Jan-Weiler-Verfilmung "Das Pubertier" Unsere Mütter, unsere Väter - was für Monster!

Lächerliche Männer, abwesende Mütter, tapfere Teenager: Künftige Soziologen werden an dem Kinoklamauk "Das Pubertier" über Familienleben im frühen 21. Jahrhundert ihre Freude haben.


Nicht der pubertierende junge Mensch ist verrückt, sondern die Gesellschaft, in der er aufwächst. Das ist die Arbeitshypothese, die der Regisseur Leander Haußmann in seinem Film "Das Pubertier" am Beispiel einer vierzehnjährigen Heldin zu beweisen versucht. Mit einigem Erfolg.

Carla (Harriett Herbig-Matten) sieht erwachsenen Männern in quietschbunten Radlertrikots (Justus von Dohnányi) dabei zu, wie sie sich in der Vorstadt im Fitnesswahn zum Affen machen. Außerdem ertappt das Mädchen den Vater (Jan Josef Liefers) dabei, wie er zu schrecklicher Musik tanzt und auf allen Vieren auf dem Hausdach herumrobbt. Und sie bekommt ihre Mutter (Heike Makatsch) Tag für Tag allenfalls für Sekunden zu Gesicht, weil Mama mit ihrer Karriere und ihren erotischen Tagträumen beschäftigt ist, in denen Elyas M'Barek (der hier als Gaststar in einer einzigen Szene auftritt) eine wichtige Rolle spielt.

"Das Pubertier - der Film" ist Haußmanns Kinoversion eines launigen Erzählbuchs von Jan Weiler. Es hat sich sensationell verkauft, eine ZDF-Serienverfilmung ist ebenfalls in Planung. Der Witz und die erstaunliche Herzenswärme des Kinofilms entstehen daraus, dass Regisseur Haußmann bei allem Klamauk nie einen Zweifel an seiner leidenschaftlichen Parteinahme für Carla und ihre Freunde lässt.

Fotostrecke

8  Bilder
"Das Pubertier - Der Film": Nichts als Ärger mit den Alten

Zahnspangen und Kleiderkatastrophen

Die pubertierenden Jungs und Mädchen mögen schreckliche Manieren haben und grundsätzlich weghören, wenn Erwachsene mit ihnen reden. Sie mögen vor lauter Glotzerei aufs Handydisplay ihr halbes Teenagerleben verpassen und mit ihren Zahnspangen und in Modeblogs zusammengesuchten Kleidern oft gnadenlos lächerlich aussehen - und doch sind ihre Liebesnöte und Kümmernisse stets ernsthafter und anrührender als die Versuche ihrer Eltern, einem Erziehungsauftrag nachzukommen, an den hier weder Lehrer noch Kinder noch Mütter und Väter zu glauben scheinen.

Fotostrecke

8  Bilder
"Das Pubertier - Der Film": Nichts als Ärger mit den Alten

Es gibt ein grotesk verkrachtes Nachbarehepaar (Monika Gruber und Detlev Buck), Waschbären in der Vorortsiedlung und allerhand Gerülpse und Geknutsche in diesem Film, der keinesfalls mehr sein will als schamlos unterhaltsames Familienkino - und vielleicht gerade deshalb ein Zeugnis der Zeit ist. Schwache Männer, abwesende Mütter, tapfer ihr Teenagerleben selbst organisierende Kinder: Soziologen künftiger Generationen werden an dieser Abhandlung über deutsches Familienleben im frühen 21. Jahrhundert ihre Interpretationsfreude haben.


"Das Pubertier - Der Film"
Deutschland 2017
Regie: Leander Haußmann
Drehbuch: Leander Haußmann, Jan Weiler nach dem Buch von Jan Weiler
Darsteller: Jan Josef Liefers, Harriet Herbig-Matten, Heike Makatsch, Detlev Buck, Monika Gruber, Justus von Dohnányi, Waldemar Kobus
Verleih: Constantin Film
Länge: 91 Minuten
FSK: ab 6 Jahren
Kinostart: 6. Juli 2017


"Es gibt keine problematischen Kinder, es gibt nur problematische Eltern", hat der Summerhill-Pädagoge Alexander S. Neill einst behauptet. "Das Pubertier" spielt in einem Münchner Reiche-Leute Vorort, wo deutsche Kinokomödien, siehe "Willkommen bei den Hartmanns", häufig angesiedelt sind.

