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"Die Karte meiner Träume": Mein Gott, ist der niedlich

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Er ist der große Kindskopf des Weltkinos: "Amélie"-Regisseur Jean-Pierre Jeunet hat den Bestseller "Die Karte meiner Träume" verfilmt. Der Road-Trip eines hochbegabten Jungen gerät zum bunten Bilderreigen mit einem großen kleinen Star.

Dürfte man nur eine einzige Szene aussuchen, um die Stärken von Jean-Pierre Jeunets neuem Film "Die Karte meiner Träume" zu benennen, wäre es wohl diese: Üppig fallen die blonden Locken der Mutter über ihre leuchtend pinkfarbene Bluse. Ihre strahlend weißen Zähne sind gut zu erkennen, dennoch ist es eher ein keusches Lächeln, das sie dem Betrachter entgegenbringt. Der Vater im Karohemd geizt dagegen nicht mit seiner Beißleiste, sein kräftiges Kinn ist von einem Bart überzogen, zur Betonung seiner Virilität reckt er sicherheitshalber noch den Daumen hoch.

Zu klischiert, um wahr zu sein? Tatsächlich: Der Mann und die Frau sind nur Pappaufsteller, die zu Werbezwecken einen Wohnwagen schmücken sollen. Doch zum Glück ist der kleine Junge, der sich vor einem Wächter verstecken will, selber fast zu niedlich, um wahr zu sein: große blaue Augen, zarte Gesichtszüge, blondes Strubbelhaar. Als ihm der Wächter schon gefährlich nah ist, setzt sich der Junge einfach zu den Papp-Eltern, reißt die strahlenden Augen auf, grinst sein überzogenstes Grinsen - und verschwindet damit für den Wächter unsichtbar in der Heile-Welt-Kulisse.

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"Die Karte meiner Träume": Zucker fürs Auge
In solchen Momenten springt einen Jeunets begeistertes Spiel mit Farben, Oberflächen und Klischees unmittelbar an. Dass er für "Die Karte meiner Träume" zum ersten Mal in 3D gedreht hat, verstärkt die Wirkung nur. Und dass er, der große Kindskopf des Weltkinos, auch noch zum ersten Mal ein Kind als Hauptdarsteller hat - tja, das setzt dem ganzen die Zuckerperlenkrone auf.

Roadtrip mit Kinderkoffer

"Die Karte meiner Träume" basiert auf dem gleichnamigen Bestseller des US-amerikanischen Schriftstellers Reif Larsen, den Jeunet mit seinem angestammten Co-Autor Guillaume Laurant ("Amélie", "Micmacs") adaptiert hat. Hauptfigur ist der 12-jährige T.S. Spivet (im Film gespielt vom etwas jüngeren Kyle Catlett), ein naturwissenschaftlich hochbegabter Junge, der sich nach dem Unfalltod seines Bruders noch manischer in seine Technikexperimente stürzt.

Mit der Verdrängung seiner Trauer und seiner Schuldgefühle ist T.S. nicht allein. Sein ohnehin wortkarger Vater (Callum Keith Rennie) schweigt noch dröhnender, seine Mutter (Helena Bonham Carter) arbeitet noch konzentrierter an ihrer Insektenklassifikation, seine Teenager-Schwester (Niamh Wilson) stürzt sich noch hysterischer in die Welt der Stars und Schönheitswettbewerbe.

Als T.S. unerwartet einen Anruf aus Washington, D.C., bekommt, dass er den renommierten Baird Prize für sein Modell eines Perpetuum mobile gewonnen hat, nutzt er die Chance, um der Familienhölle zu entkommen. Frühmorgens, mit schwerbeladenem Kinderkoffer, springt er auf einen Güterzug auf, der an der Familienranch in Montana vorbei fährt. Als Hobo im Miniaturformat macht er sich so auf die Reise quer durchs Land, von den üppigen Wäldern des Westens hin zu den imposanten klassizistischen Gebäuden der Hauptstadt - und inklusive Begegnungen mit Outlaws oder eben Wächtern, die ihn aus dem Zug verjagen wollen.

Auch wenn "Die Karte meiner Träume" von solchen Americana-Standards durchzogen ist, wurde der Film hauptsächlich mit französischem und kanadischem Geld gedreht. Von Hollywood habe er sich nicht in seinen kreativen Freiheiten einschränken lassen wollen, sagte Jeunet bei der Deutschland-Premiere auf dem Münchner Filmfest vor knapp zwei Wochen.

