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Rache-Thriller "John Wick": Du tötest meinen Hund? Dann töte ich dich

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Endlich. Keanu Reeves, seit Jahrzehnten ein Star in Wartestellung, überzeugt im Action-Thriller "John Wick". Er bringt Gefühl und Düsternis in die Story eines Rächers, der sich eigentlich schon zur Ruhe gesetzt hatte.

Der einsame Rächer ist einer der beliebtesten Antihelden des Kinos - einer, der die Welt um ihn herum in zerstörerische Bewegung versetzt und uns dennoch sympathisch zu sein hat: Es ist ja niemand anderes da, an dem wir uns orientieren könnten. Den Rächerfilmen fehlt der sogenannte moralische Kompass, und dieser Mangel, der uns den Killer als Identifikationsfigur aufzwingt, machte etwa "Ein Mann sieht rot" aus dem Jahr 1974 mit Charles Bronson so umstritten.

Diese Aufregung hat sich längst gelegt. Lynch-Kino ist im Mainstream angekommen. Jetzt auch mit Keanu Reeves - der Keanu Reeves, der um die Jahrtausendwende ein Mega-Star hätte werden können mit der "Matrix"-Trilogie, deren größenwahnsinniger Weltentwurf seine Hauptfigur aber stets überstrahlte. Mit "47 Ronin" und seinem Regiedebüt "Man of Tai Chi" kehrte Reeves im vergangenen Jahr zurück zum Action-Kino, an seine größten Erfolge anknüpfen konnten diese Filme allerdings nicht.

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"John Wick": Gelungene Rückkehr als Rächer
Nun also der Thriller "John Wick", eine One-Man-Show, zugeschnitten auf den mittlerweile 50-Jährigen mit den dunklen Augen, der hohen Stirn und dem knabenhaften Gesicht. Und Reeves trägt den Film: mit Schmerz und Entschlossenheit im Gesicht, das aber immer noch eine Spur Geheimnis bewahrt.

Der Mörder des Boogeymans

Was genau dieser John Wick in einem früheren Leben war, erschließt sich nur in den überstilisierten Reden der anderen: Der Über-Killer für die russische Mafia in New York war er, der Unbesiegbare - nicht der Boogeyman, sondern der, den man schickte, um den Boogeyman zu töten. So sinniert sein ehemaliger Boss Viggo (Michael Nyqvist) vor sich hin, während anderswo John Wick einen Vorschlaghammer hervorholt und den Weg in sein altes Leben freischlägt: Unter dem Beton seines Kellers liegt ein Koffer voller Waffen und Geld. Beides braucht er jetzt.

Dabei geht es nur um einen Hund; ein Abschiedsgeschenk von Wicks todkranker Frau. Als Viggos Sohn Iosef (Alfie Allen aus "Game of Thrones") das gemütlich-großbürgerliche Heim des ausgestiegenen Wick mit seinen Schergen heimsucht, weil ihm dessen Auto aufgefallen war, da erledigt er den Hund mit einer Handbewegung - und weckt damit Wicks altes Ich auf.

Sein Feldzug ist blutig, gesäumt von Toten, die Wick mit gezielten Kopfschüssen erledigt oder mit seinem geschmeidigen Körper - sauber inszenierte Action, dreckiger Inhalt. Aber so erschließen sich auch die Schwächen des Films, den die beiden ehemaligen Stunt-Leute und Regiedebütanten Chad Stahelski und David Leitch gemeinsam inszeniert haben. "John Wick" gibt Interesse an der Psychologie seiner Hauptfigur vor, liefert diese aber nur sehr oberflächlich. Der Film ist rotzig, aber nur manchmal. Die Regisseure spielen mit dem Exzess und der Übertreibung, aber nur vorsichtig.

Ins zuckende Neonlicht

Weitaus konsequenter sind sie in der Darstellung einer faszinierenden Parallelwelt, ein gelungener Flirt mit dem Fantastischen: Sie lassen einen grotesken kriminellen Mikrokosmos von New York City entstehen, gelegentlich mit ein paar Touristenbildern untergemischt. Im Flatiron Building etwa ist ein Luxushotel untergebracht, wo ein eigener Kodex herrscht und seltsame Goldmünzen als Zahlungsmittel benötigt werden. In dessen Eingeweiden, hinter den Türen, die sich nur den Eingeweihten öffnen, glitzern die Bars und Clubs und Spas der Profis, in denen erst die Neonröhren flackern und später die Leiber zucken.

Wick war im Wirklichen angekommen, in der Welt der Einbauküchen und Sofalandschaften, nun taucht er wieder ab in diesen tödlichen Schein. Und dann ist da noch Willem Dafoe in der Rolle eines ehemaligen Freundes und Kollegen, der nun seinerseits angesetzt wird auf den Racheengel und der eine Ahnung gibt von der verqueren Ehre und der paradoxen Loyalität, die im Geschäft geherrscht haben müssen, bevor die rotznäsigen Autofetischisten ihre verwöhnten Häupter erhoben haben.

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"John Wick"

USA 2014

Regie: David Leitch, Chad Stahelski

Buch: Derek Kolstad

Schauspieler: Keanu Reeves, Michael Nyqvist, Alfie Allen, Adrianne Palicki, Bridget Moynahan, Ian McShane, John Leguizamo, Willem Dafoe

Produktion: Thunder Road Pictures

Verleih: StudioCanal Deutschland

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 16 Jahren

Start: 29. Januar 2015

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insgesamt 32 Beiträge
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1.
Amerikanski1234 27.01.2015
Der Film unterscheidet sich in seiner Logik kaum vom Mel Gibson Klassiker "Payback". Hirnloses Rumgeballer zwecks Gewaltverherrlichung. Kann man sich anschauen, man könnte aber genauso gut in der Nase bohren. Unterhaltung und Sinn wären ebenbürtig. ^^
2. Rache ist offensichtlich wichtig -
joann 27.01.2015
ein sehr wesentlicher sozialer Faktor, ohne den unsere "Gesellschaft" in keiner Weise funktionieren kann - alle "Strafjustiz", das Schuld- und Strafprinzip als solches beruhen darauf. Machen wir uns also nichts vor, ohne Rache kommt Homo Non Sapiens eben in keiner Weise klar.
3. Englisch Original...
derpolokolop 27.01.2015
gesehen oder hat eine deutsche synkronsprecher der wirklich schauspielern kann seiner Stimme verliehen?
4. Gestern...
GSYBE 27.01.2015
...im Original gesehen und ich muss sagen, dass waren die kürzesten 100 Minuten meines Lebens. Klar, einen Oskar wird er nicht bekommen, aber hat mich fast noch mehr gepackt als der neue Tom Hardy Film (The Drop); und der war schon das Highlight des noch jungen Jahres.
5. Rache...
Mullersun 27.01.2015
... ist halt immer wieder ein guter Aufhänger für Hollywood. Haben wir doch schon ich zig Varianten gesehen, immer mit dem selben Ergebnis. Das interessanteste am Artikel fand ich den Anfang "Endlich. Keanu Reeves, seit Jahrzehnten ein Star in Wartestellung, überzeugt im Action-Thriller "John Wick". Dachte immer seit Matrix wäre er schon ein sogenannter Star (was auch immer das sein mag).
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