Schauspielstar Jesse Eisenberg "Da wird ein animalischer Instinkt in mir wach"

Als verklemmter Mark Zuckerberg wurde Jesse Eisenberg berühmt: Nun spielt er plötzlich in Blockbustern wie "Batman vs. Superman" mit, schreibt Bücher und steht auf der Theaterbühne. Was ist da passiert?

AP

Ein Interview von


Traf man Jesse Eisenberg früher zum Interview, war er oft ein Ausbund von Nervosität. Die soziale Ungelenkheit oder Schüchternheit, die er in Filmen wie "Der Tintenfisch und der Wal" oder natürlich "The Social Network" auf die Leinwand brachte, schien nicht gespielt zu sein, das legten sein Stottern, die unruhigen Hände und der fehlende Blickkontakt nahe.

Bei einem Treffen im Londoner Soho Hotel anlässlich seines neuen Films "Die Unfassbaren 2" erscheint der mittlerweile 32-Jährige nun fast wie ausgewechselt: Der Händedruck ist verbindlich, die Stimmung entspannt und Eisenberg gesprächig wie nie. Auch beruflich hat er in den letzten Jahren neue Wege eingeschlagen. Bereits drei eigene Theaterstücke brachte er seit 2011 auf die Bühne, vergangenes Jahr erschien außerdem sein erstes Buch mit dem Titel "Bream Gives Me Hiccups" (auf Deutsch kommen seine Storys am 9. September unter dem Titel "Fünf von fünf Sternen" beim Eichborn-Verlag heraus).

Und im Kino ist er nicht mehr nur auf die Rolle des Nerds in kleinen Independent-Produktionen festgelegt, sondern war kürzlich auch als Bösewicht Lex Luthor in "Batman vs. Superman" zu sehen.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Eisenberg, in "Die Unfassbaren 2" spielen Sie erneut einen Magier, also jemanden der seinem Publikum etwas vorgaukelt. Im Grunde ist das nicht weit weg von dem, was Sie als Schauspieler tun, oder?

Eisenberg: Da ist auf den ersten Blick natürlich etwas dran. Doch für mich gibt es da einen fundamentalen Unterschied, der vor allem in der Beziehung zum Zuschauer liegt. Als Schauspieler weiß mein Publikum, dass ich nicht die Person bin, die ich darstelle. Es besteht kein Zweifel daran, dass es sich beim Gezeigten um Fiktion handelt. Eine Zaubershow dagegen lebt davon, dass dem Publikum suggeriert wird, alles, was der Magier macht, könne echt sein. Deswegen bin ich auch eigentlich so ein schlechter Zauberer. Es widerstrebt mir irgendwie, den Zuschauern nicht zu offenbaren, wie ich eine Illusion herstelle.

SPIEGEL ONLINE: Aber Schauspieler offenbaren doch auch ungern ihre Arbeits- und Herangehensweisen.

Eisenberg: Das liegt, glaube ich, vor allem daran, dass sie sich so schwer beschreiben lassen. Magier tun es nicht, um die Illusion nicht zu zerstören - und vor allem damit ihnen niemand die Tricks nachmacht. Die Gefahr sehe ich bei meiner Kunst nun wirklich nicht. Schon allein, weil meine Herangehensweise an die Schauspielerei ein so immens persönlicher Prozess ist. Ich nutze meine eigenen Gefühle, Beobachtungen und Erfahrungen, um eine fiktive Person zu spielen. Das in Worte zu fassen und jemand anderem begreiflich zu machen, ist verdammt schwierig.

SPIEGEL ONLINE: Aber man lernt doch an der Schauspielschule Tricks und Techniken. Das kann ja nicht alles bloß Intuition sein, sondern muss unterrichtet werden.

Eisenberg: Na ja... Alles was ich heute anwende, wenn ich vor einer Kamera oder auf einer Bühne stehe, basiert auf meinen Erfahrungen, nicht auf Tricks. Ich war auf einer Schauspielschule. Das war gut, weil man viel Raum zum Üben hatte. Aber ich kann nicht behaupten, dass ich spezifische Techniken gelernt habe, die ich in meiner Arbeit tatsächlich anwende. Außerdem habe ich sogar selbst schon Schauspiel unterrichtet - und kann mir nicht vorstellen, dass ich dabei irgendetwas Nützliches weitergegeben habe. Dazu ist der Prozess, wie gesagt, in meinen Augen ein viel zu persönlicher.

