Jesus-Film "Passion" lockt auch Muslime ins Kino

Der Islam verbietet die künstlerische Darstellung Gottes und heiliger Figuren anderer monotheistischer Religionen. Trotzdem protestieren muslimische Geistliche in der arabischen Welt nicht gegen Mel Gibsons "Passion Christi". Im Gegenteil, der vielfach als antisemitisch bezeichnete Film entwickelt sich zum Kassenknüller.


"Die Passion Christi" im Kino: Kassenrekorde in der arabischen Welt
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"Die Passion Christi" im Kino: Kassenrekorde in der arabischen Welt

Mel Gibsons blutiges Bibel-Epos "Die Passion Christi" sorgt in der arabischen Welt für volle Kinos. Obwohl der Film muslimische Tabus verletzt, wird er in vielen arabischen Ländern gezeigt. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, führen viele Filmkritiker aus dem arabischen Raum die unübliche Laxheit der Zensoren auf die teils heftigen Antisemitismusvorwürfe gegen den Film zurück.

Nach Angaben des Verleihs bricht das Kreuzigungs-Drama seit seinem arabischen Kinostart in der vergangenen Woche in Ägypten, Katar, Syrien, Libanon, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Jordanien bereits Kassenrekorde.

"Es handelt sich hier ganz klar um eine Auswirkung der Behauptung jüdischer Lobbys, dass der Film schlecht ist", sagte Alfred Mutua, ein Regisseur und Universitätsprofessor aus Dubai. "Alles, was Juden schlecht nennen wird interessant für diesen Teil der Welt, es verkauft sich leicht", so Mutua gegenüber der Agentur. "Die Zensoren halten den Film für antisemitisch, deshalb behandeln sie ihn anders", meinte auch der ägyptische Filmkritiker Mahmud Darwish.

In Ägypten und dem Libanon gibt es große christliche Minderheiten, die der "Passion" stattliche Besucherzahlen bescheren, aber auch Muslime strömen laut Reuters in die arabischen Kinos. Der muslimische Klerus bleibt derweil überraschend unkritisch. Der Islam verbietet die lebensechte Darstellung heiliger Figuren - egal ob muslimisch, christlich oder jüdisch. Nach muslimischer Lehre wurde Jesus allerdings auch nicht gekreuzigt und war nicht Gottes Sohn.

Üblicherweise legen die mächtigen muslimischen Geistlichen der Region großen Wert darauf, dass Bücher und andere als blasphemisch angesehene Werke durch die Regierungen zensiert werden. Trotzdem haben nur wenige arabische Länder, etwa Kuweit und Bahrain, "Die Passion Christi" bisher verboten. Selbst im erzkonservativen Saudi-Arabien, in dem es keine Kinos gibt, verkaufen sich Raubkopien des Films auf Video nach Zeitungsberichten blendend.

Auch die al-Azhar Universität in Kairo, die höchste religiöse Institution des sunnitischen Islam, hat sich nicht gegen den Film ausgesprochen, obwohl sie sonst häufig gegen als blasphemisch betrachtete Bücher und Filme Einspruch erhebt. "Wir stimmen mit dem Film nicht überein, aber al-Azhar ist keine Zensurbehörde", sagte Ali al-Samman, Vizepräsident des Komitees für den Dialog mit monotheistischen Religionen, laut Reuters.

Auch bei Palästinensern erfreut sich Mel Gibsons "Passion" offenbar großer Beliebtheit. Der jüdische Widerstand gegen den Film habe in den Leuten den Wunsch geweckt, ihn zu sehen, sagte der palästinensische Geistliche Iyad Twal. Verschiedene jüdische Organisationen in den USA und Europa hatten versucht, den Film verbieten zu lassen, weil sie befürchteten, er könne antisemitische Einstellungen befördern.

Der kuweitische, schiitische Kleriker Ajatollah Mohammad Baqer al-Mohri forderte hingegen seine Regierung auf, das Verbot des Filmes aufzuheben, weil er die Rolle der Juden bei der Ermordung Jesu herausstelle.



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