Kinostar Jessica Chastain "Melania Trump? Im Moment nicht"

Im Politthriller "Die Erfindung der Wahrheit" spielt Jessica Chastain eine ruchlose Lobbyistin. Die US-Schauspielerin will mit Frauenklischees im Kino brechen. Einen Part aber lehnt sie dankend ab. Noch. Ein Porträt.

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In Hollywood ist auf nichts Verlass, außer auf eines: Aufs richtige Timing kommt es an. In "Die Erfindung der Wahrheit" spielt Jessica Chastain eine ihrer bisher stärksten Rollen.

Sie gibt die pragmatisch-ruchlose Washingtoner Lobbyistin Elizabeth Sloane so furios und packend, dass man dem Politthriller von Regisseur John Madden so manche kleine Schwäche verzeiht. Es ist ganz und gar ihr Film, ein darstellerischer Triumph, der Chastains Ausnahmestellung unter den Schauspielerinnen ihrer Generation eindrucksvoll unter Beweis stellt. "Das war ein ziemlicher Kraftakt, dieser Charakter", seufzt sie beim Interview-Termin in Paris. Nur leider wollte ihre "Miss Sloane", so der Originaltitel, kaum jemand sehen.

"Die Erfindung der Wahrheit" spielte in den USA trotz Startaufgebot von mehr als 1000 Leinwänden nur magere 3,5 Millionen Dollar ein. Der Film gilt als Flop. Vielleicht hatten die Amerikaner, gebeutelt vom frustrierenden Präsidentschaftswahlkampf zwischen Hillary Clinton und Donald Trump, im Dezember 2016 schlicht keinen Sinn für ein hartes, dialoglastiges Politdrama um eine manipulative weibliche Hauptfigur, die Männer nur schwer einschätzen können. In einer Szene des Films fragt ein mächtiger Waffenlobby-Vertreter seine Berater verunsichert, wie er Sloane am besten begrüßen soll: "How do I say Hello to her?" Starke Frauen sind nicht Teil des Buddys-Systems, in dem sich Männer bewegen und befördern, das macht sie unberechenbar und bedrohlich. Und abschreckend für ein Massenkinopublikum?

"Wenn ich eine Rolle annehme, denke ich über so etwas nicht nach", sagt Chastain, "im Gegenteil, ich mag es, Charaktere zu spielen, die erst einmal unsympathisch sind. Es gab eine Menge Fragen zu Miss Sloane, zum Beispiel: 'Warum agiert sie wie ein Mann?' Tut sie das wirklich? Ich halte es für eine altmodische Haltung und eine überkommene Idee, zu denken, dass Frauen soft sein müssen, immer auf der Suche nach Liebe und, Sie wissen schon, sanft."

Die Gesellschaft herausfordern

Zahllose Männer hätten im Kino Rollen wie "Miss Sloane" gespielt, aber wenn eine Frau all diese Attribute verkörpere, "Ehrgeiz, Kompetenz, Führungsanspruch, kompliziert zu sein und manchmal nicht nett", dann sei es irritierend, weil die Gesellschaft Frauen über Jahrhunderte davon weggedrängt und sie bestraft habe, wenn sie sich so verhalten hätten. "Das ist es, was mich interessiert: die Gesellschaft herauszufordern, sich darüber Gedanken zu machen, was Frauen sein dürfen."

Dass man dabei manchmal Angst und Schrecken verbreiten muss, lernte Chastain bei der Recherche zu "Miss Sloane", als sie sich mit echten Lobbyistinnen in Washington traf. Sie habe zuerst gedacht, sie müsste die Figur so spielen, dass sie kein Make-up trägt und keinen Sex-Appeal verströmt, weil sie in einer Männer-Umgebung arbeitet, erzählt sie. "Doch die Frauen in D.C. trugen schwarzen Nagellack, auffällige Outfits, viel Schminke und aufwendige Frisuren. Mir wurde klar, dass sich Frauen in dieser Welt in einer Weise präsentieren können, die nicht sexuell ist, sondern stark und einschüchternd."

Jetzt, da "Miss Sloane" auch bei uns anläuft, gibt der Zeitgeist ihr recht: Der Superheldinnen-Triumph "Wonder Woman" gilt als Beleg, dass starke, unabhängige Frauenfiguren, von einer Frau inszeniert, auch Kasse machen können. Auch Sofia Coppolas neuer Film "Die Verführten", soeben gestartet, könnte von dieser Welle des Wohlwollens für den weiblichen Blick profitieren. Vielleicht wird auch "Miss Sloane" über den Umweg Europa noch zu einem Erfolg.

