Johanna Wokalek in "Hierankl": Ganz oder gar nicht

Die Schauspielerin Johanna Wokalek spielt in dem außergewöhnlichen Film „Hierankl“ eine Rolle, die kaum zu ertragen ist.

Johanna Wokalek
DDP

Johanna Wokalek

"Die drei wichtigsten Fragen", so beginnt der Film "Hierankl": "Hast du Sex, hast du Familie, bist du in Bewegung? Dreimal ja ist das Paradies, zweimal ja brauchst du für dein Glück und einmal ja zum Überleben." Die Schauspielerin Johanna Wokalek spielt die junge Frau, die sich diese Fragen stellt. Die sich diesen Fragen stellt, vielmehr. Denn Lene, so heißt sie im Film, wird zum ersten Mal seit vielen Jahren nach Hause fahren, zu ihrer Familie. Sie wird Sex haben. Und alles, ihr ganzes bisheriges Leben, wird in Bewegung kommen, wird einstürzen, und am Ende wird nichts mehr so bleiben, wie sie gehofft hatte, daß es war.

"Hierankl" ist ein eigenartiger Film, wobei die Betonung auf eigen liegt, nicht auf artig. Es ist der erste abendfüllende Film des jungen Regisseurs Hans Steinbichler, der auch das Drehbuch geschrieben hat. Ungewöhnlich ist schon der Schauplatz: Hierankl, das ist der Name des Gehöfts, auf dem die Eltern von Lene leben. Es liegt, abgeschieden vom Rest der Welt, inmitten der gewaltigen Schönheit des bayerischen Voralpenlands. Hier werden wir Zeuge eines Familiendramas. Mit großer Besetzung: Barbara Sukowa spielt die Mutter, kalt, unfähig zu wirklicher Bindung. Josef Bierbichler als Vater, der, zu schwach zu gehen, längst ein geheimes Parallel-Leben führt. Frank Giering als lethargischer Bruder von Lene, eben Johanna Wokalek, die ihrerseits nach Hause kommt, um Fragen zu stellen. Um der Mutter abzutrotzen, was diese ihr bisher schuldig geblieben ist: eine eigene Identität.

Trägheit oder Aggression

"Hierankl" erzählt auch davon, was es bedeutet, Kind von 68er-Eltern zu sein. Was es bedeutet, Eltern zu haben, die ihr eigenes Leben gelebt haben, so erfüllt es nur ging, ihren Kindern aber für deren Weg keinen Sinn mitgeben konnten, weil sie selbst so verzweifelt auf der Suche waren. "Wenn man so will, ein Film, der für jede Generation gelten kann", sagt Johanna Wokalek, 28, Tochter eines Freiburger Universitätsprofessors, seit drei Jahren festes Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater. "Es geht darum, wie Kinder, wenn sie dann erwachsen sind, damit fertig werden, wenn sie von ihren Eltern keine Antworten bekommen. Entweder sie geben auf und sind träge, wie mein Bruder, den Frank Giering spielt. Oder sie haben, wie Lene, eine Aggression entwickelt und fordern Antworten, immer noch. Sind auf der Suche nach einem Sinn, irgendeinem. Nach Identifikation."

Johanna Wokalek wirkt nicht, als wäre sie selbst noch auf der Suche. Sie scheint angekommen zu sein, bei sich, in der Schauspielerei. Während der Schulzeit entdeckte sie ihre Liebe zum Theaterspielen, wurde nach dem Abitur beim ersten Versuch gleich an der Schauspielschule aufgenommen, an einer der besten, am berühmten Max-Reinhardt-Seminar in Wien. Und seither spielt sie. Auf der Bühne wirkt sie oft, als würde sie etwas zurückhalten. Etwas nur mit Mühe unterdrücken, einen großen Gefühlsausbruch vielleicht. Sie ist keine, die auftritt, ta-da!, und dem Zuschauer alles offeriert - Johanna Wokalek muß man entdecken. Keine kann sich schöner in ihren eigenen Kleidern verstecken, keine eindringlicher versuchen, ihre Ärmel längerzuziehen, damit sie um Himmels willen bis mindestens über die Hände reichen. Etwas Flüchtiges umgibt diese dünne, langgliedrige Schauspielerin, die aussieht wie eine Mischung aus dem Topmodel Gisele Bündchen und der jungen Hildegard Knef. Ganz im Gegensatz dazu ihre Stimme, die sehr unätherisch und erdig klingt, gesund.

Von ihrer Arbeit spricht sie sehr ernst, sehr um Genauigkeit bemüht: "Das Faszinierende an dem Beruf ist zu versuchen, wirklich zu sein. Dieses ständige Ringen darum, dem nahezukommen. Ganz nah da dran zu sein an dem Punkt, an dem man sagt: Ja, das ist es jetzt. Sich diesem Ziel zu nähern, das ist auch eine Art Sucht."

Während der Ausbildung hatte sie bereits erste große Erfolge am Burgtheater. Danach war sie zweieinhalb Jahre am Theater in Bonn engagiert, wurde mit Hauptmanns "Rose Bernd" zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Für diese Rolle erhielt sie 1999 den Alfred-Kerr-Preis. Sie war Emilia Galotti in Andrea Breths gefeierter Inszenierung, die Nina in Luc Bondys "Möwe", und in der deutschsprachigen Uraufführung von Neil LaButes "Das Maß der Dinge" spielte sie bei den letztjährigen Salzburger Festspielen die Hauptrolle.

