Zum Tod von Jon Polito So komisch, so gefährlich

Wenn er durchdrehte, gingen die anderen in Deckung: Jon Polito, bekannt aus den Filmen der Coen-Brüder, ist im Alter von 65 Jahren gestorben. Der Charakterkopf war einer der bekanntesten Mafiosi des Kinos.

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Eine Glatze, die glänzte, als sei sie mit Olivenöl eingerieben. Ein Schnauzbart dünn wie ein Zigarillo. Und Stimmbänder wie eine Käsereibe. Jon Polito verkörperte im amerikanischen Gangsterkino und im Fernsehkrimi der Neunziger- und Nullerjahre immer wieder den italienischstämmigen Mobster oder Cop.

Es waren die Coen-Brüder, die dem Charakterkopf die ganz große Bühne boten, damit er sein Potenzial voll ausspielen konnte: In ihrem gefeierten Gangsterepos "Miller's Crossing" aus dem Jahr 1990 gaben sie ihm die Rolle des Mafiabosses Johnny Caspar, einem widersprüchlichen Typen, der mit sachlicher Zurückhaltung das Handwerk des Verbrechens erklärt, um kurz darauf zu explodieren.

Das Explodieren lag dem italo-amerikanischen Schauspieler, der gerne mit dem eigenen Image spielte und sich nie zu schade für einen Scherz auf eigene Kosten war, offensichtlich im Blut. Gerne erzählte er die Geschichte, wie er sich mit Barry Levinson und Tom Fontana verkrachte, in deren Ermittler-Serie "Homicide: Life on the Street" er Anfang der Neunzigerjahre mitspielte. In ihrer Funktion als Regisseure, Autoren und Produzenten beschlossen die beiden, dass Politos Figur Suizid begeht. Der Schauspieler begehrte öffentlich dagegen auf, in Interviews erklärte er, dass sein Charakter niemals den Freitod wählen würde. Vergeblich, er wurde blutig aus der Story entfernt.

Privatdetektiv in "The Big Lebowski"

Bei den Coens, die gerne mit Stammschauspielern zusammenarbeiten, fand Polito allerdings immer wieder Unterschlupf. Unvergessen seine, wenn auch kleineren, Auftritte in "Barton Fink" (1991), "The Hudsucker Proxy" (1994) oder als schmieriger Privatdetektiv in "The Big Lebowski" (1998).

Nach eigener Aussage hatte Jon Polito am Anfang seiner Karriere erhebliche technische Probleme auf dem Filmset. Nach frühen Erfolgen in Broadway- und Off-Broadway-Produktionen, etwa an der Seite von Sigourney Weaver in "Gemini" oder neben Dustin Hofman in "Tod eines Handlungsreisenden", fremdelte er bei ersten Arbeiten als Filmschauspieler mit der Kamera. In einem Interview erklärte er einmal: "Ich war niemals gut im Film, weil ich niemals wusste, wo die Kamera ist."

Erst in der Cop-Serie "Crime Story" Ende der Achtzigerjahre lernte er dank Krimi-Stilist Michael Mann langsam, nicht mehr unsicher frontal in die Kamera zu spielen, sondern seine widersprüchliche Aura aus Gefährlichkeit und bösem Humor subtiler zu entfalten. Bald entwickelte Polito eine Technik, wie er sich selbst parodieren konnte, ohne sich dabei komplett zur Witzfigur zu degradieren. Pass auf, über wen Du lachst, er könnte Dir die Finger brechen. In dem Spannungsfeld zwischen Bedrohlichkeit und Selbstdemontage reicht dem Schauspieler allenfalls der ebenfalls italienischstämmige Scorsese-Stammdarsteller Joe Pesci ("GoodFellas") das Wasser.

Politos Selbstironie erschien unerschöpflich. So beglückte er auch immer wieder das amerikanische Sitcom-Publikum mit Kurz- und Episodenauftritten. Etwa in "Seinfeld", "Two and a Half Men", "Mike & Molly" sowie, gerade erst vor Kurzem wieder, in "Modern Family".

Sein Witz dürfte vor allem durch die Arbeit mit den Coens geschärft worden sein, die in ihren Genre-Hommagen immer eine zweite, hintergründig komische Ebene einzogen; so auch in "The Man Who Wasn't There" von 2001, einer traumwandlerisch sicheren Film-Noir-Meditation, die um einen Friseur herumgebaut war - und in der Polito sich sogar sein Markenzeichen, die Glatze, von einer Perücke verunstalten lässt.

Wie US-Medien verkündeten, starb Jon Polito, einer der charismatischsten, komischsten und gefährlichsten Typen Hollywoods, bereits am Donnerstag im Alter von 65 Jahren an den Folgen einer Hautkrebserkrankung.



insgesamt 3 Beiträge
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ge1234 03.09.2016
1. Nun...
... und was war jetzt das gefährliche an ihm?
manicmecanic 03.09.2016
2. guter Typ
An der Bilderserie kommt seine Gesinnung besonders beim Bild mit dem Busengrapscher rüber.
Otto Müller 04.09.2016
3. Künstlerischer Nachruf
@ge1234 Das war ein Nachruf von SpON über die darstellerischen Leistungen in diversen Genre-Filmen des Schauspielers. Meinen Sie Ihre Frage wirklich ernst?
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