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Janis-Joplin-Dokumentation: Ein einziges Mal zu oft gedrückt

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Das Leben der Sängerin Janis Joplin war kurz und tumultartig. Regisseurin Amy J. Berg nähert sich dem Star der Hippie-Bewegung nun in einer respektvollen Dokumentation. Anrührend, ohne zu verkitschen.

Der größte weibliche Matador der Hippie-Bewegung, Janis Joplin, lässt sich anhand neuralgischer Punkte zusammenfassen: Südstaatenkindheit, San-Francisco-Nächte, Heroin; Zusammentreffen mit der Band Big Brother and the Holding Company, das heiser gesungene "Tell me why love is like / just like a ball and a chain", Southern Comfort, Heroin; Kozmic Blues Band, Full Tilt Boogie Band, am Ende: Klub 27.

Die Regisseurin Amy J. Berg hat sich nicht von den Unmengen an Publikationen und Filmen einschüchtern lassen, die es in den vergangenen Jahrzehnten über diese Jahrhundertstimme gab. In ihrem Janis-Joplin-Dokumentarfilm "Little Girl Blue" versucht sie, das kurze, tumultartige Leben der Sängerin zu ordnen, durchgehende Linien aufzuzeigen, Beziehungen, Gefühle und Geschichten zu Ende zu erzählen. Sie tut dies formal konventionell, inhaltlich aber seriös, nachhaltig und anrührend.

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Rock-Sängerin Janis Joplin: Das Leben, ein Tumult
Eine dieser Linien ist Janis Joplin als Aufmerksamkeitsmagnet: Sie sei ein "troublesome kid" gewesen, ein Mädchen, das nichts als Ärger bedeutet habe, sagt ein alter Schulfreund zu Anfang in Bergs Kamera. Man habe zwar Spaß mit ihr haben können, sich aber in Kneipen oft geschämt. Diesen Eindruck bestätigen viele ihrer Freunde und Familienangehörigen: "Attention seeking", sagt eine Exfreundin; unbedingt ins Rampenlicht, dort dann alles geben.

Aus ihren persönlichen Briefen, die sie bis zum Schluss - ganz artige Südstaatentochter - an ihre liebe- und recht verständnisvollen Eltern schickte, klingt das ebenfalls mit: "Seht her, wie erfolgreich ich bin! Das bin ich mit meinen vielen Freunden!" Interpretiert werden die Originalzitate von der Musikerin Cat Power, deren leicht schnodderige Stimme prima passt.

Berg verzichtet auf den für einen Filmemacher oft zweifelhaften Versuch, sich in Joplins Psyche einzubuddeln, Minderwertigkeitskomplexe zu schlussfolgern. Das zeugt von Respekt. Denn wenn ein früher Mitmusiker in "Little Girl Blue" davon erzählt, wie sehr es Joplin getroffen habe, von einer Unizeitung zum "hässlichsten Mann" gewählt zu werden, und wenn ihre Schwester Probleme mit ihrem nicht der Norm entsprechenden Aussehen anspricht, reicht das völlig als Stimmungsbild.

Das Genderthema bringt Berg ohnehin eher vorsichtig ein, sie hat jedoch leider nur einen O-Ton aus einem Radiointerview mit Joplin, in dem sie sich über Frauenrollen in der Gesellschaft äußert: "You are what you settle for", sagt sie. Wenn man sich nicht gegen die Verhältnisse wehre, dürfe man sich nicht beschweren. "Ich bin noch nie von der Frauenbewegung angegriffen worden. Warum auch? Ich verkörpere ja alles, was sie angeblich wollen."

Sex, der aus jedem Song schreit

Berg lässt Joplin durch ihre Texte sprechen, schneidet O-Töne dazu, die konterkarieren: In einem Brief schwärmt Joplin gegenüber ihren Eltern von ihrer starken Liebe zu Joe McDonald von Country Joe and the Fish. "Wir haben uns nie geliebt", kommentiert Joe danach im O-Ton knapp. In vielen bekannten Live-Ausschnitten hört man Joplin nach Gefühl, nach Umarmung schmachten, ihre Einsamkeit beweinen. Berg stellt den ersten großen Zeitungsartikel über diese Naturgewalt aus San Francisco daneben. Dessen Autor hörte Sex, der aus jedem Song schreit.

