Hollywoodparodie "The Disaster Artist" Der Treppenwitz der Filmgeschichte

Trash geht immer: James Franco verfilmt die Geschichte des schlechtesten Films aller Zeiten. Lustig ist die detailgetreue Darstellung der Peinlichkeiten allerdings nicht.

Warner Bros.

James Francos "The Disaster Artist" beginnt mit einer kurzen Parade prominenter Schauspieler und Regisseure. Sie alle outen sich als Fans des bizarr verunfallten Leinwanddramas "The Room" von Autor, Regisseur und Hauptdarsteller Tommy Wiseau. Als Fürsprecher adeln Stars wie Kristen Bell noch vor dem Vorspann Francos Versuch, die Entstehung von Wiseaus Kultkinophänomen nachzuzeichnen. Und nicht nur das. Franco ist zugleich bemüht, eine eigenständige Geschichte über fehlgeleitetes Streben und grandioses Scheitern in Hollywood zu erzählen.

Es scheint, als wolle sich James Franco mit diesen Begeisterungsbekundungen auch gleich gegen die Frage immunisieren, warum er diesem Treppenwitz der jüngeren Filmgeschichte soviel Aufmerksamkeit widmet. Schließlich ist "The Room" bereits hinlänglich gewürdigt worden, nicht zuletzt in "The Disaster Artist: My Life Inside The Room, the Greatest Bad Movie Ever Made". Das Buch, in dem Darsteller und Wiseau-Weggefährte Greg Sestero seine Sicht der Genese schildert, diente dem gerade oscarnominierten Skript von Scott Neustadter und Michael H. Weber als Vorlage.

Reminiszenzen an Altman & Co.

Ebenso bekannt ist der andauernde, wenngleich kaum intendierte Erfolg, den Wiseaus delirierend-dilettantisches Epos über den Banker Johnny (Wiseau), seine untreue Verlobte Lisa sowie diverse im Nirvana endende Nebenhandlungen als Programmkino-Happening in der Tradition von "The Rocky Horror Picture Show" hat.

Also muss "The Disaster Artist" seine Berechtigung durch sonstige Qualitäten finden. Genauer gesagt, durch den Anschluss an andere selbstreflexive Arbeiten über das Kino, wie etwa Federico Fellinis "8 ½", Truffauts "La Nuit américaine", Wim Wenders' "Stand der Dinge" oder Robert Altmans "The Player".

Wobei Franco keineswegs davon ausgehen kann, dass sein Publikum "The Room" gesehen hat. Ebenso wenig wie er die Insider-Faszination für unmotiviert durch die Gegend fliegende American-Football-Bälle und Phrasen ("You are tearing me apart, Lisa!") voraussetzen kann. (Das alles ist wesentlicher Bestandteil von "The Room".) Insofern ist es nur konsequent, dass sein Film den so tragischen wie enigmatischen Entrepreneur Tommy Wiseau ins Zentrum rückt. Anfang Januar erhielt Franco für die Rolle des schrägen Filmemachers einen Golden Globe.

Gemeinsamer Traum von einer Filmkarriere

1998 lernen sich Tommy Wiseau und Greg Sestero (gespielt von Dave Franco, James Francos Bruder) bei einem Schauspielkurs in San Francisco kennen. Obgleich er sichtbar älter ist und mit einem vage osteuropäischen Akzent spricht, besteht Wiseau hartnäckig darauf, ebenso jungenhaft und All-American zu sein wie Sestero. Den Unterschieden zum Trotz macht der gemeinsame Traum von einer Filmkarriere sie zu Freunden, die es nach Los Angeles zieht.

Dort erwarten sie entweder ernüchternde Erfahrungen bei Vorsprechterminen oder gleich harsche Ablehnung. Statt aufzugeben, beschließt Tommy Wiseau, einen eigenen Film zu inszenieren: Inspiriert von Vorbildern wie Tennessee Williams, James Dean und Matt Damon in "The Talented Mr. Ripley" verfasst er das ausufernde Drehbuch zu "The Room". Mit Hilfe seines augenscheinlich umfangreichen Privatvermögens - dessen unklare Herkunft in Filmfiktion und Wirklichkeit bis heute Anlass für Spekulationen liefert - finanziert Wiseau ohne jegliche Vorkenntnis eine komplette Filmproduktion. Einzig die rasch explodierenden Kosten haben dabei professionelles Niveau.

Fotostrecke

6  Bilder
"The Disaster Artist": Franco-Stein

Mit peinlicher Detailtreue stellt "The Disaster Artist" jene dramaturgischen und darstellerischen Fehlleistungen am Set nach, die Wiseaus Werk später zu seiner zweifelhaften Berühmtheit verhelfen sollen. Die Rekonstruktion der Katastrophe übernimmt eine Besetzung, zu der neben James Francos Spezi und Co-Produzent Seth Rogen und Dave Francos Ehefrau Alison Brie auch namhafte Gäste wie Josh Hutcherson, Sharon Stone, Zac Efron und Melanie Griffith gehören.

