Zum Tod von Jerry Lewis Hinter der Maske des Clowns

Mit Jerry Lewis ist einer der besonders großen Künstler gestorben - und die Welt etwas weniger albern. Nachruf auf einen, der genauso hemmungslos lachen wie weinen konnte.

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Es gibt Künstler, besonders große Künstler, die uns früh im Leben so sehr berühren, dass wir ihnen das später, als abgeklärte Erwachsene, nie mehr verzeihen. Wer nie über das Gehampel, Grimassieren und Gestammel von Jerry Lewis in "Der Bürotrottel" (1961) oder "Hallo, Page!" (1960) lachen konnte, ist nie neun Jahre alt gewesen. Wer aber an den Verrenkungen des Spaßvogels auch mit 19 noch seine Freude hatte, war drauf und dran, sich in eine tragische Figur zu verwandeln, die von Jerry Lewis selbst stammen könnte: "Ich habe meinen Charakteren nie erlaubt, älter als neun Jahre zu sein."

Mit Faxen und Klassenkaspereien, so die gängige Erklärung, buhlte Joseph Levitch schon früh um die Aufmerksamkeit seiner viel im Varieté beschäftigten Eltern, aus Russland emigrierte Juden. Schon mit 13 Jahren trat er zu Musik von Schallplatten auf, deren Gesang er in stummer Mimikry persiflierte. Seine frühe Karriere führte ihn zu einem Engagement im "Club 500" in Atlantic City, wo er 1946 einem italoamerikanischen Sänger die Bühne bereitete: Dean Martin.

In ihrem Programm, angelehnt an die gemeinsamen Darbietungen von Bob Hope und Bing Crosby, war Martin der elegante und um Contenance bemühte Crooner, der von Lewis an seinem Vortrag gehindert wurde. Mal setzte er die Schuhe der Musiker in Brand, mal warf er mit dem Essen des Publikums um sich oder schnitt Gästen die Krawatten ab. Vor dem Hintergrund und auf Kosten des "seriösen" Dean Martin wirkte der chaotisch-kindliche Lewis umso greller. Er selbst brachte das Prinzip ihrer Comedy auf den Punkt: "Ein schöner Mann und ein Äffchen."

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Jerry Lewis: Slapstick mit vollem Körpereinsatz

Das Zerwürfnis zwischen Lewis und Martin

Ihre Partnerschaft war ein gigantischer Erfolg, führte zu Radiosendungen, Tourneen, 16 Kinofilmen - und nach zehn Jahren zu einem tiefen Zerwürfnis zwischen Lewis und Martin, der sich zum bloßen "Stichwortgeber" degradiert sah. Lewis, der zuvor schon einen Großteil der kreativen Arbeit beigesteuert hatte, reüssierte nach der Trennung auch als Regisseur und Hauptdarsteller mehrerer Hits - in denen er spielte wie ein Stummfilmstar, der sich in der Ära geirrt hatte. Sein kommerziell und wohl auch künstlerisch erfolgreichster Film war "Der verrückte Professor" (1963), eine Glosse auf "Dr. Jekyll und Mr. Hyde", auf den Horrorfilm schlechthin und den All-American-Boy.

Mit entgleisender Mimik, unbeholfener Gestik und quakender Stimme war der Professor eine typische Jerry-Lewis-Figur. Nach Einnahme eines Gebräus verwandelte er sich in einen selbstsicheren Herzensbrecher, der verdächtig an Dean Martin erinnerte. Lewis spielte beide Rollen selbst. Dennoch wird es weniger seine Hybris gewesen sein, die ihm in den folgenden Filmen in die Quere kam.

Zwar krankten seine Filme sowohl an der zusehends überschnappenden Exaltiertheit seines Spiels als auch an der zunehmenden Rührseligkeit der Plots - denn Lewis konnte so hemmungslos weinen, wie er herumalbern konnte. Nein, das Publikum dürfte spätestens gegen Ende der Sechzigerjahre einfach nicht mehr neun Jahre alt gewesen sein.

Andere Zeiten brachen an, und Lewis war nicht mehr dabei. 1972 unternahm er allerdings einen ehrgeizigen Versuch, sich selbst als Künstler neu zu erfinden, seine Rolle an eine bisher unberührte Grenze zu führen - und zugleich seine jüdische Herkunft zu thematisieren. In Schweden drehte er mit "The Day The Clown Cried" einen Film, in dem ein Clown dazu verurteilt ist, Kindern den Gang in die Gaskammer zu erleichtern.

Vielleicht war es der Versuch einer radikalen Komödie, wie sie später Roberto Benigni mit "Das Leben ist schön" gelingen sollte, vielleicht ein Ausfallschritt ins ernste Fach. Man weiß es nicht, weil Lewis den fertigen Film niemals zeigte. Nach dem Grund gefragt, erklärte er später: "Ich war peinlich berührt. Ich schämte mich für diesen Film und war dankbar für meine Macht, ihn verschwinden und niemand ihn jemals sehen zu lassen. Er war schlecht, schlecht, schlecht."

Es gehört künstlerische Größe dazu, ein solches Unterfangen zu wagen, das, wäre es gelungen, mindestens an Mel Brooks vergleichbare Versuche - vielleicht sogar an Charlie Chaplin - hätte heranreichen können. Es braucht menschliche Größe, das Scheitern zu erkennen und mit allen Konsequenzen einzugestehen. Für Jerry Lewis, der sich überdies in eine langjährige Medikamentenabhängigkeit hineinmanövriert hatte, bedeutete "The Day The Clown Cried" in jeder Hinsicht einen Bruch.

Seitdem spielte er weiter in Filmen mit, bisweilen in ernsten Rollen, etwa in Martin Scorseses "King of Comedy" (1982). Vor allem in Frankreich erfuhr er alle Ehren, man verglich ihn dort mit Jean-Luc Godard. In den USA schätzte ihn das breite Publikum bald nur noch als Gastgeber einer Charity-Sendung im Fernsehen: Von 1966 bis 2010 sammelte er in ("The Jerry Lewis MDA Labor Day Telethon" Spenden für die Behandlung von Muskelschwund. Die Beharrlichkeit, mit der er dieses Engagement betrieb, war typisch für Lewis' Arbeitsethos. So stand er auch von 1946 bis 2016 beinahe regelmäßig in Las Vegas mit einem Programm auf der Bühne.

Grumpy Lewis

In seinen letzten Jahren erst tat er, wovon ihm einst John F. Kennedy dringend abgeraten hatte, und äußerte sich über Politik, nannte Donald Trump einen großartigen "Showman" und sich selbst einen Patrioten. Als lebende Legende konnte er nicht zufrieden sein mit dem Respekt, den ihm nachfolgende Generationen entgegenbrachten - auch wenn Komiker wie Jerry Seinfeld oder Jim Carrey ("Ich bin, weil er war") nie müde wurden, seinen Einfluss zu betonen.

Zuletzt war Jerry Lewis so "grumpy", wie es einem Neunzigjährigen zusteht. Und vielleicht war er es hinter der Maske des Clowns schon immer. "Komik ist unser Sicherheitsgurt", sagte er 1972 in einem Interview. "Ohne sie, glaube ich, würden wir verschwinden. Verdampfen. Kein Mann könnte arbeiten, keine Familie könnte funktionieren, die Menschheit könnte nicht bestehen ohne das Lachen."

Mit 91 Jahren ist Jerry Lewis nun gestorben und die Welt etwas weniger albern geworden. Zeit, ihm zu verzeihen.



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