Jean-Pierre Léaud wird 60 Der letzte Träumer des europäischen Kinos

Geküsst, geschlagen, gefallen und geliebt: Jean Pierre Léaud war in den sechziger und siebziger Jahren der Liebling des europäischen Autorenkinos und der erste Star der Nouvelle Vague. In der Zwischenzeit fast vergessen, entdeckten ihn die Neunziger als fragilen Helden neu. Heute wird die französische Filmlegende 60 Jahre alt.

Von Gerd Bauder


Schauspieler Léaud (2001): Aushängeschild einer neuen Kinokultur
AFP

Schauspieler Léaud (2001): Aushängeschild einer neuen Kinokultur

Für Jean-Pierre Léaud begann alles mit einer Revolution. Die Revolution hieß Nouvelle Vague - Neue Welle - und nahm ihren Anfang am vierten Mai 1959 in Cannes. An diesem Tag erhielt Francois Truffauts Filmdebüt "Sie küssten und sie schlugen ihn", einer der ersten so genannten Autorenfilme, den Großen Preis des Filmfestivals und läutete damit das neue französische Kino ein.

Die Nouvelle Vague spülte binnen weniger Monate das vergreiste Kino der fünfziger Jahre von den Leinwänden; Léaud, damals 14 Jahre alt, debütierte in der Hauptrolle des mittlerweile als Klassiker geltenden Films. Die Rolle des Antoine Doinel, eines gleichermaßen widerspenstigen und zerbrechlichen Stadtkindes, machte ihn zum Aushängeschild einer neuen Kinokultur. Im mitreißenden und authentischen Spiel des jungen Franzosen spiegelte sich der Anspruch der "neuen Welle": Aufrichtigkeit und Gegenwärtigkeit.

Die Figur des Doinel war jedoch mehr als bloßer Ausdruck des Zeitgeists. Dieser Filmjunge war zugleich ein auf Zelluloid gebannter Léaud und sollte dessen Karriere maßgeblich prägen. Dies zeigte sich deutlich in vier weiteren Geschichten um das Leben von Doinel, die Truffaut mit seinem Lieblingsschauspieler in den Jahren 1962, 1968, 1970 und 1979 drehte.

Léaud in "Sie küssten und sie schlugen ihn": Authentisches Spiel
ARTE France

Léaud in "Sie küssten und sie schlugen ihn": Authentisches Spiel

Im Rückblick nehmen sich die Überschneidungen des Filmcharakters mit dem "wahren" Jean-Pierre dabei fast gespenstisch aus. Wie der Film-Doinel aus "Sie küssten und sie schlugen ihn" ist auch Léaud ein von seinen Eltern - einer Schauspielerin und einem Drehbuchautor - wenig erwünschtes Kind, das permanent in Konflikt mit den Regeln der Erwachsenen gerät. Wie die für Doinel harte Strafen fordernden Filmfiguren beklagten sich seinerzeit auch die Lehrer des jungen Léauds über "infantile Schlamperei, Arroganz, Aufsässigkeit und Disziplinlosigkeit".

Dem gegenüber stand die Kunstbegeisterung des Jungdarstellers: Léaud schreibt Verstragödien und spielt Theater, während sein Film-Ich das Kino und die Literatur liebt. Mit den späteren Folgen der Doinel-Filme wird die Symbiose von Darsteller und Leinwandfigur, von Realität und Fiktion noch offenkundiger. Der Filmcharakter, ein ungelernter Träumer, hangelt sich von Job zu Job und verwickelt sich in stets chaotisch endende Liebesgeschichten. Léaud wiederum, der Schauspieler ohne formale Ausbildung und lange Jahre von chronischem Geldmangel begleitet, scheitert in Beziehungen und stößt sein Umfeld mit seiner Exzentrik vor den Kopf. "Das ganze Team hasste ihn", resümierten Kollegen, die 1972 unter der Regie von Marcel Cravenne auf Léaud trafen. Sie waren es leid, sich anhören zu müssen, wie der eigensinnige Star alle als Faschisten beschimpfte.

 Claude Jade, Jean-Pierre Léaud in "Tisch und Bett" (1970): Schön und schwierig
ARTE France

Claude Jade, Jean-Pierre Léaud in "Tisch und Bett" (1970): Schön und schwierig

Das Image, das Léaud durch seine Doinel-Filme erhielt, ließ ihn neben seinem unbestreitbaren Talent in den sechziger und siebziger Jahren zur Ikone des Autorenkinos werden. Der schmächtige Schönling galt geradezu als Idealbesetzung, wenn es darum ging, zarte und verunsicherte Männer darzustellen. In ihm personifizierte sich eine neue Generation: Die Weigerung, erwachsen zu werden, und den Mut zum Träumen verkörperte er mit einer unvergleichlichen Mischung aus Naivität, Unbeholfenheit und Melancholie.