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Jessica Chastain: Hollywoods Wunder-Woman

Für Jessica Chastain, die im März 40 Jahre alt wurde und ihre Popularität mit zunehmender Vehemenz für mehr weibliche Perspektiven im Filmgeschäft einsetzt, wäre es eine schöne Bestätigung. Vor fünf Jahren, nach ewigem Durchschlagen als Krimi-Leiche oder Randfigur, wurde sie wie aus dem Nichts zu einer der großen Hoffnungsträgerinnen des amerikanischen Arthouse-Kinos. Fast gleichzeitig war sie mit sechs Filmen im Kino zu sehen, darunter "The Tree of Life", "Zero Dark Thirty" und "The Help". Das "Time"-Magazin zählte sie 2012 zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt. Jetzt steht die rothaarige Kalifornierin erneut an einem Wendepunkt ihrer Karriere.

In den kommenden Jahren wird sich entscheiden, ob sie tatsächlich, wie vielfach beschworen, zu einer neuen Meryl Streep werden kann - oder ob ihr das Schicksal ihrer älteren, ähnlich engagierten Kollegin Susan Sarandon droht, die seit Jahren immer seltener als Schauspielerin in Erscheinung tritt und sich auf politischen Aktivismus verlagert hat.

Sollten sich die Verhältnisse tatsächlich auch in der Filmbranche zugunsten weiblicher Blickwinkel öffnen, könnte Chastain eine Rolle finden, die beides ermöglicht: künstlerische Arbeit und gesellschaftspolitisches Wirken auf gleichermaßen hohem und sichtbarem Niveau.

So komplex wie ihre Rollen

Wie das aussehen könnte, war im Mai beim Filmfestival in Cannes zu bewundern. Chastain, Mitglied der Jury um den spanischen Filmemacher Pedro Almodóvar, zeigte sich bei der Abschlusspressekonferenz bestürzt über die immer noch männliche Sicht der Dinge: Es sei das erste Mal, dass sie 20 Filme in zehn Tagen gesehen habe, sagte sie, und dass sie Kino liebe. Was sie aus dieser Erfahrung und den in den Filmen repräsentierten weiblichen Charakteren gelernt habe, sei, wie die Welt auf Frauen blickt: "Um ehrlich zu sein, fand ich es ziemlich verstörend."

Ihr Statement beendete sie mit einem Plädoyer für mehr weibliches Storytelling, dann gäbe es auch mehr Frauen im Kino, in denen sie sich selbst wiedererkenne, Frauen, die "proaktiv sind, die ihre eigene Agenda haben und nicht nur auf die Männer um sie herum reagieren." Sofia Coppola wurde in Cannes dann als beste Regisseurin ausgezeichnet, als zweite Frau in der 70-jährigen Geschichte des Festivals.

Wer Jessica Chastain als "Miss Sloane" im Kino sieht und solche kämpferischen Aussagen von ihr hört, könnte auf die Idee kommen, sie sei eine Klischee-Feministin, eine humorlose Amazone. Solche Projektionen lösen sich spätestens auf, wenn man sie trifft. Chastains offene, freundliche und begeisterungsbereite Art ist so umwerfend wie ihr mädchenhaft fröhliches Lachen, das sie zu jeder Gelegenheit loslassen kann. Gleichzeitig formuliert sie im Interview so präzise, griffig und konzentriert, als wäre sie tatsächlich auf bestem Wege, Politikerin zu werden. Das jedoch schließt sie kategorisch aus, zumindest im Moment noch. Chastain ist ein mindestens so komplexer Charakter wie die Figuren, die sie gern spielt.

Neu im Kino: "Die Erfindung der Wahrheit" (Featurette)

Anders als für ihre ähnlich unbequeme Rolle der CIA-Analystin Maya in Kathryn Bigelows Politthriller "Zero Dark Thirty" gab es keine Oscarnominierung für "Miss Sloane". Lediglich bei den Golden Globes wurde sie berücksichtigt. Für die Schauspielerin kein Problem: "Es gab dieses Jahr bei den Oscars so viele Filme über großartige Frauen, das allein macht mich sehr glücklich", sagt sie lachend.

