Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Vampirfilm "Only Lovers Left Alive": Allein in Detroit

Von

Jim Jarmusch hat sich an ein neues Genre gewagt: "Only Lovers Left Alive" erzählt mit lakonischem Witz von zwei Blutsaugern, die sich in der Gegenwart ziemlich langweilen. Menschen gebissen haben sie zuletzt vor ein paar Jahrhunderten. Wozu gibt es Blutkonserven?

Vampire sind einsame Zeitgenossen. Sie müssen das Tageslicht meiden und dürfen sich nicht allzu auffällig bewegen, damit niemand hinter ihr Geheimnis kommt: Menschen haben für Blutsauger in der Regel wenig Verständnis.

So leben auch Adam (stoisch: Tom Hiddleston) und Eve (mit messerscharfem Witz: Tilda Swinton), die Protagonisten von "Only Lovers Left Alive", zurückgezogen von den Menschen. Das seit einer halben Ewigkeit verheiratete Paar führt eine Fernbeziehung zwischen Detroit und Tanger, man kommuniziert über das Internet. Blut trinken sie als Konserve aus der Flasche oder - stilvoller - aus dem Likörglas.

Adam, der Schwermütigere der beiden, ist seines Untotendaseins mittlerweile überdrüssig. Früher hat er inkognito Musik für Komponisten wie Franz Schubert komponiert. Jetzt sitzt er im Heimstudio seines Hauses in Detroit und spielt "Trauermusik", langsamen, episch ausgedehnten Rock. Dann und wann gelangen ein paar seiner Stücke an die Öffentlichkeit - Ian, sein Vertrauensmann für Alltagsdinge, arbeitet in der Musikbranche und lässt schon mal die eine oder andere von Adams Aufnahmen als Schallplatte pressen.

Poetische Bilder mit ihren ganz eigenen Geschichten

Eve, die ausreichend Zeit hatte, ihren Mann kennenzulernen, spürt, dass bei Adam etwas im Argen liegt. Sie fliegt kurzerhand nach Detroit, um Schlimmeres zu verhindern. Kurz darauf kommt als ungebetener Gast Eves Schwester Ava (Mia Wasikowska), auf die das Ehepaar nicht sonderlich gut zu sprechen ist.

Fotostrecke

11  Bilder
Jarmusch-Vampirfilm: Musik gegen die Gegenwart
Jarmusch lässt sich beim Filmen stets viel Zeit mit dem Erzählen, überstürzte Action ist nicht seine Sache. Das Genre Vampirfilm liefert zudem lediglich die Rahmenhandlung, die Anlass für reichlich Situationskomik und trockenen Humor bietet. Daneben entstehen aus Jarmuschs behutsamer Herangehensweise poetische Bilder mit ihren ganz eigenen Geschichten: Als Eve bei Adam in Detroit angekommen ist, unternimmt das Paar nachts Autofahrten durch die menschenleere Stadt, wobei die Kamera fast zärtlich auf die überwucherte Schönheit der ehemaligen Metropole blickt. Man könnte meinen, Jim Jarmusch habe der bankrotten "Motor City" mit diesen tageslichtfreien Bildern ein Denkmal setzen wollen.

Zu sehen ist etwa das Michigan Theater, in den zwanziger Jahren als Kino mit über 4000 Sitzen gebaut. Heute wird es als Parkhaus genutzt, bloß das üppige Deckengewölbe erinnert an bessere Tage. Eine andere verfallende Attraktion ist die Fabrikhalle der seit 1958 geschlossenen Packard-Werke, wo einst "die schönsten Autos der Welt" gebaut wurden, wie Adam resigniert feststellt.

In gewisser Weise eine Rückbesinnung auf die Anfangszeiten

Überhaupt zeigt keiner der beiden starkes Interesse an der Gegenwart. Wenn Adam darüber klagt, wie respektlos die Menschen mit ihren Wissenschaftlern umgehen, dann hört die Geschichte der Wissenschaften für ihn bei Darwin auf. Eve liest klassische Weltliteratur in allen erdenklichen Sprachen. Einer ihrer Freunde heißt Christopher Marlowe (John Hurt) - im Film ist er der Verfasser von Shakespeares Werken. Am ehesten am Puls der Zeit ist noch Adams Musik - die übrigens von Jarmuschs eigener Band Sqürl beigesteuert wird.