Natürlich schreit der. Doch wenn sie im Song mit ihrem typischen Stilmix aus Predigen und Singen eine lange Szene visualisiert, in der "ihr Mann endlich zurück zu ihr nach Hause kommt", scheint sie vor allem eine Blues- und Gospelsängerin zu sein, so wie ihr erstes großes Vorbild Odetta. Sogar in der Reihe der "female front singers" war Joplin außergewöhnlich: Sämtliche andere Sängerinnen der Zeit waren hübscher; weniger fordernd, weniger aggressiv.

Eine weitere Linie ist das Heroin, Joplins Drogenkarriere, die Berg nachverfolgt: Vom Alkohol über Meth, das sie mit einer damaligen Liebhaberin nahm, bis zu den "gemütlichen Zeiten", in denen "wir uns Heroin spritzten und entspannte Gespräche im Chelsea Hotel führten", wie der ehemalige Big-Brother-Gitarrist sich erinnert. "We shot Heroin for fun", sagt auch ihre langjährige Partnerin in Crime, Peggy Caserta.

Immer wieder ging Joplin auf Entzug. Am Ende hat sie nach schlechten, drogenaffinen Erfahrungen mit der Kozmic Blues Band, einer längeren heroinfreien Zeit und einer frisch aufgenommenen (und nach ihrem Tod an die Chartsspitze schießenden) Solo-Platte ("Pearl") das Zeug vermutlich ein einziges Mal zu oft gedrückt.

Kein Verrat, keine Beweihräucherung

Am Morgen nach ihrem Tod, erzählt der Film, wartete an der Rezeption von Joplins Hotel ein Liebes-Telegramm auf sie. Es stammte von ihrem Liebhaber David, den sie Monate vorher in Rio kennengelernt hatte, der sie nun freudig einlud, und der einer der O-Ton-Geber ist, dem man die tiefe Trauer über Joplins Tod noch immer anmerkt. Er wollte, dass sie erst clean würde, bevor es mit beiden weitergeht.

Das hat nicht geklappt. Doch der Film ist nüchtern genug, das Thema nicht unnötig zu verkitschen: Es war gewiss nicht die fehlende Liebe eines einzigen Menschen, die Joplin wieder zum Heroin greifen ließ. Es war ein Mix aus allem: dem Durst nach Extremen, dem Druck und einer gewissen Sorglosigkeit.

Berg hat es geschafft, ihre eher unauffällige Konstruktion aus Talking Heads, Live-Ausschnitten, Briefen und Bildern zu etwas zusammenzufügen, das Janis Joplin näherbringt, ohne sie zu verraten oder zu beweihräuchern. Das Beste ist jedoch, dass Berg die obligatorischen Gespräche mit den Promi-Köpfen, die keine Zeitzeugen waren, in den Nachspann verbannt hat. Denn ob nun Pink oder Juliette Lewis auch Joplin-Fans sind? Egal.

Im Video: Der Filmtrailer zu "Janis - Little Girl Blue":

"Janis: Little Girl Blue"

USA 2015

Regie und Drehbuch: Amy Berg

Erzählerin: Cat Power

Darsteller: Janis Joplin, Cat Power, Peter Albin

Verleih: Arsenal Filmverleih

Länge: 105 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Start: 14. Januar 2016

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 31 Beiträge
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1. Mir war sie immer unsympathisch
salmo 16.01.2016
...ich bin durchaus ein Anhänger der 68'er, aber diese Frau war mir immer irgendwie fern, sowohl in der Musik wie in den Aussagen (vom Outfit mal ganz zu schweigen ;-)
2. diese Stimme
dombrowski1 16.01.2016
hat mich schon als kleiner Teenie fasziniert und es ist heute nicht anders...........
3. Alles in seiner Zeit
G.H.S. 16.01.2016
vieles was uns heute überdreht erscheint, war ganz sicher der Zeit geschuldet. Dies betrifft sowohl das outfit von Janis Joplin als auch deren auftreten. Was aber bleibt, ist die Tiefe des Ausdrucks und die Itensität des Vortrags, die mir noch heute, 50 Jahre später, Gänsehaut erzeugen. Ich glaubte sie strebte danach im Sinne E. Fromms "ganz geboren" zu werden. Dieses Streben blieb unvollendet.
4. Get it while you can
alfredjosef 16.01.2016
Get it while you can Janis Joplin
5. janis..
innocent bystander 16.01.2016
...there is no tomorrow,it s the same fu...ng day.....
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