James Cameron über "Titanic" in 3D Hollywoods mächtigster Nerd

Pünktlich zum 100. Untergangstag bringt Regisseur James Cameron seine "Titanic" in 3D auf die Leinwand. Dabei soll es nicht bleiben: Der Großmeister der Blockbuster träumt von Kinoexperimenten, die andere als Science-Fiction verlachen würden. Die Geschichte eines Besessenen.

Twentieth Century Fox

Von und Natalia Higginson, Los Angeles


"So einen großen Wassertank gibt es nicht", sagt der Produzent.

"Dann bauen wir einen", erwidert der Regisseur.

"Der passt aber in kein Studio", hält der Produzent dagegen.

"Dann bauen wir eben eins", beharrt der Regisseur.

"Wo denn?", fragt der Produzent.

"Vielleicht müssen wir ein Stück Land kaufen", entgegnet der Regisseur.

Manche Dialoge klingen ein wenig größenwahnsinnig, kaum ein Drehbuchautor würde sie zu schreiben wagen. Doch dieses Gespräch ist verbürgt. James Cameron wollte die "Titanic" nachbauen, im Verhältnis 1:1. Und er verlangte dafür einen Wassertank mit 64 Millionen Liter Fassungsvermögen.

Camerons Unterredung mit Jim Gianopulos, dem damaligen Chef der Fox-Studios, markierte den Beginn einer Produktion, die Hollywoods Bosse in Panik versetzte, weil er Budget und Drehzeit weit überzog. Und die Medien weltweit zur Häme verführte: Sie unkten, dass Cameron mit "Titanic" das Schicksal des Schiffs teilen werde - er würde untergehen.

"Nerd, der viel Zeit mit Friemeleien verbringt"

Die Journalisten hatten unrecht. "Titanic" wurde der erfolgreichste Film aller Zeiten, rund 1,8 Milliarden Dollar Einspiel-Ergebnis, entthront erst 2009 von Camerons "Avatar". Nun, wenige Wochen vor dem Datum, an dem sich der Schiffsuntergang zum 100. Mal jährt, wird James Cameron am Dienstag in London die 3-D-Fassung seines Films der Weltöffentlichkeit vorstellen - so wie er es auf der Bühne des Zanuck Theatre auf dem Fox-Studiogelände in Los Angeles wenige Monate zuvor vor ausgewählten Journalisten getan hat.

Was für eine Erfolgsgeschichte. Dabei schaute James Cameron erst einmal in lange Gesichter, als er im Frühjahr 1995 im Büro von Gianopulos erschien und vorschlug, den Untergang der "Titanic" zu verfilmen. Nicht, dass man dem Mann, der mit "Terminator" und "Aliens" Filmgeschichte geschrieben hatte, das nicht zutraute. "Nur war dieser Film schon zwölfmal gemacht worden - wir wussten alle, wie er ausgehen würde", erinnert sich Gianopulos heute lakonisch.

Das ist eine, sagen wir mal, eher klassische Weise, um auf den Filmplot zu blicken. Cameron schlägt eine andere vor. "Was mich an 'Titanic' noch immer fasziniert", sagt er, "ist, dass zwei Stunden nach Filmbeginn, wenn bei anderen Filmen bereits der Abspann läuft, die Action überhaupt erst beginnt. Das hätten wir nie abziehen können, wenn nicht jeder Zuschauer vorab gewusst hätte, dass die gesamte Welt des Films der Zerstörung anheimfällt."

Cameron trägt auf der Bühne schwarze Jeans, ein blaues Hemd mit halb aufgekrempelten Ärmeln und offenem Kragen, dazu Kinnbart. Um seinen Hals baumelt etwas, das wie eine Sonnenbrille aussieht, aber auch seine persönlichen 3-D-Gläser sein könnten.

Hätte er "Titanic'" damals in 3D drehen können, er hätte es getan: "Aber die Idee, dass eines Tages die gesamte Filmindustrie in diese Richtung gehen würde, war fern." 18 Millionen Dollar ließ sich das Studio die Umwandlung kosten, an der Cameron mehr als zwei Jahre arbeitete.

Zwei lange Jahre. Denn die Konversion des 35-Millimeter-Films ins 4K-Digitalformat und in 3D sei "schrecklich minutiös, anstrengend und todlangweilig." Aber lohnenswert: "Wollen Sie nicht 'Indiana Jones' oder 'Der Pate' in 3D sehen?" Für einen Moment glättet sich die konzentrierte Falte in der Mitte seiner Stirn. Cameron ist kein Charmeur, kein Entertainer. Er steht einfach da am Bühnenrand, stoische Mimik, keine großen Gesten. Was er sagt, reicht, um das Publikum in seinen Bann zu schlagen.