"Only Lovers Left Alive" ist zu großen Teilen ein Film über die Leidenschaften des Musik-Nerds. Schon in der ersten Einstellung sieht man eine rotierende Single, die abwechselt mit kreisenden Bildern vom schlafenden Adam im Studio, so als drehe sich bei ihm alles um die Musik. Adam wird denn auch kurz nach dem Erwachen von Ian mit ein paar äußerst raren Gitarren versorgt, die er sogleich fachmännisch begutachtet. Und wenn Eve ihren Adam zum Tanzen bringen möchte, legt sie eine B-Seite von Rockabilly-Ikone Charlie Feathers aus den fünfziger Jahren auf.

In früheren Filmen hat Jarmusch viel mit Musikern als Schauspieler gearbeitet - von John Lurie und Tom Waits bis zu den Rappern RZA und GZA vom Wu-Tang Clan. Dass er diesmal den umgekehrten Weg geht und bei der Filmmusik selbst in die Saiten greift, ist in gewisser Weise eine Rückbesinnung auf seine Anfangszeiten. Denn zu Beginn der achtziger Jahre war Jarmusch Keyboarder und Sänger der New Yorker New-Wave-Band The Del-Byzanteens.

Dass Jarmusch auch an neuer Musik immer noch Interesse hat, lässt er ganz zum Schluss seines Films durchblicken: Nach einigen unvorhergesehenen Ereignissen müssen Adam und Eve von Detroit nach Tanger fliehen. Dort bemerkt Adam in einem Café die junge libanesische Sängerin Yasmine Hamdan, von der er sofort begeistert ist. Nur dumm, dass es in Tanger Probleme mit der Blutversorgung gibt. Doch auch hier weiß sich das Paar am Ende zu helfen - auf die gute altmodische Art.

Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops
Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ja, man kann das Thema immer wieder...
observerlbg 25.12.2013
...neu ausschmücken. Und Jim Jim Jarmusch natürlich ganz besonders. Muss ich mir ansehen. Nach "Begierde" endlich mal wieder was Interessantes in diesem Metier.
2.
GSYBE 26.12.2013
Zitat von observerlbg...neu ausschmücken. Und Jim Jim Jarmusch natürlich ganz besonders. Muss ich mir ansehen. Nach "Begierde" endlich mal wieder was Interessantes in diesem Metier.
Stimmt nicht ganz: dazwischen liegen noch (hier weniger bekannt und auch nicht in einer Deutsch-Synchro-Fassung erschienen) `THE ADDICTION´ von Abel Ferrara (mit Christopher Walken und Lily Tyler) und das absolute Meisterwrk `So finster die Nacht´ von Tomas Alfredson. Aber schon richtig, wenn Jarmusch draufsteht darf man etwas Besonderes erwarten.
3. optional
spon-facebook-10000186882 27.12.2013
Ein unsäglicher Film... hohle Dialoge, eine völlig sinnfreie Aneinanderreihung von Szenen ohne Gehalt... kein philosophischer Film und auch keine Satire... man könnte meinen, es handelt sich um eine gezielte Aktion von Herrn Jarmusch - das Publikum auf die Probe stellen, schauen, ob die Zuschauer sich dieses Machwerk, das so schön als "Independent"-Film mit intellektuellem und künstlerischen Anstrich verkauft wird, bis zum Ende ansehen oder ob sie vorzeitig das Kino verlassen.
4. Ein toller Film...
meinungsgeiger 27.12.2013
der von richtigen Menschen (jawohl) handelt und gemacht ist statt von billigen Computeranimationen. Nur schade und dumm, dass SPON die Schlusspointe verrät.
5. Nick Hornby und Harry Potter für Arme
Elbefreund 28.12.2013
Um alte Musikinstrumente in die Kamera zu halten und dazu schrammelige Neil Young-Akorde zu spielen, muss man nicht mit teuren Schauspielern an drei Drehorten arbeiten. Ein Film ohne Story, der sich nur an Klischees orientiert, die Aura des sterbenden Detroit ausbeutet und Plattitüden à la "Alle Menschen sind Zombies" ausbreitet. Die Figuren? Dass dafür knappe Filmförderungsmittel verschwendet wurden, ist deprimierend. Der Jarmusch soll sich seine wohlfeile Sinnkrise selbst finanzieren.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Only Lovers Left Alive

USA 2013

Regie: Jim Jarmusch

Buch: Jim Jarmusch

Darsteller: Tilda Swinton, Tom Hiddleston, John Hurt, Mia Wasikowska, Jeffrey Wright, Anton Yelchin, Slimane Dazi

Produktion: Wrongway, Recorded Picture Company, Pandora Film, Le Pacte, Faliro House Productions

Verleih: Pandora Film

Länge: 123 Minuten

Start: 25. Dezember 2013


SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: