, in Natchez, Mississippi. Toll, dass er da war - der Mann war immerhin live dabei, damals in den Sechzigern! Einfach cool, Geschichten aus dieser Zeit zu hören, dem Ganzen ein Stück Authentizität zu verleihen. Mick hat sich viel mit Chad unterhalten, sie haben oft zusammen Tee getrunken.

SPIEGEL ONLINE: Tee?

Taylor: Ja. Chad sagte eines Tages mit seltsamen Blick zu mir: Ich wurde zum Tee mit Mick Jagger gebeten, um über James Brown zu sprechen! Jagger hatte eine ganze Etage im Dunleith Historic Inn gemietet, eine wunderschöne alte Plantage von 1826 mit fünf Meter hohen Decken. Natchez war mal reicher als New York, zur Hochzeit der Baumwolle.

SPIEGEL ONLINE: Sie lassen Ihren James Brown hin und wieder die vierte Wand durchbrechen, er wendet sich also direkt ans Publikum. Warum?

Taylor: Biopics benutzen gern eine Montage von Schlagzeilen, um den Aufstieg einer Person darzustellen. Ich wollte das umschiffen. Ich dachte viel darüber nach, dass James ursprünglich Teil seines eigenen Biopics sein wollte, über seine kontrollsüchtige, großspurige Persönlichkeit - und ich dachte mir: Warum lässt du James seine Geschichte nicht selbst erzählen? Wer könnte es besser?

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Neu im Kino: Tops und Flops
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insgesamt 9 Beiträge
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1. Get On UP !!!!!!!!!
triptis33 11.10.2014
Get ON UP und geh ins Kino wenn du ein Fan vom Godfather of Soul bist ! Ich habe James Brown 1989 im Sommer in Ost ! Berlin also noch in der alten DDR gesehen und kann nur sagen er war wirklich der Godfather auch wenn natürlich ein Konzert hier in Deutschland nicht das selbe ist wie in den USA !Dort ging mit sicherheit einfach mehr die Post ab ( vom Publikum her ) Heute habe ich den Film im Kino gesehen und kann nur sagen es Lohnt sich !
2. Rassismus
blauzunge 12.10.2014
Zu unterstellen ein weißer könne nur aufgrund seiner Hautfarbe keinen Film über das Leben eines schwarzen drehen ist dumm und rassistisch. Nur das dieses Mal der weiße diskriminiert wird.
3. Was soll die Aufregung?
Criticz 12.10.2014
Ein Weißer führt Regie.....na und? Sollen nur noch Schwarze Regie bei Filmen über Schwarze machen und Weiße über Weiße? Ein mit Verlaub selten dämlicher Aufmacher.
4. Nicht nur die Weissen ...
wexelweler 12.10.2014
Im Musikbusiness war früher im allgemeinen der Künstler der A*** unabhängig von der Hautfarbe. Heute sind's die Konsumenten, die überall zum Nutzen der Rechteinhaber - also Konzernen - mehrfach zur Kasse gebeten wurden, dies mit freundlicher Unterstützung der Politik. Ein Hoch allen Künstlern die es geschafft haben und viel Erfolg allen die noch daran arbeiten.
5. Heute
jazzer 12.10.2014
schon James Brown gehört?
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