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Johnny Depp in "Dark Shadows": Ich bin ein Lover, ich bin ein Sünder

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Zurück in die Siebziger: In "Dark Shadows" lässt Tim Burton die Lieblings-TV-Serie seiner Kindheit als Kinofilm wiederauferstehen. Johnny Depp spielt einen Vampir, der unverhofft in die Hippie-Zeit versetzt wird - und sich gegen die Avancen einer Hexe wehren muss.

Sitzen ein paar Männer um die Fünfzig beim, äh, Bio-Milchshake zusammen. Sagt der eine plötzlich: "Erinnerst du dich eigentlich noch an diese schräge Nachmittags-Serie, die wir damals alle geguckt haben? 'Dark Shadows' hieß die, und die Hauptrolle spielte ein tragikomischer Vampir aus dem 18. Jahrhundert, der mit einem Fluch belegt war und in den Sechzigern klarkommen musste. War urkomisch." Sagt der andere: "Klar! Barnabas Collins hieß der Typ, war der absolute Held meiner Kindheit. Mensch, den würde ich gerne mal spielen!" Der andere wieder: "Echt!? Ich wollte schon immer einen Film daraus machen, weil ich die Serie so cool fand, obwohl sie es überhaupt nicht war. Lass uns das doch zusammen machen!" Sagen die anderen, die stumm und wissend lächelnd zugehört hatten: "Tim, Johnny: Hier ist das Geld. Haut rein!"

So ähnlich könnte man sich die ersten Minuten der Entstehung von "Dark Shadows" vorstellen. Tim, das ist der populäre Puppen- und Gruselmechaniker Tim Burton, Jahrgang 1958, dessen humorvolle Horrorkomödien ("Sleepy Hollow", "The Corpse Bride") Kino- und Popkulturgeschichte geschrieben haben. Johnny, das ist Johnny Depp, Jahrgang 1963, bekannt als Sex-Symbol der Neunziger, als Grimassen schneidender Camp-Pirat in "Fluch der Karibik", berühmt aber vor allem als schmollendes Vaudeville-Gesicht in diversen Tim-Burton-Filmen, darunter "Edward mit den Scherenhänden". "Dark Shadows", der am Donnerstag dieser Woche in den Kinos startet, ist die achte Zusammenarbeit der beiden Busenfreunde.

Und was für eine. Allein die in jeder Szene spürbare Leidenschaft, die der Schauspieler und sein Lieblingsregisseur in ihre Version der geliebten TV-Serie investierten, macht "Dark Shadows" zu einem Kinovergnügen - und zwar auch für all jene, die bisher keine Ahnung hatten, dass in den USA eine ganze Generation von Baby-Boomern jeden Nachmittag um vier vor dem Fernseher hing, um die neuzeitlichen Abenteuer eines steifen, blassen Vampirs namens Barnabas zu verfolgen.

"Dark Shadows" lief im US-Fernsehen zwischen 1967 und 1971 und kam auf beeindruckende 1225 Episoden. Die halbstündige Show profitierte vom Zeitgeist, der dank Hippie-Bewegung nach Übersinnlichem im Mainstream verlangte. Erstmals trat hier eine klassische Horrorfilmfigur als Hauptcharakter und einfühlsames, liebendes und leidendes Wesen auf - und bereitete so den Weg für die Pop-Helden heutiger Neo-Romantik wie "Buffy"-Liebhaber Angel, "Twilight"-Blutsauger Edward Cullen oder Redneck-Charmeur Bill Compton aus "True Blood".

Verletzte Würde und scheuer Sex-Appeal

Johnny Depp spielt diesen Barnabas Collins mit seiner unnachahmlichen Mischung aus verletzter Würde und scheuem Sex-Appeal. Einst lebte er glücklich als wohlhabender Spross einer Fischfabriken-Dynastie im amerikanischen Ostküsten-Kaff Collinsport auf dem schlossartigen Anwesen Collinswood. Doch eine Affäre mit dem schönen Hausmädchen Angélique Bouchard (Eva Green) geht böse aus. Enttäuscht über die nicht erwiderte Liebe treibt die übernatürlich begabte Magd Barnabas' Verlobte Josette in den Tod und verflucht den Geliebten zu ewiger Jugend und Existenz, indem sie ihn zum Vampir macht. Allerdings soll er sein langes Leben unter der Erde verbringen, denn sie selbst lässt ihn als Monster in Ketten legen und lebendig begraben.

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Kinovergnügen "Dark Shadows": Besuch vom bleichen Mann
Bis der Untote beim Bau eines neuen Highways 200 Jahre später wieder ausgebuddelt wird - und sich anschickt, das heruntergekommene Erbe seiner Familie wieder in Schwung zu bringen. Viel hinreißende Situationskomik entsteht in "Dark Shadows" durch den Zusammenprall des fangzahnbewehrten Gentlemans mit den lockeren Sitten der frühen Siebziger, denn Burton und Mit-Produzent Depp verlegten die Handlung ihres Nostalgie-Späßchens ins Jahr 1972.

Im Anwesen der Collins wird Barnabas mit kitschigen Troll-Puppen aus Plastik, Makramee-Reizwäsche, Rockmusik und Lava-Lampen überfordert, wobei vor allem letztere mit blutrotem Geblubber durchaus sein Interesse anregen. Das verbliebene Familienpersonal steht ihm indes in Schrulligkeit kaum nach: Michelle Pfeiffer spielt die verbiestert-verblühende Hausherrin Elizabeth, die Barnabas als erste auf die Schliche kommt. Ihre Tochter Carolyn (Chloe Grace Moretz, "Kick-Ass") ist eine dauerbekiffte Lolita mit eigenem Monster-Geheimnis, ihr Bruder Roger (Johnny Lee Miller) ein dandyhafter Nichtsnutz, dessen verstörter kleiner Sohn David (Gulliver McGrath) seit dem Tod seiner Mutter Gespenster sieht. Tim Burtons Ehefrau Helena Bonham Carter ist, wie eigentlich fast immer, auch mit von der schrägen Partie: Sie gibt Davids alkoholkranke Psychiaterin Dr. Julia Hoffman mit knallroter Perücke, weit aufgerissenen Barbara-Stanwyck-Augen und ordentlich Pfunden auf dem Leib.