Ihre Mimikry vor und hinter der Kamera unterhält, aber es ist James Francos Interpretation der (Kunst)figur Tommy Wiseau, die den Film über das Anekdotenhafte hinaus interessant macht. Klug verzichtet Franco in seinem Spiel darauf, das Wesen Wiseaus zu psychologisieren oder dessen Narzissmus, Hybris und oft rücksichtsloses Verhalten in Manier eines "Ed Wood" zu verniedlichen.

Mit dem Mut, auch ausgesprochen unsympathisch zu wirken, erinnert Franco in seiner Darstellung Wiseaus an die unvorteilhaften Rollen, denen er in "Spring Breakers" (2012) oder "Goat" (2016) denkwürdig Gestalt verlieh. In manchen Momenten wirkt es wiederum so, als würde er seine legendäre Nicht-Performance als Moderator der Oscarverleihung 2011 wiederholen.


"The Disaster Artist"
USA 2017
Regie:
James Franco
Drehbuch: Scott Neustadter, Michael H. Weber
Darsteller: James Franco, Dave Franco, Seth Rogen, Alison Brie, Ari Graynor, Jacki Weaver, Josh Hutcherson, Zac Efron, Sharon Stone
Produktion: Rabbit Bandini Productions, Point Grey Pictures, Good Universe, New Line Cinema
Verleih: Warner Bros.
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 104 Minuten
Start: 1. Februar 2018


Eine bittere Ironie ist, dass eben diese Distanz, die Franco wissentlich zwischen der Figur Wiseau und dem Publikum lässt, es leichter macht, seine Leistung als Regisseur und Schauspieler von den aktuellen Vorwürfen sexueller Belästigung gegen ihn zu trennen.

Denn Francos Darstellung Wiseaus gründet wesentlich in der Feststellung, dass Künstler - ganz gleich ob nun begabt oder nicht - keineswegs reizende Menschen sein müssen. Und dass der Wunsch des Publikums nach perfekten Starbiografien auf wie abseits der Leinwand zumeist illusorisch ist. Insofern ist die Diskussion um Franco nicht per se ein Problem für die Rezeption von "The Disaster Artist".

Aber auch wenn Dimension und Tragweite der Anschuldigungen gegen Franco nach jetzigem Kenntnisstand bei Weitem nicht vergleichbar sind mit den Missbrauchsskandalen, die Hollywood in den vergangen Monaten erschüttert haben: Sein außerfilmisches Image als progressiver, aktiv um Gleichstellung der Geschlechter bemühter Kreativer hat vorerst Schaden genommen.

Tragödie im grellen Gewand einer Farce

Indes nicht so sehr, als dass seine Nicht-Nominierung als Bester Darsteller bei den Oscars als unmittelbare Reaktion darauf zu werten wäre. Gründe hierfür waren wohl viel eher die in diesem Jahr sehr starke Konkurrenz in der Kategorie, als auch die fehlende Eindeutigkeit von Rolle und Performance, die sich eben nicht klar dem komischen oder dem dramatischen Fach zurechnen lassen.

Dazu passt, dass "The Disaster Artist" entgegen der Werbekampagne nicht wirklich ein lustiger Film ist - und es womöglich auch gar nicht sein will. Zwar gibt es fraglos komische Szenen, doch im Grunde handelt es sich um eine Tragödie im grellen Gewand einer Farce. Die durchaus provokant die Überlegung zulässt, dass "The Room" das Werk eines talentbefreiten Scharlatans, oder aber eines idealtypischen Autorenfilmers mit absoluter kreativer Kontrolle (nur ohne irgendeinen Plan) sein könnte.

"A real Hollywood movie" wollte Tommy Wiseau nach eigenen Worten immer drehen. Das ist ihm nachweislich nicht gelungen. Und James Franco mit seinem eigentümlich ambivalenten Spagat zwischen Hommage und Karikatur glücklicherweise auch nicht.

Im Video: Der Trailer zu "The Disaster Artist"

Warner Bros.
Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
altai 31.01.2018
1. Nicht der Rede wert
Weder der Originalfilm "The Room" noch die Möchtegern-Biographie sind der Rede wert. Lichtjahre entfernt von einer filmerischen Leidenschaft eines Ed Wood's oder der remineszierenden Verneigung davor von Tim Burton.
noalk 04.02.2018
2. Was ist langweiliger als Angeln?
Anglern beim Angeln zuzuschauen. Ich habe mir den Film angeschaut und kann nicht verstehen, wofür Franco den GG bekommen hat. Man kann den Film wohl nur akzeptabel finden, wenn man so viel reininterpretiert wie Herr Kleingers.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.