SPIEGEL ONLINE: Auf der Bühne standen Sie zuletzt in London, von Mai bis Mitte August waren Sie am West End in Ihrem eigenen Stück "The Spoils" zu sehen. Ändert sich Ihre Arbeit als Schauspieler, wenn Sie vor Publikum stehen?

Eisenberg: Oh ja, zu 100 Prozent. Vor 500 Menschen zu stehen, die sämtlich ihre Augen auf dich richten - das macht etwas mit dir. Da wird plötzlich eine Art animalischer Instinkt in mir wach, denn es gibt keinen Ausweg und kein Verstecken. Bisweilen kann dieses Gefühl lähmend sein. Doch in der Regel erlebe ich es als unglaublich inspirierend und belebend. Deswegen bedeutet mir die Arbeit auf der Bühne so viel.

SPIEGEL ONLINE: Beim Film geht Ihnen diese Inspiration ab?

Eisenberg: Das unmittelbare Gefühl auf jeden Fall. Und gerade bei einem Film wie "Die Unfassbaren" wird es manchmal besonders kniffelig: Da spielen wir eine Gruppe, die vor großem Publikum auftritt - aber wann immer die Nahaufnahmen gedreht werden, ist gar kein Publikum da! Es ist ja nicht im Bild, also warum dafür Statisten engagieren? Bei "Die Unfassbaren 2" haben wir Schauspieler deswegen manchmal die Statisten gefragt, ob sie vielleicht länger bleiben könnten. Denn die Energie des Gegenübers ist für solche Szenen so unglaublich wichtig. Nicht zuletzt für jemanden wie Woody Harrelson, der ein so unglaublicher Showman ist.

SPIEGEL ONLINE: Apropos Showman: Sie selbst wirken längst nicht mehr so schüchtern und still wie noch vor einigen Jahren. Im Kino sieht man Sie nicht mehr nur in kleinen Independent-Produktionen, sondern als Lex Luthor in "Batman vs. Superman" oder eben "Die Unfassbaren". Werden Sie selbst womöglich auch immer mehr zum selbstbewussten Entertainer?

Eisenberg: Ich würde schon sagen, dass ich in den letzten Jahren eine Entwicklung durchgemacht habe. Irgendwie fühle ich mich wohler in meiner Haut, was Sie anscheinend auch merken. Das fing an, als ich begann, meine eigenen Theaterstücke zu schreiben und auf die Bühne zu bringen. Dadurch habe ich offenbar mehr als zuvor meine eigene künstlerische Handschrift und Stimme gefunden. Ich habe also gelernt, mich selbst ein bisschen besser zu verstehen, was dazu geführt hat, dass ich nicht nur als Mensch, sondern eben auch als Schauspieler selbstsicherer wurde.

Im Video: Der Trailer zu "Die Unfassbaren 2"

SPIEGEL ONLINE: Können Sie noch etwas konkreter sagen, was den heutigen Jesse Eisenberg von dem vor fünf oder zehn Jahren unterscheidet?

Eisenberg: Ich habe in den letzten Jahren etwas verinnerlicht, das ich eigentlich schon als Kind gelernt hatte. Eigentlich bin ich in einer Stadt aufgewachsen, in der Kreativität und künstlerischer Ausdruck nicht unbedingt großgeschrieben wurden. Darstellende Künste jeglicher Art wurden eher skeptisch beäugt. Aber meine Mutter arbeitete als Clown, man konnte sie für Geburtstage buchen. Jedes Wochenende wachte ich davon auf, dass sie mit bemaltem Gesicht und roter Latzhose im Wohnzimmer saß und Gitarre spielte. Das hat mir gezeigt, dass man auch das Albern- und Lustigsein sehr ernst nehmen kann. Doch es hat wohl ein wenig gedauert, bis ich das auch auf mich übertragen habe. Heute weiß ich, dass die Leidenschaft, Hingabe und Würde eines Berufs nicht darunter leiden müssen, nur weil es womöglich lächerlich, komisch oder surreal wirkt, was man da tut.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt wie eine Erklärung dafür, wie der ernsthafte Schauspieler Jesse Eisenberg als Lex Luthor in einem Mega-Blockbuster wie "Batman vs. Superman" gelandet ist.