Auch der "Dark Knight" kriegt noch einen mit

Und auch die Hexe Angélique hat sich ins 20. Jahrhundert gerettet. Blond, vollbusig und lasziv hat sie die ökonomische Herrschaft des Fischerorts an sich gerissen. Als sie herausfindet, dass Barnabas befreit wurde, kommt es zum turbulenten Showdown zwischen der Sex-Bombe und dem gepflegten Sauger.

Vampire treffen auf Retro-Seeligkeit: Mit "Dark Shadows" fängt Tim Burton gleich zwei der aktuell dominanten Zeitgeist-Strömungen ein - und verstrudelt sie zu einer bunten, detailverliebten Screwball-Komödie, die in der deutschen Synchronisation leider einiges an Sprachwitz und Zitatreichtum einbüßt. Dennoch ist es ein Genuss, dabei zuzusehen, wie der zur bleichen Leiche geschminkte Johnny Depp nicht nur seine eigenen Paraderollen vergangener Filme, sondern Vampire verschiedenster Epochen hommagiert und in einer Szene mit Hut und Sonnenbrille sogar kurz Michael Jackson in dessen lichtscheuer Phase evoziert.

Auch Comic-Legende "Batman", von Burton einst aus der Obskurität ins Massen-Kino transportiert und inzwischen dank Christopher Nolan ein Milliarden-Franchise, muss noch einmal kurz mit einem Seitenhieb bedacht werden, als Barnabas ein paar Verse des Steve-Miller-Hits "The Joker" rezitiert - "I'm a grinner, I'm a lover and I'm a sinner" - und dabei so sardonisch grinst wie der ebenso weißgeschminkte Gegenspieler des "Dark Knight".

Sechs Jahrzehnte Popkultur und Horrorfilm-Historie wirbeln in "Dark Shadows" so munter durcheinander, dass man sich dagegen kaum wehren kann. Als Film mag diese Blutsauger-Burleske nicht zu den besten Werken von Tim Burton und Johnny Depp zählen. Als Liebhaberei und ausgelassenes Erinnerungs-Spiel zweier nie erwachsen gewordener Männer aber entfaltet es einen äußerst entwaffnenden Charme.

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insgesamt 29 Beiträge
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1. Vampir Vampir
gemüsepeter 08.05.2012
Vampir, Vampir... Ich kann den Sch*** echt nicht mehr sehen und hören. Was hat Hollywood nur an dem ewigen Vampirmüll gefressen? Wäre dieser Schmarren nicht erfunden worden gäbe es gefühlt nur halb so viele Filme und Serien aus Hollywood. Bin gespannt wann der erste Til Schwieger Vampirfilm kommt. Dauert bestimmt nicht mehr lange.
2. Nicht gelungen
filmforist 08.05.2012
Langweiliger Quatsch auf schlechtem Serienniveau - enttäuschend.
3. Ich freu mich schon
Ischi 08.05.2012
auf die Version mit dem Originalton. Synchronisation ist Kastration an der Kunst!
4.
Ischi 08.05.2012
Zitat von gemüsepeterVampir, Vampir... Ich kann den Sch*** echt nicht mehr sehen und hören. Was hat Hollywood nur an dem ewigen Vampirmüll gefressen? Wäre dieser Schmarren nicht erfunden worden gäbe es gefühlt nur halb so viele Filme und Serien aus Hollywood. Bin gespannt wann der erste Til Schwieger Vampirfilm kommt. Dauert bestimmt nicht mehr lange.
Til ist glaub ich ein wunderbarer Vampir! Hollywood zumindest, hat Ihn schon als "Bösewicht" entdeckt. Das Problem hier in Deutschland mit dem Film ist doch das man es nicht draufhat und die wahren Talente gehen dann halt in die USA. Sehenswerte Deutsche Filme kann man sich an 1-2 Händen abzählen. Wobei Deutschland so viel schöne Kulissen zu bieten hat. Echt seltsam das unasere Filme noch auf dem Niveau der Stummfilmzeit rangieren :)
5. Wahre Talente?
Tom Joad 08.05.2012
Zitat von IschiTil ist glaub ich ein wunderbarer Vampir! Hollywood zumindest, hat Ihn schon als "Bösewicht" entdeckt. Das Problem hier in Deutschland mit dem Film ist doch das man es nicht draufhat und die wahren Talente gehen dann halt in die USA. Sehenswerte Deutsche Filme kann man sich an 1-2 Händen abzählen. Wobei Deutschland so viel schöne Kulissen zu bieten hat. Echt seltsam das unasere Filme noch auf dem Niveau der Stummfilmzeit rangieren :)
Damit meinen Sie aber nicht den Til Nuschler ... Verzeihung: Schweiger?
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Dark Shadows

USA 2012

Regie: Tim Burton

Buch: Seth Grahame-Smith

Darsteller: Johnny Depp, Eva Green, Chloe Grace Moretz, Michelle Pfeiffer, Helena Bonham Carter, Johnny Lee Miller, Christopher Lee, Alice Cooper

Produktion: Warner Bros Productions, Dan Curtis Productions, GK Films

Verleih: Warner Bros.

Länge: 113 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Start: 10. Mai 2012


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