Daran, dass dieser Trend zu mehr Gleichberechtigung anhält, will sie auch mit ihrer eigenen, 2016 gegründeten Produktionsfirma Freckle Films beitragen, die vorrangig weibliche Talente in allen Filmbereichen unterstützen soll. Zu den Projekten, die zurzeit entwickelt werden, gehört die Verfilmung des Bestsellers "Loving Frank" von Nancy Boran über die mysteriöse Liebesaffäre zwischen Martha "Mamah" Borthwick und Architektur-Legende Frank Lloyd Wright sowie ein Film über die Black Mambas, eine Gruppe mehrheitlich weiblicher Aktivistinnen gegen Wilderei in Südafrika.

Endlich Superheldin?

Chastain wird in den kommenden Jahren aber auch selbst wieder öfter im Kino zu sehen sein, noch dieses Jahr in der Literaturverfilmung "Die Frau des Zoodirektors" als polnische Nazi-Widerständlerin Antonina Zabinski. Zudem spielt sie Hauptrollen in neuen Filmen von Aaron Sorkin und Xavier Dolan und ist für die Titelrolle der Verfilmung des Pulp-Comics "Painkiller Jane" ebenso im Gespräch wie für die Rolle der Sängerin Tammy Wynette in Taylor Hackfords Country-Biopic "George and Tammy".

Ihr lange gehegter Traum, endlich auch einmal in einem Superheldenfilm mitspielen zu dürfen, könnte in der nächsten X-Men-Fortsetzung in Erfüllung gehen. Allerdings ist darin keine Superheldinnen-Rolle für die Charaktermimin vorgesehen, sondern die der Schurkin: Sie soll die Alien-Herrscherin Lilandra spielen, die in den Comics als "Dark Phoenix" ihr Unwesen treibt. Komplexe und interessante Figuren, das sind im Kino oft die Bösewichte, egal ob männlich oder weiblich.

Könnte sie sich vorstellen, Melania Trump zu spielen? "Jetzt!?" Wieder dieses Lachen. "Nein", sagt Jessica Chastain, "im Moment wäre das zu viel Gossip. Aber vielleicht in der Zukunft, wenn es eine spannende Story zu erzählen gibt, was zum Kuckuck da eigentlich im Weißen Haus gerade passiert. Wenn wir eine Geschichte finden, die interessant ist und der Sache der Frauen und der Gesellschaft dienlich ist: absolut!"

Das richtige Timing wird, wie immer, entscheidend sein.

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insgesamt 4 Beiträge
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noalk 07.07.2017
1. guter Film
Vor allem der wendungsreichen Geschichte und dem guten Drehbuch geschuldet und nicht durch schlechte Regie und Kamera verhunzt. Stimmt schon: Mit einem männlichen Protagonisten wäre er wohl nicht in den U.S. gefloppt. Ein guter Krimi kann eben auch ohne Leiche gedeihen.
Mastermason 07.07.2017
2.
Wieder ein Beitrag aus der beliebten SPON-Serie "Frauen sind sooo toll, haben es aber sooo schwer.". Kommt einem mittlerweile zu den Ohren raus, aber egal: ich werde dem Film definitiv eine Chance geben.
nuvolanuvola 07.07.2017
3. Gott sei dank
nimmt der Autor uns die Angst vor dieser Emanze, indem er uns versichert, dass sie trotz ihrer ganzen Ideen und Meinungen mädchenhaft und freundlich ist. Man hüte sich allerdings vor dem tragischen Schicksal einer Schauspielerin, die sich für so intelligent hält, dass sie im politischen Geschehen mitmischen darf – dafür haben wir doch schon DiCaprio, bei dem wir das großartig finden. Lieber Herr Borcholte, Chastain meint Leute wie Sie, wenn sie von einer altmodischen Haltung und überkommenen Ideen spricht.
micheleyquem 07.07.2017
4. Sehenswert, aber......
Unterhaltsam, spannend, intelligent... schade, dass man mit dem überflüssigen Happy End vieles der vorangegangenen Wahrheit wieder zerstört. Solche alberenen und unglaubwürdigen Kompromisse mit einer Kackerlake zeigen halt was für Leute sowas finanzieren und, dass sie in ihren Produkten zuviel der Wahrheit lieber nicht so gerne sehen. Die Gefahr dass zu viele Zuschauer aufwachen und verstehen, will man denn doch nicht eingehen.
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