Jim Caviezel: Gläubiger Legastheniker

Von Rüdiger Sturm

Jim Caviezel, Hauptdarsteller in "Frequency", gelang vor zwei Jahren der Durchbruch. Terrence Malick entdeckte den Posterboy, dem Auswendiglernen schwer fällt, für "Der schmale Grat".

Jim Caviezel
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Jim Caviezel

"Aller Schmerz ist persönlichkeitsbildend": Jim Caviezel singt das hohe Lied des Leidens. Doch der Ton dieser Worte ist frei von Pathos, leise und bedächtig. Der 31-jährige Hauptdarsteller aus "Der schmale Grat" und dem am Donnerstag anlaufenden Mystery-Thriller "Frequency" wirkt nicht wie der Inszenator des eigenen Egos. Die langsam Wort für Wort hintereinander setzende Gestalt mit ihrem schlichten Sakko und der schweren Brille gegen Weitsichtigkeit erinnert eher an einen jungen Geistlichen.

Sein posterboyhaftes Aussehen wird gebrochen durch eine vage Melancholie, als wäre er sich dieser Physis nicht sicher. Immer wieder erlebte Caviezel schmerzhaft die eigene Zerbrechlichkeit. In seiner Jugend erlitt er beim Sport mehrfach Kopfverletzungen, die ihn zum Legastheniker machten. Noch heute kostet ihn das Studium seiner Rollen äußerste Konzentration. Beim schwersten dieser Unfälle hatte er die für Todeserfahrungen charakteristische Tunnelvision. Im College verfolgte er eine Karriere als Basketballspieler, doch er trainierte so hart, dass er sich einen komplizierten Bruch am Fuß zuzog. Im Krankenhaus empfahl ihm dann sein Trainer, er solle es doch lieber mal mit der Schauspielerei versuchen.

Nach ein paar Model-Jobs und Theaterrollen im Raum Seattle dockte er 1991 in Hollywood an: Beim Vorsprechen für einen zehnsekündigen Auftritt als italienischer Fluglinienangestellter imitierte er perfekt einen Italo-Immigranten und erhielt den Part. Doch nach Monaten von Dosennahrung und Kellnerjobs war er kurz davor, das Handtuch zu werfen und sich einen regulären Job zu besorgen. Da erhielt er eine Rolle in "Diggstown", einer Art "Der Clou" im Boxermilieu.

Dummerweise wurde der Film ein spektakulärer Flop, und Caviezel hielt sich weiter mit Kleinrollen in "Wyatt Earp" oder "The Rock" über Wasser. Selbst sein Durchbruch mit Terrence Malicks "Der schmale Grat" schien fraglich. Zwar verlief das Vorsprechen für die Rolle des Gefreiten Witt offenbar nach Wunsch, doch der Regisseur riet ihm, sich nach anderen Rollen umzusehen. Caviezel dagegen sagte für verschiedene TV-Pilotfilme ab, um sich für seine große Chance freizuhalten. Dann geschah das "Wunder": Malicks telefonische Zusage. Aber noch immer war nicht klar, welches Gewicht die Figur des Witt in der endgültigen Schnittfassung erhalten würde.

Doch anders als etwa Adrien Brody, dessen vermeintlich tragende Rolle fast völlig eliminiert wurde, fand sich der No-Name-Schauspieler im Zentrum der Handlung wieder: ein Gott suchender Parsifal in der Pazifikschlacht. "Jeder der Darsteller in diesem Film hat charakterliche Ähnlichkeit mit seiner Figur", meint Caviezel. Wenigstens bei ihm passt dieser Vergleich. Der märtyrerhafte, idealistische Witt spiegelt sich im gläubigen Katholiken Caviezel, für den Schmerz eine Voraussetzung jeder Weiterentwicklung darstellt: "Ohne meine physischen Probleme wäre ich nicht der, der ich bin."

Auch seine Figur in "Frequency" ist leidender Erlöser und Erlöster zugleich: Der Cop John Sullivan bekommt quer durch die Zeit Funkkontakt zu seinem lang verstorbenen Vater, bewahrt ihn vor seinem tödlichen Unfall und rettet ihn für ein glückliches Leben in der Gegenwart. So heilt er zugleich die emotionalen Narben, die er durch dessen frühen Verlust erlitt. "Ich suche immer nach dem Element der Erlösung in einer Geschichte", so Caviezel ganz offen. Wenn er selbst mit jemand aus der Vergangenheit anfunken könnte, wäre es Jesus, "damit ich die Liebe lernen kann, die er die anderen erfahren ließ."

In seinem nächsten Film "Pay it Forward" spielt er eine verlorene Seele, einen obdachlosen Heroinsüchtigen, während seine Rolle in "Madison" eher dem Typ des aufopferungsvollen Retters entspricht: Hier versucht er einer rezessionsgeschüttelten Kleinstadt zu einem Sieg in einem legendären Wasserflugzeugrennen zu verhelfen. Nicht nur mit seinen Rollen, sogar mit der Schauspielerei verbindet er eine ethische Motivation: "James Stewart hat mir einmal gesagt: Mit diesem Job dienst du den Menschen."

Oder ist das Bild des gedankenschweren Heilssuchers doch nur inszeniert? Schon sein Basketballlehrer hatte erkannt: "Du verkörperst doch so gern andere Leute."

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