Im Krieg mit Harvey Weinstein

Diese Vorsicht scheint besonders in Hinblick auf den mächtigen Studioboss Harvey Weinstein, der für den Mainstream-Erfolg von Filmen auch vor drastischen Eingriffen nicht zurückschreckt, berechtigt gewesen zu sein. "Ich befinde mich in einer Art Krieg mit Harvey Weinstein", so Jeunet. "Er will den Film neu schneiden, wie er es auch schon bei 'Delicatessen' und bei 'Amelié' machen wollte. Aber ich will das nicht, weil mein Schnitt endgültig ist." Laut Jeunet ist es gut möglich, dass sein Film in den USA nie in die Kinos kommen wird, sondern von Weinstein nur als Video-on-Demand und DVD angeboten werden wird.

Dabei kann man sich kaum vorstellen, was Weinstein an "Die Karte meiner Träume" hätte ändern wollen. Die fröhliche Schieberei mit uramerikanischen Kulissen und das vordergründige Spiel mit 3D-Effekten kaschieren nämlich nur notdürftig, dass der Film letztlich eine Heldenreise erzählt, wie sie nicht wortgetreuer aus einem Handbuch für Hollywood-Drehbuchautoren hätte übernommen werden können.

T.S. leidet und wächst an seinen Aufgaben wie ein Großer, und am Ende steht die Versöhnung mit der patriarchalen Ordnung, die anfangs noch herausgefordert schien. Helena Bonham Carters Mutterfigur besinnt sich wieder auf die leibliche und emotionale Fürsorge ihrer Familie, und Callum Keith Rennies Vaterfigur lässt dem Sohn endlich die wortlose Anerkennung zuteilwerden, nach der er sich die ganze Zeit verzehrt hat.

Ob Jeunet diese konventionelle Erzählung durch seine feuerwerkshafte Ausschmückung erst erträglich oder sie im Gegenteil durchs niedliche Ornament noch schlimmer macht, ist Geschmackssache. Dass er stark auf seinen Hauptdarsteller Catlett setzt, ist ihm in jedem Fall nicht zu verdenken. Der Junge ist so knallniedlich und talentiert, dass man sich - ganz wie der Wächter aus der Eingangsszene - gern von seinem breiten Grinsen an der Nase herumführen lässt.

Die Karte meiner Träume

F/CAN 2013

Originaltitel: The Young and Prodigious T.S. Spivet

Regie: Jean-Pierre Jeunet

Buch: Jean-Pierre Jeunet nach dem Roman Reif Larsens

Darsteller: Kyle Catlett, Helena Bonham Carter, Judy Davis, Callum Keith Rennie, Jakob Davies

Produktion: Epithète Films, Tapioca Films et al.

Länge: 85 Minuten

Verleih: DCM

FSK: ohne Beschränkung

Start: 10. Juli 2014

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Die Länge des Films...
Stefan_G 10.07.2014
... ist hier (unkorrekt) mit 85 min angegeben, die deutsche Kinofassung wird andernorts (korrekt) mit ~105 min angegeben. Ansonsten (persönliche Meinung): - wem die Erzählweise von "Amelie" gefallen hat, dem wird auch dieser Film gefallen. - die (eher sparsam verwendeten) 3D-Effekte sind vielleicht eindrucksvoller als in 2D, aber für die Geschichte und die beeindruckenden Landschaftschaftsaufnahmen eigentlich nicht nötig.
2. Hoffentlich
Siggi0815 10.07.2014
genauso fesselnd wie das Buch. Wobei ich mich frage wie die Unzähligen Illustrationen Erläuterungen und Exkurse wohl umgesetzt wurden. Seit Jahrzehnten erstmals wieder ein Grund ins Kino zu gehen.
3. schlecht recherchiert!
wyborne72 11.07.2014
soso, "zum ersten Mal ein Kind als Hauptdarsteller"... Der Autor unterschlägt damit Jeunets wunderbar versponnene Steampunk-Ikone "Stadt der verlorenen Kinder" aus dem Jahr 1995. Trailer: http://youtu.be/Pa7oVPru4J8
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