Kein Wunder, dass praktisch die gesamte Creme der damaligen Autorenfilmer ihn regelmäßig besetzte: Neben Truffaut drehte er u.a. mit Jean-Luc Godard, Pier Paolo Pasolini, Jacques Rivette und Bernardo Bertolucci. Gut 30 Filme entstanden in jenen Jahren, darunter Truffauts "Die Amerikanische Nacht", Godards "Masculin Féminin" und "Der letzte Tango in Paris" von Bertolucci.

Die enge Verbundenheit mit dem Autorenfilm, insbesondere aber sein "Doinel"-Image sollten dem Schauspieler schließlich zum Verhängnis werden, als das einstmals neue französische Kino in die Jahre kam. Anfang der achtziger Jahre wollten immer weniger Zuschauer die nun als dröge empfundene Filmkunst sehen. "Autorenfilm", das war mit einem Mal ein Schimpfwort. Rollenangebote wurden rar, zumal der Mittdreißiger in seiner Erscheinung nun kaum noch dem Bild des jungen, rebellischen Mannes entsprach. Er glich vielmehr wieder einmal Antoine Doinel - diesmal jedoch dem aus "L'amour en fuite" ("Liebe auf der Flucht", 1979), jenem letzten Film der Doinel-Serie, in dem Léaud, wie Truffaut es nannte, endgültig zur "anachronistischen Figur" wurde.

Léaud, "dessen Wirklichkeit, die der Träume ist", wie der Regisseur die Besonderheit des Darstellers einmal umschrieb, schien der Vergangenheit anzugehören. In einer Zeit, da sich das Kino wieder unkomplizierten und eindimensionalen Männerbildern zuwandte, konnte er nur untergehen. Wie sollte der schmächtige "Tunichtgut" denn auch gegen die nun gefeierte Härte und Entschiedenheit eines Silvester Stallone oder Harrison Ford bestehen? Im Laufe der achtziger Jahre verschwand der Filmkünstler fast gänzlich aus der Öffentlichkeit, Interviews gab er kaum noch. Beruflich musste er sich mit TV-Rollen und wenig beachteten Projekten, wie etwa dem Filmversuch "C'est La Vie" des heutigen Politikers Daniel Cohn-Bendit, über Wasser halten.

 Léaud als "Der Pornograph" (2003): Comeback einer Ikone
AFP

Léaud als "Der Pornograph" (2003): Comeback einer Ikone

Erst die Renaissance der Autorenfilmidee in den neunziger Jahren durch Regisseure wie Aki Kaurismäki holte Léaud zurück in die Kinos. Sicherlich kein Zufall, dass ausgerechnet Nouvelle-Vague-Kenner Kaurismäki dem Franzosen zu einem Comeback verhalf. In "I Hired A Contract Killer" (1990) ließ er den Charakterdarsteller als lebensmüden Angestellten das Abenteuer Alltag meistern und ihn schließlich die Liebe seine Lebens finden. Léaud, der kleine, melancholische Mann, war zurück - und mit ihm ein zurückhaltendes Spiel, das oft überzeugender ist als das so vieler aufwändig in Szene gesetzter Stars.

Arthouse-Regisseure vergeben seither gerne wieder Rollen an ihn. In einigen der besten "großen, kleinen Filme" der letzten Jahre, etwa "Irma Vep" (1996) und "Der Pornograph" (2001), konnte er endlich wieder sein einzigartiges Talent unter Beweis stellen.

In dem fast regungslosen Spiel des Franzosen schwingen immer noch die Versprechen und Wünsche der französischen Filmrevolution von einst mit. Ganz unnostalgisch künden seine Auftritte von der damaligen "Utopie Kino", die Menschen, nicht Stars zeigte, und eine nie zuvor erlebte Aufrichtigkeit ins Kino brachte. Somit bewahrt Léaud eine im heutigen Filmgeschäft oft vergessene Tugend: "Die Liebe zum Kino" die, wie er einmal erzählte, "Truffaut mich lehrte."

Der Träumer Léaud, der nun am 5. Mai, genau 45 Jahre nach der Revolution von Cannes, 60 Jahre alt wird, mag in die Jahre gekommen sein - die Notwendigkeit der von ihm wie von keinem Zweiten dargestellten zweiflerischen Menschlichkeit ist es nicht. Bon anniversaire, Jean-Pierre!



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