Ausnahmeregisseur Jonas Carpignano Die Kamera als Brennglas

Martin Scorsese ist schon Fan: In seinen halbdokumentarischen Filmen, für die er seine Protagonisten jahrelang begleitet, rückt Jonas Carpignano den Rand der Gesellschaft in den Mittelpunkt. Eine Begegnung.

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"Höchstens 15 Minuten", lässt die PR-Dame vor dem Gespräch mit Jonas Carpignano wissen, "Jonas ist total beschäftigt". Der 34-Jährige sitzt in der Jury für den "Besten Erstlingsfilm" der diesjährigen Berlinale, dabei hat er selbst gerade erst seinen zweiten Langfilm abgedreht: "Pio" heißt er und startet diese Woche in Deutschland.

Carpignano erzählt darin die Geschichte vom Erwachsenwerden eines Roma-Jungen in einem süditalienischen Dorf. Es ist ein Quasi-Sequel zu seinem Debütfilm "Mediterranea" (2015), über den Martin Scorsese sagte, so einen grandiosen Film habe er "seit Jahren nicht mehr gesehen". Nun ist der Grandseigneur des amerikanischen Kinos für "Pio" als Produzent mit von der Partie. Der Film ist dadurch keineswegs kommerzieller geworden, sondern berichtet mit widerspenstiger Authentizität vom vorzeitigen Ende einer Kindheit inmitten der harschen Realität gesellschaftlicher Marginalisierung.

Mit Hemd, Dreadlocks und breitem Lächeln sitzt der gebürtige US-Amerikaner Carpignano nun da. Er ist ein Aktivist, Ethnograf und Regisseur zugleich, ein irgendwie Unzeitgemäßer inmitten des Festival-Chics. In seiner Kindheit hat Carpignano immer wieder Italien, das Heimatland seines Vaters, besucht. Seit 2011 lebt er nun dauerhaft in Gioia Tauro, einer kleinen kalabrischen Hafenstadt, in der er auch seine Filme dreht.

Jedes Risiko wird eingegangen

Gioia Tauro ist ein Umschlagplatz für Migranten aus Afrika auf dem Weg nach Norden, gleichzeitig leben in der Stadt viele Roma. Carpignano macht seine Filme über diese Menschen - und mit ihnen, er arbeitet ohne professionelle Schauspieler und großes Filmteam. Auf Pio Amato traf Carpignano während der Dreharbeiten zu "Mediterranea", in dem er eine Nebenrolle übernahm. Nun ist der 14-jährige Junge der Hauptdarsteller seines eigenen Films.

Pio lebt in A Ciambra, einer verwahrlosten Nachbarschaft am Rande von Gioia Tauro. Dort schlägt sich Pio durch und versucht, mit kleinen Diebstählen und Tricks etwas Geld für seine 15-köpfige Familie einzubringen. Meistens hängt Pio mit den Großen rum und eifert seinem großen Bruder Cosimo nach. Er will wie dieser werden - ein gefährlicher, aber geliebter Draufgänger. Als Cosimo verhaftet wird, findet sich Pio auf einmal in der Rolle des familiären Ernährers wieder. Gleichzeitig pubertiert er und will sich selbst und seine Umwelt nicht nur entdecken, sondern körperlich erfahren.

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Jonas Carpignano: Wenn Filmen und Leben eins wird

Dafür geht Pio so ziemlich jedes Risiko ein, der spontane Einbruch bei einem wohlhabenden Bekannten bringt ihn sogar in echte Schwierigkeiten. In diesem Setting aus Delinquenz, Lebensfreude und Unsicherheit fängt Carpignano das Leben seines Protagonisten ein wie einen Schnappschuss im Moment des Übergangs zwischen Kindheit und Jugend.