"Die Rollen, die ich bisher gespielt habe, zeichnen sich dadurch aus, daß sie noch an etwas glauben", sagt sie. "Sie glauben noch an diese Wörter. Die heißen Liebe. Die heißen Hoffnung. Die heißen Traum. Und diese Begriffe verteidigen sie auch." An der Rolle der Lene in "Hierankl" habe sie gereizt, daß sie da eine ungeheure Bandbreite spielen konnte. "Erst kommt Lene nichtsahnend an, dann ist da die schwierige, nicht sofort zu durchschauende Beziehung zu ihrer Mutter. Überhaupt, die unterschiedlichen Beziehungen zu den Familienmitgliedern. Dann gibt es eine schöne Liebesgeschichte." Einen Glücksfall nennt sie die Rolle, die für sie viel mit Sinnlichkeit zu tun hat, mit Leidenschaft.

Liebe oder Eifersucht

Leicht zu spielen war sie bestimmt nicht. Ohne zu viel von der Geschichte verraten zu wollen: Am selben Tag wie Lene taucht in Hierankl überraschend noch ein weiterer Gast auf. Es ist ein alter Freund der Familie, gespielt von Peter Simonischek, und Lene beginnt eine Affäre mit ihm. Vielleicht will sie ihre Mutter eifersüchtig machen, vielleicht verliebt sie sich wirklich in diesen Mann - der Film ist klug genug, das offenzulassen. Doch nun - Lene hat Sex, Lene hat Familie - kommt alles in Bewegung. Der Mann war ursprünglich ein enger Freund der Mutter - "das war lange vor deiner Zeit", wurde Lene immer gesagt. Als die Liebesgeschichte zwischen ihr und dem viel älteren Mann beginnt, nimmt das Unglück seinen Lauf, und aus dem wunderschön gefilmten (Kamerafrau Bella Halben), grandios besetzten "Hierankl" wird ein Film, der kaum noch zu ertragen ist. Weil er von Begebenheiten erzählt, die einem die Sprache verschlagen. Gefühlen, die größer sind als die Liebe zwischen Mann und Frau. Eine Tragödie spielt sich ab. Und mittendrin: Lene, alias Johanna Wokalek, der es in kürzester Zeit nicht weniger als ihr ganzes bisheriges Leben unter den Füßen wegzieht und unwiederbringlich in ein Reich der Lügen und der Phantasie verbannt.

Aus Skandinavien ist man solche Stoffe eher gewohnt: Familien, in denen es ein unheilvolles Geheimnis gibt, das irgendwann, am besten bei einem festlichen Anlaß, ans Licht kommt. Für einen deutschen Film ist "Hierankl" jedenfalls mehr als ungewöhnlich. Allein daß er finanziert wurde, grenzt an ein Wunder. Keine Komödie, kein glücklicher Ausgang - nur ein paar Menschen in einer unmenschlichen Situation. Nicht jeder wird diesen Film mögen, und das ist vielleicht auch gar nicht beabsichtigt. "Hierankl" ist auch ein schrecklicher Film. Und das kann auch anders gar nicht sein, weil das Gezeigte schrecklich ist.

Johanna Wokalek, die 1997 schon in Max Färberböcks "Aimée und Jaguar" zu sehen war, möchte in Zukunft verstärkt auch in Filmen spielen. Mit Rainer Kaufmann hat sie gerade einen Dreiteiler abgeschlossen, "Die Kirschenkönigin", der voraussichtlich kommenden Herbst ins Fernsehen kommt. Für ihre erste große Filmrolle in "Hierankl" hat sie den Förderpreis des Münchner Filmfests erhalten. Zu Recht. Ihr in gewissen Szenen zuzusehen ist das Unerträglichste an diesem Film, und das ist als Kompliment gemeint. Sie scheint alles wirklich zu durchleben, sie geht an die Grenzen, und den Zuschauer nimmt sie mit. "Es war schon eine Extremtortur, das zu spielen", sagt sie. "Und einige der Szenen sind sicher auch für den Zuschauer nicht leicht. Aber es wäre ja auch schlimm, wenn das für alle angenehm wäre. Dann hätten wir etwas falsch gemacht."

Ganz oder gar nicht, so erklärt sie ihre Auffassung von ihrem Beruf. Johanna Wokalek ist eine von den Schauspielern, die beim Applaus immer ein bißchen verwirrt gucken, so, als hätte gerade jemand das Licht angemacht und nun hapere es noch mit dem Orientieren. Ja, das hätte sie schon gehört, sagt sie, daß sie beim Verbeugen noch nicht so ganz da sei. Aber das ginge nicht anders. Sie sei eine, die ihre Rollen lebt: "Ich bin dann die Rolle." Als sie den fertigen Film zum ersten Mal gesehen hat, habe der sie traurig gemacht, erzählt sie. Weil er so radikal sei, so gnadenlos und letztlich eben gar nicht tröstlich. Die drei wichtigsten Fragen des Lebens sind für Johanna Wokalek denn auch andere als die im Film. Nicht Sex, Familie oder Bewegung, sondern: "Die wichtigsten Fragen, das sind: Liebst du? Hast du Vertrauen? Und: Hast du Hoffnung? In dieser Reihenfolge." Klingt beinahe, als spräche da eine dieser Rollen, die Johanna Wokalek so oft spielt. Aber die Grenzen sind ja fließend. Johanna Adorján

"Hierankl". Regie: Hans Steinbichler. Ab Donnerstag im Kino.

SPIEGEL ONLINE hat den Text mit freundlicher Genehmigung der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" übernommen. Die von der "FAS" gepflegte alte Rechtschreibung haben wir beibehalten.

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