Cannes-Gewinnerfilm "Shoplifters" Herzblut ist stärker als Wasser

Verbunden durch Liebe, nicht Biologie: Der Goldene-Palme-Gewinner "Shoplifters" feiert auf hinreißende Weise Wahlverwandtschaften und übt sanfte Kritik an der rigiden japanischen Gesellschaft - unser Film der Woche.

Wild Bunch

Von Sven von Reden


Diese Familie schert sich nicht um Konventionen. Das zeigen schon die ersten Szenen von "Shoplifters". Mit seinem kleinen Sohn geht ein Vater auf Diebestour durch einen Supermarkt. Geschickt gibt der Ältere dem Jüngeren Deckung, damit er beim Stehlen nicht beobachtet werden kann - die beiden haben offensichtlich Routine darin.

Dass Regisseur und Drehbuchautor Hirokazu Kore-eda dies nicht allzu moralisch verwerflich findet, deutet schon die leichtfüßige Jazzmusik der japanischen Musiklegende Haruomi Hosono an, die er unter diese Szene legt. Auf dem Heimweg entdecken Vater Osamu und Sohn Shota dann das kleine Mädchen Yuri, das bei eisigen Temperaturen von ihren Eltern auf dem Balkon vergessen worden zu sein scheint. Sie nehmen die Kleine mit zu sich nach Hause - zu Oma Hatsue, Mutter Nobuyo und Tante Aki, in ihr vollgestopftes Häuschen am Rande von Tokio.

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Japanisches Drama "Shoplifters": Was ist eine Familie?

Yuri soll nur mit Nudelsuppe gewärmt werden. Doch als Familie Shibata Brandflecken an ihrem mageren Körper entdeckt, behalten sie sie einfach da. In den nächsten Tagen stellt sich heraus: Yuri vermisst ihre Eltern nicht - und diese sie offenbar ebenso wenig. Und so gehört das Mädchen künftig zu den Shibatas.

Was ist eine Familie? Oder genauer: Was kann eine Familie sein? Das ist eine Frage, die Kore-eda immer wieder in seinem Werk beschäftigt hat. Die Shibatas sind aber seine bislang vielleicht komplexeste und gewagteste Kreation. Denn nach und nach wird in "Shoplifters" deutlich, dass jede Figur ihre eigene, gesellschaftliche Normen sprengende Geschichte hat, die erklärt, wie sie in diese Familie gekommen ist.

"Schande Japans"?

Dazu braucht es keine tränenrührigen Monologe, keine ausgestellten Schlüsselmomente. Der Japaner ist ein Meister des beiläufigen Erzählens und des filmischen Puzzlespiels. Mit völlig uneitler Virtuosität erschafft er so das komplette Bild einer Familie, die nicht durch Blut, sondern durch Zuneigung verbunden ist. Dafür gab es zu Recht dieses Jahr bei den Filmfestspielen von Cannes die Goldene Palme.

Dass liebevolle Beziehungen für ein gelungenes Familienleben wichtiger sind als genetische Ähnlichkeit, war schon die Botschaft von "Like Father, Like Son", für den Kore-eda 2013 ebenfalls in Cannes mit dem Preis der Jury bedacht wurde. Was er in der Geschichte eines reichen und eines armen Paares, deren Kinder auf der Geburtsstation vertauscht wurden, noch etwas schematisch durchspielt, lässt er im Chaos der Familie Shibuta auf eine für einen japanischen Film ungewöhnlich schwitzige, körperliche Weise lebendig werden.


"Shoplifters - Familienbande"
Japan 2018
Regie und Drehbuch: Hirokazu Kore-eda
Darsteller: Lily Franky, Sakura Andô, Mayu Matsuoka, Jyo Kairi, Miyu Sasaki, Sôsuke Ikematsu
Produktion: AOI Promotion, Fuji Television Network, GAGA
Verleih: Wild Bunch
Länge: 121 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 27. Dezember 2018


Wenn es etwas zu kritisieren gäbe, dann höchstens Kore-edas leicht sozialromantische Vorstellung, dass es am Rande der Gesellschaft herzlicher und humorvoller zugehe als in der Mitte. Hier erweist er sich eher als Adept des von ihm bewunderten Briten Ken Loachdenn als Erbe des so oft mit ihm in Verbindung gebrachten Landsmannes Yasujir Ozu, dessen Weltsicht düsterer und filmische Form strenger war.

Was nicht heißt, dass "Shoplifters" nicht zu Tränen rühren würde, aber Kore-eda bewahrt immer eine gewisse Leichtigkeit und ein Vertrauen in menschliche Güte. Das dürfte ein Grund für seinen Erfolg sein, nicht nur in Cannes, sondern auch in Japan, wo der Film mehrere Millionen Zuschauer hatte.

Der Regisseur war in seiner Heimat allerdings auch heftiger Kritik ausgesetzt. Die japanische Zeitung "Asahi Shimbun" berichtete im Juli, dass Kore-eda vor allem in den sozialen Netzwerken dafür angegangen wurde, "die Schande Japans" zu zeigen und "kriminelle Handlungen gutzuheißen" - besonders weil er dafür auch noch staatliche Förderung nutzte. Im Interview mit der Zeitung verteidigte er sich mit dem Hinweis, dass es in Europa normal wäre, mit geförderten Filmen Kritik an der Obrigkeit zu üben: "Ich möchte, dass die Japaner solche europäischen Werte akzeptieren."

Im Video: Der Trailer zu "Shoplifters"

Wild Bunch

Der Staat spielt in "Shoplifters" allerdings erst am Ende eine Rolle. Als in einer der letzten Szenen Mutter Nobuyo einer Polizistin gegenüber sitzt, fragt sie: "Macht eine Geburt einen schon zur Mutter?" Der Film hat da schon längst die Antwort gegeben: Familie ist nicht etwas, in das man hineingeboren wird. Es ist etwas, das man jeden Tag erst durch sein Handeln erschafft.

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