Nur mit den eigenen Augen

"Ich schreibe nur Szenen, die ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe", sagt Carpignano. Monatelang fuhr der Regisseur jeden Tag zu den Amatos und aß mit ihnen zu Abend, erlebte ihre Gespräche, folgte Pio auf seinen Fahrradtouren quer durch Gioia Tauro. Seine akribischen Notizen verdichtete Carpignano dann zu einem Script, das er en passant verfilmte, immer eingebettet in den Alltag und das Gedächtnis der Figuren: "Sie sollen sich daran erinnern, wie sie sich beim Durchleben genau dieser Situation gefühlt haben."

Mit dieser Form des Filmemachens nimmt Carpignano fast die Rolle eines Forschers ein, er nähert sich einem Milieu, baut Vertrauen auf und taucht schließlich mit der Kamera ein. Die Figuren wissen dabei, dass sie gefilmt werden, und haben die Möglichkeit, jene Version ihrer selbst zu sein, die sie gerne verkörpern möchten. "Sie nehmen sich trotzdem nicht als Schauspieler im klassischen Sinne wahr", sagt Carpignano. "Sie sagen immer nur 'unser Film'. Wir haben den Film schließlich bei ihnen zu Hause gedreht, in ihrer persönlichen Komfortzone."

Diese besondere Mischung aus Intimität und Alterität, also man selbst und zugleich jemand anderes zu sein, erzeugt eine theatrale Spannung, die gleichzeitig den unbedingten Realitätsbezug von "Pio" untermauert. "Ich habe großen Respekt vor allen Regisseuren, die ihre Figuren auf real existierenden Menschen aufgebaut haben", sagt er und nennt den italienischen Neorealismus als wichtigen Einfluss, Regisseure wie Visconti, de Sica und Rossellini. Tatsächlich lässt sich "Pio" als ein Film verstehen, in dem Carpignano die drängenden Probleme Europas durch ein neorealistisches Brennglas betrachtet.

Frei von den Zwängen der Großfamilie

Hinter "Pio" steht also ein explizit politischer Anspruch, den Carpignano auch schon mit seinem Debütfilm "Mediterranea" verfolgt hat. Darin hat Carpignano die Geschichte des in Gioia Tauro gestrandeten Flüchtlings Ayiva erzählt, der dort Pio als kleinkriminellen Geschäftspartner kennenlernte. Statt der Fluchtgeschichte stehen diesmal die sozialen Wechselwirkungen des Mikrokosmos Gioia Tauro im Mittelpunkt: "Für 'Pio' hat mich am meisten die Beziehung zwischen marginalisierten Gruppen interessiert", sagt Carpignano. Denn wenn Pio von seiner Familie mal wieder die Schnauze voll hat, geht er zu den Afrikanern um die Ecke und besagtem Ayiva (Koudus Seidhon), mit dem er sich mittlerweile angefreundet hat. In der schwarzen Community kann Pio abschalten, frei sein von den Zwängen der Großfamilie.

Diese Momente von Gemeinschaft machen "Pio" einmalig, wie auch in einer Szene, in der die 15-köpfige Amato-Familie zu Abend isst, sich herrlich betrinkt und ein wahres Feuerwerk von Witz und Mitgefühl in einem minutenlangen One-Take abliefert. Doch zur Wirklichkeit vorzudringen, ist harte Arbeit: "Ich kann gar nicht sagen, wie oft ich mit der Familie zu Abend gegessen habe. An die tausend Mal."

Besonders an "Pio" ist auch, dass die Mehrheitsgesellschaft so gut wie gar nicht vorkommt, sie wird entweder ausgeblendet oder existiert nur in Form der Staatsmacht. Dadurch entsteht das Bewusstsein einer Insel, eines Gestrandetseins, das migrantische Erfahrungen von Rastlosigkeit und Fragilität spürbar macht.