Eisenberg: Nein, die Erklärung dafür ist eine andere. Lex Luthor war eine unglaublich interessante Figur und richtig gut geschrieben. Es reizte mich, mich mit diesem Mann auseinanderzusetzen und auszuprobieren, wie ich ihn zum Leben erwecken kann. Mehr brauche ich nicht, um eine Rolle anzunehmen, ganz gleich wie groß oder klein der Film ist.

SPIEGEL ONLINE: Als Luthor stehen Sie aktuell auch für "Justice League" vor der Kamera, nach "Die Unfassbaren 2" die zweite Fortsetzung innerhalb kürzester Zeit. Ist es nicht ermüdend, solche Rollen noch ein zweites Mal zu spielen?

Eisenberg: Überhaupt nicht. Denken Sie an mein bereits erwähntes Stück "The Spoils". Seit ich das vor drei Jahren geschrieben habe, habe ich es sicherlich 200 und mehr Abende gespielt. Das langweilt mich nicht, sondern ist im Gegenteil für mich als Schauspieler die beste Erfahrung. Es gibt nichts Aufregenderes. Bei Filmen habe ich oft das Gefühl, dass Szenen viel zu schnell gedreht werden und vorüber sind. Da habe ich gar nicht die Zeit, eine Figur wirklich in ihrer Komplexität auszuloten und zu einem echten, dreidimensionalen menschlichen Wesen erblühen zu lassen. Deswegen finde ich aktuell Fortsetzungen so spannend, denn man bekommt dort die Möglichkeit, eine Rolle weiter zu erforschen und womöglich Facetten zu entdecken, für die es beim ersten Mal keinen Raum gab. Was die Arbeit angeht, ist das die Theater-ähnlichste Erfahrung, die ich beim Film bislang gemacht habe.

SPIEGEL ONLINE: Darüber hinaus arbeiten Sie gerade auch an Ihrem Regiedebüt: Die Fernsehserie "Bream Gives Me Hiccups" basiert auf Ihren eigenen Kurzgeschichten. Wollen Sie über kurz oder lang die Schauspielerei beenden?

Eisenberg: Auf keinen Fall! Das Schreiben alleine beispielsweise würde mich nie erfüllen. Gerade gestern saß ich Ewigkeiten am Schreibtisch, weil ich einen 8000 Worte langen Essay abgeben musste und mir die Deadline im Nacken saß. Ich saß mindestens 24 Stunden am Stück in meinem Apartment und war mit nichts als dieser einen Sache beschäftigt. So etwas fängt immer schnell an, mich zu frustrieren. Deswegen werde ich auch in Zukunft weiter versuchen, auf möglichst vielen Hochzeiten zu tanzen. Film, Fernsehen und Theater, schreiben, spielen und inszenieren. Diese Vielfalt ist es, die meine Kreativität und Lebensfreude beflügelt. Nur eine einzige Aufgabe zu haben, würde sich für mich wie Stagnation anfühlen.

Kurzkritik "Die Unfassbaren 2"
  • Concorde
    "Die Unfassbaren" (Originaltitel: "Now You See Me") war vor drei Jahren ein kurzweiliges, temporeiches Stück Unterhaltungskino - und mit einem Einspielergebnis von 350 Millionen Dollar ein echter Überraschungserfolg. Deswegen kehrt nun das All-Star-Ensemble um Jesse Eisenberg, Mark Ruffalo, Morgan Freeman und Co. zurück, bekommt es mit dem Magie-erfahrenen Daniel Radcliffe als Gegenspieler zu tun und zaubert sich von China bis London einmal um die Welt. Das ist immer noch schnell und bunt, allerdings auch viel zu schrill und hysterisch - und selbst die wenigen cleveren Trick-Sequenzen, die zum Staunen anregen könnten, werden ausgereizt, bis nur noch müdes Gähnen herrscht.


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Seite 1
Thunder79 25.08.2016
1.
Schade, als Nerd finde ich ihn genial. Richtig klasse auch seine Filmleistung in Zombieland, ich vermute immer noch dass er einfach so ist und nicht im speziellen diesen Charakter schauspielern musste.
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