James Cameron beschreibt sich selbst als "Nerd, der viel Zeit mit Friemeleien verbringt, um anderen etwas Cooles zu zeigen." Das ist kokett, wie ein verschrobener Tüftler wirkt er nicht. Glasklar und eloquent spricht er über Technik, über Psychologie und über Kunst. Binnen weniger Minuten wird klar, wie er die Fox-Studiochefs für seinen "Titanic"-Irrsinn begeistern konnte.

Tyrann am Set

Was ihn noch immer wurmt, ist, dass viele Medien seinen Film auf eine süße Romanze reduzierten - "als wäre Leo Justin Bieber". Aber Moment! Leonardo DiCaprio war doch der Justin Bieber der Neunziger? "Leo", sagt Cameron, "hat 'Titanic' lange verleugnet. Verständlicherweise. Er war ein junger, vielversprechender Schauspieler mit einer Oscar-Nominierung, der plötzlich zum Teenieschwarm mutierte. Das wollte er nicht sein, er wollte dunkle, zerrissene Figuren spielen, so wie jetzt. Ich glaube, er musste sich psychologisch ein Stück von 'Titanic' entfernen."

Die Lovestory sei ohnehin nur ein Teil des Ganzen gewesen, sagt Cameron. Und oberflächlich? Von wegen. Zum Beispiel Rose. Die Figur von Kate Winslet sei nach einer sozialpsychologischen Abhandlung namens "Reviving Ophelia" angelegt. In dem Buch von Mary Pipher geht es um den Selbstvertrauensverlust von Mädchen in der Pubertät angesichts vorbestimmter sozialer Rollen. "Rose hatte ihr Selbstvertrauen verloren. Jack zeigt ihr das Beste in ihr selbst und gibt ihr die Kraft, nicht nur die Schiffstragödie zu überstehen, sondern danach ihr Leben voll zu leben."

Es sprudelt aus Cameron hervor, vermutlich könnte er tagelang über "Titanic" reden. Hollywood respektiert ihn für seine intellektuelle Schärfe und fürchtet seinen Eigensinn. Und man spürt auch jenen tyrannischen Zug, der manche Menschen schwören ließ, nie wieder mit ihm zusammenzuarbeiten - auch wenn nicht alle diese Schwüre einhielten.

Die Zukunft? "Hologramme! Wer weiß?"

Der Komponist James Horner zum Beispiel gelobte nach "Aliens" 1986, auf weitere gemeinsame Projekte zu verzichten. Er schrieb dann doch die Musik zu "Titanic". Und er bewog Céline Dion dazu, ein Demo von "My Heart Will Go On" zu machen. "Ich fand den Song toll und schnitt ihn in den Film", erinnert sich Cameron, "und als nächstes bricht eine zweimonatige Schlammschlacht über die Rechte aus. Irgendwann sagte ich: 'Fuck you'. Danach waren sie kooperativer."

Wie seine Karriere verlaufen wäre, wenn "Titanic" - wie von vielen erwartet - ein Flop geworden wäre? "Kennen Sie die Leute, die ihren gesamten Besitz in einem Einkaufswagen vor sich herschieben?", fragt Cameron zurück. "So jemand wäre ich." Im Schnittraum habe er sich damals eine Rasierklinge mit einer Notiz an den Monitor geklebt: Zu benutzen, falls der Film beschissen ist.

Dafür liebt ihn Hollywood. Er stellt gigantische Projekte mit nie dagewesener Technik und haarsträubenden Methoden auf die Beine - der Unterwasserdreh von "The Abyss", die Computereffekte von "Terminator 2", das Riesen-Set von "Titanic". Erst liegen bei allen Beteiligten die Nerven blank. Und am Ende liefert er ein Epos ab, das alle Rekorde bricht.

Als Nächstes möchte der Mann, der sich nebenbei als Tiefseeforscher inszeniert und gerade zum Marianengraben getaucht ist (wie man hört, will er die "Avatar"-Fortsetzungen zum Teil unter Wasser drehen), gern "Terminator 2" in 3D konvertieren. Aber das hängt vom Erfolg der 3-D-"Titanic" ab.

Und was kommt sonst im Kino auf uns zu, Mr. Cameron? "Wir müssen die Bildfrequenz erhöhen", sagt er wie aus der Pistole geschossen. "Seit fast einem Jahrhundert sind wir bei 24 Bildern. Eine höhere Frequenz wird Filme schärfer, klarer, realistischer machen." Cameron macht eine Pause. "Jenseits davon? Hologramme! Wer weiß?"

Na ja. Den Tank bekam er ja auch.