Etwas anderes als Armut und Flüchtlinge

Pio ist ein Streuner, ständig in Bewegung, in jedem Moment wird er ein anderer. Um diese Dynamiken einzufangen, hat Carpignano auch sein Team auf das Allernötigste reduziert: "Wir arbeiten nie mit mehr als sieben Leuten am Set, oft sind auch nur drei: Kameramann, Tonmann und ich. Wir haben morgens unser Set aufgebaut, Pio schläft sowieso meistens bis 1 Uhr mittags."

Die Bewohner der kleinen Stadt, bisher ein weißer Fleck auf der Kinolandkarte, nehmen Carpignanos Schaffen übrigens überwiegend positiv auf. "Viele Leute freuen sich, dass Gioia Tauro nun für etwas anderes steht als nur Armut und Flüchtlinge", sagt Carpignano. Mit "Pio" und "Mediterranea" setzt er den Gegenorten der Flüchtlingskrise jedenfalls ein Denkmal, jenen Orten, an denen Menschen unterschiedlicher Herkunft gemeinsam leben, weil sie alle marginalisiert werden.

Für die Zukunft seines Schaffens sieht Carpignano klar: "Meinen nächsten Film werde ich auch in Gioia Tauro drehen. Es wird um ein Mädchen gehen und die Frage, warum viele hier nicht weggehen, obwohl es anderswo viel mehr Chancen gibt." Carpignano bleibt seiner Wahlheimat und seinem Stil also treu und etabliert sich als unermüdlicher Chronist gesellschaftlicher Realitäten, die man sonst kaum auf der Kinoleinwand zu sehen bekommt.


"Pio" läuft im Verleih der DCM ab 5. April in den deutschen Kinos

Im Video: Der Trailer zu "Pio"

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Knossos 06.04.2018
1. Wohl eingeschränkte Konstruktivität
Gestern erst hörte ich jemand schildern, wie er sich in früherer Jugend quasi in einem Film wähnte und sich selbst Regieanweisungen gab. Derlei kenne ich auch persönlich, und auch das stille Edle, wenn einstmals wieder heldenhaft gen Sonnenuntergang reitend. So wie später den beinahe völligen und bedauerlichen Schwund dieses Kopfkinos, als wohl Anzeichen des Erwachsenwerdens und desillusionierend einnehmender Umwelt und umgebender Nöte. Und es erscheint mir fraglich, ob man solch Phänomen der 'Selbstinszenierung' auch abseits gemeinhin negativ belegter Auslegung des Begriffs, als "Realität" bezeichnen kann. Schon weil der Hauptdarsteller wie berichtet "kleine Diebstähle" begeht und "Tricks" anwendet, und dies offenbar ohne Gewissensbisse; sonst fiele der Plural zu den einschlägigen Ereignissen weg. "Kleine Diebstähle" aus Erwägung heraus, oder mangels Gelegenheit zu Größeren? Dabei bleibt diese Frage zweitrangig, vor der Tatsache, daß das Bestehlen und Übervorteilen von Privatpersonen so oder so Skrupellosigkeit gegenüber des Verbleibs der Opfer beinhaltet. Mit vermehrtem Einsetzen unredlicher Protagonisten in Literatur und Film ab den späten siebziger Jahren, schritt der Verfall der Sitten voran und ich vermag an dem Umstand weder künstlerisch noch ethisch Wertvolles auszumachen. Im Gegenteil. Neben der Bewußtmachung von Pech am gesellschaftlichen Rand, die gesellschaftlicher Empfänglichkeit für Demut und Schicksal unbestritten dienlich bleibt, gibt es das nicht minder bedeutsame Stiefkind Ethik, welches zu gerupft ist, um weiter vernachlässigt zu werden. Solange Pio tut, was er zum Lebenserhalt anrichtet, ohne nachhaltig mit sich zu hadern, scheint mir der kulturelle Beitrag der Produktion fragwürdig, auch wenn ich den Regisseur für die nötige Bodenständigkeit, Anteilnahme, Demokratie und nicht vorhandenen Berührungsängste bewundere.
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