Liefers' Familienvater ist ein Journalist und Möchtegern-Schriftsteller, der sich plötzlich weitgehend alleingelassen sieht mit kleinem Sohn und pubertierender Tochter. Die Panik vor dem Altwerden treibt ihm den Schweiß auf die Stirn. Harriet Herbig-Matten spielt die Tochter als klug sympathisches Teenagermädchen, das mit den Schnöseln ihrer Klasse besser klarkommt als mit den Kaspereien ihres überfürsorglichen Vaters.

Haußmann ist 58 Jahre alt und blickt altersgemäß melancholisch auf das Chaos, das hier angerichtet wird. Irgendwann lässt er von seinem Ensemble und einer Prominentenband den Bob-Dylan--Song "You're a Big Girl Now" anstimmen. Für die Heldin von "Das Pubertier" könnte das tatsächlich stimmen. Es sind ausschließlich die Kinder, die in diesem Film möglicherweise etwas dazulernen. Die Erwachsenen benehmen sich am Ende nicht eine Spur weniger kindisch als zu Beginn.

Im Video: Der Trailer zu "Das Pubertier - Der Film"

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
all-about-mindset 05.07.2017
1. Film nur in Werbeausschnitt
Bislang gesehen. Dennoch die/wir Eltern kriegens hin, dass "Pubertaet " fuer alles u jedes herhalten muss/draf/soll. Augenrollende Eltern....oh xx ist halt i d Pubertaet. (Durchaus Heimlicher Stolz, ob gewisser "Kreativitaet".) Die Kids halten uns d Spiegel vor. Vater u Mutter, wenn beide vorhanden, dennoch abwesend - haben Anschluss verloren. Schlussendlich Spiegel auch i S Wohlstandsverwahrlosung. Reich an "hardware"; arm an "software" Herz u Hirn.
MulleBelling 05.07.2017
2. Münchner Reiche-Leute Vorort
das reicht schon um zu sagen: der Film ist alltagsuntauglich!!!
martine-primus 05.07.2017
3. habe mir vor Jahren das Buch gekauft
das Buch ist eher ein Büchlein (recht dünn). Da findet man auch wirklich ein paar Stellen, die zum Schreien komisch sind, aber das Meiste erscheint mir aufgebauscht. Habe gerade selber zwei pubertierende Söhne (und einen vorpubertierenden Sohn) zu Hause. Es gibt sehr lustige Passagen, aber auch sehr anstrengende. Und ich glaube nicht, dass wir Eltern (beide vorhanden, Zeit auch) uns zum Affen machen. Ich albere sehr viel mit meinem Sohn herum (bin vom Humor her in der Pubertät stehen geblieben), aber ich zeige auch klare Kante. Da ich schon immer selber viel Blödsinn gemacht habe, kennen meine Kinder mich so. Klar, manchmal mag es ihnen peinlich sein. Aber ich verstelle mich nicht. Das macht einen Unterschied, denke ich. Die Mischung macht es. Den Film werde ich mir nicht angucken. Kann mir nicht vorstellen, dass über die Filmlänge Kalauer herrschen werden.
spontifex 05.07.2017
4. Unheimlich politischer*, unheimlich schwerer* Klamauk
Nicht nur 'künftige' Soziologinnen und und Soziologen (https://www.youtube.com/watch?v=FhjnCPYdkk0#t=1m51s) werden an dem Klamauk ihre Freude haben, sondern vor allem auch gegenwärtige und frühere Soziologinnen und Soziologen vor allem dann, wenn sie Beamtinnen und Beamte, Pensionärinnen oder Pensionäre (https://app.box.com/s/f0vkoj5ea4iyij5z1s4m) sind. Tot oder lebendig, Terroristinnen i.R. (https://www.youtube.com/watch?v=k7jEk_f04pE) werden mit dem Klamauk bestimmt auch ihre Freude (https://www.youtube.com/watch?v=OG09rBAJMtc#t=1m23s) haben, die haben Sie vergessen. (https://www.youtube.com/watch?v=5NaP6j2zlUs#t=3m18s) Ist aber auch egal, da der Klamauk inzwischen institutionalisiert, regierungsfähig und zwecksteuerfinanziert ist. * z.T. Zitat Ulrike Meinhof ohne Anführung, da Beitragstitel
spontanistin 05.07.2017
5. Luxusproblem....
... einer Gesellschaft, in der Heranwachsende keine verantwortungsvollen Aufgaben mehr in der Familie, Gruppe, im Clan oder der Dorfgemeinschaft haben sondern reine "Konsumtiere" geworden sind. Bei den Naturvölkern gibt es solche Abstrusitäten nicht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.