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W. Robert 25.03.2012
1. Mythos Titanic
Die Titanic war schon immer eine Metapher für den Zustand der Gesellschaft. Das hatte schon Goebbels bemerkt, der mit großem Eifer seinerzeit die Verfilmung des „Untergangs der Titanic“ betrieben hatte. Man konnte die „Dekadenz“ der angloamerikanischen Gesellschaft im Sinne des Nationalsozialismus propagandistisch ausnutzen. Allerdings war die Schilderung der Katastrophe wahrscheinlich zu drastisch gelungen, um sie dem deutschen Kinopublikum in der Endphase des Krieges zuzumuten, weshalb der besagte Film in den Archiven verschwand. Erstaunlich ist auch die Tatsache, dass der (stark gekürzte) Propagandastreifen im kalten Krieg gelegentlich in der ARD zu sehen war. Immerhin ist es interessant, dass Camerons Neuverfilmung einige Elemente aus der alten Verfilmung direkt übernommen hat. https://en.wikipedia.org/wiki/Titanic_(1943_film)#Allegations_about_Titanic Wollte Cameron mit seiner weichgespülten Tragödie das Kinopublikum auf zu erwartende neue Katastrophen vorbereiten? Wie man sich erinnert war die Welt im Jahr 1997 im Gegensatz zu heute ein recht friedfertiger Ort. Auch der eigentliche Besitzer der Titanic, J.P. Morgan und dessen Nichtteilnahme an der Jungfernfahrt, beschwört in letzter Zeit allerlei Theorien herauf. In Krisenzeiten scheint die Titanic-Thematik jedenfalls verstärkt gefragt zu sein. Mythologisch betrachtet geht es ja darum, dass die angemaßten Halbgötter in den Tartaros („Hölle“) versinken. Über fast jeden Aspekt dieses fast schon apokalyptischen Untergangs wurden ja zahlreiche Bücher geschrieben. Die eigentliche Frage dahinter lautet wohl: Haben wir unsere Zukunft selbst in der Hand oder gibt es ein unentrinnbares Schicksal? Und werden wir beim Schicksal gelegentlich etwas geholfen? .-)
pförtner 25.03.2012
2. Wilhelm Gustloff
Für mich, der ich zusammen mit meiner Mutter, auf der Wilhelm Gustloff schon eingeplant war,ist die Versenkung der Gustloff durch ein russisches U-Boot, die weitaus schlimmere Katastrophe! Denn immerhin waren ca. 10 000 Menschen an Bord zusammengefercht. Zu einem Drittel waren es Kinder wie ich , im Alter von damals vier Jahren. Sie ertranken qualvoll kopfüber in ihren Schwimmwesten hängend in der eiskalten Ostsee. Nartürlich will ich hiermit nicht das Leid der auf der Titanic umgekommenen schmählern, sondern nur die Verhälznismässigkeit aufzeigen.
beutzemann 26.03.2012
3. >|-)
Zitat von sysopDer Untergang des Luxusschiffs "Titanic" entsetzte die Welt: Ein epochales technisches Großwerk, ein als unsinkbar gepriesener Ozeanriese geriet auf seiner Jungfernfahrt in Seenot und sank tatsächlich. Bis heute fasziniert das Unglück die Menschen, der Kinofilm über die Katastrophe wurde der erfolgreichste aller Zeiten. Was genau erregt bis heute die Welt an der Titanic? Warum wurde gerade sie zu einem Mythos?
Damit die Presse nach 100 Jahren noch etwas zu "schreiben" hat? ;-|
Dieter58 26.03.2012
4.
Verzeihung! Ich habe überhaupt nicht gerechnet! Oder ist die Schwere einer Katastrophe von der exakten Anzahl der Opfer abhängig? Nein, nicht zu vergleichen. Das eine war ein tragischer Unfall, das andere eine militärische Versenkung. Es war Krieg! Und in beiden Fällen sind die wenigsten Opfer ertrunken sondern im eisigen Wasser an Unterkühlung gestorben. Und auf der Titanic waren die wenigsten Passagiere "reich"... Aber kleine Leute geben keine Schlagzeilen her.
peddersen 26.03.2012
5.
....wahrscheinlich fehlt mir da ein Gen....aber ich kann bis auf einige normale Interessereflexe bei mir überhaupt nichts Titanic-affines feststellen. Selbst archäologiemäßig ist das ja völlig uninteressant - DAS Zeux, was da liegt, hat jeder von uns schon zigfach beim Dachboden ausmisten weggeworfen. Das ganze ist ein Medienhype von Anfang an - von der unwahren Blauen-band-Geschichte über die angeblich behauptete Unsinkbarkeit bis hin zum (Allerwelts)-unfall und den angeblich zu wenigen Rettungsbooten. Das ist nur wegen der drumrumerzeugten (meist falschen) Geschichten interessant. Nichtsdestotrotz gönne ich den Leuten ihre Unterhaltung. Aber man wird auch Leute finden, die hobbymässig alles dransetzen, irgend einen bestimmten Typ von Flugzeug nachzubauen, die rund um die Uhr hanoveranische Staatshandbücher durchforsten und sammeln oder die Geschichte der XXten Kavallerieregimenter bis zum Tagesbefehl von Weihnachten 1939 erforschen. Nicht mal DAS ist Titanic-spezifisch.
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