Filmemacher Jonas Mekas "Die Kugeln treffen immer die Avantgarde"

Er arbeitete mit Andy Warhol und Yoko Ono - jetzt wurde dem Leben des bahnbrechenden Regisseurs und Autors Jonas Mekas ein Film gewidmet. Eine Begegnung in Locarno.

imago/ Zuma Press

Zur Person
  • ddp images/ Peter Sempel
    Jonas Mekas, geboren 1922 im litauischen Semeniskiai, ist einer der einflussreichsten Filmemacher und -kritiker des 20. Jahrhunderts. In seiner über 60 Jahre langen Karriere hat der Wahl-New-Yorker unter anderem mit Andy Warhol, Nico, Salvador Dalí und Yoko Ono zusammengearbeitet. Sein autobiographischer Roman "I Had Nowhere to Go", der in einem deutschen Arbeitslager beginnt, wurde jetzt von dem schottischen Videokünstler Douglas Gordon ("Zidane - Ein Porträt im 21. Jahrhundert") adaptiert. In dem gleichnamigen Kinofilm wird das Buch zur Grundlage einer filmischen Reise, die sich ganz der Stimme von Hauptdarsteller und Erzähler Mekas verschreibt - mit minutenlangen Passagen, in denen der Kinosaal schwarz bleibt und der Sound alles trägt. Wir trafen Mekas in Locarno, wo der Film kürzlich seine Uraufführung auf dem Filmfestival hatte.

SPIEGEL ONLINE: Herr Mekas, ein eindrucksvoller Film.

Mekas: Freut mich, dass Sie das sagen. Manche haben sich über die Schwarzbilder beschwert. Dabei ist das doch Realität. Die Stimme ist real, es ist meine, ich erlebe den Text wieder, den ich als sehr junger Mann geschrieben habe. Und wenn es dann schwarz ist, dann hat es damit zu tun, dass das Leben damals sehr, sehr schwarz war. Farben haben einen großen Einfluss darauf, wie man fühlt und reagiert. Das Schwarz ist ein Baustein, aus dem der Film gebaut ist. Daneben gibt es persönliche Bilder und Töne, vor allem das Bomben der Alliierten, was auch sehr, sehr real war. Douglas Gordon hat erzählt, dass die lange Szene, in der nur Bomben zu hören sind, sieben Minuten dauert. Das entspricht dem, was ich erlebt habe, wenn die Briten deutsche Städte bombardierten. Es waren sehr kurze, konzentrierte Attacken. Danach flogen sie nach London zurück.

SPIEGEL ONLINE: Als ich von dieser Adaption gelesen habe... …

Mekas: Ich würde es keine Adaption nennen. Ich habe das Gefühl, es ist seine Reaktion auf das Buch. Douglas hat es gelesen und erinnert es nun. Ein Stück von hier, ein Teil von da. Nicht chronologisch, sondern so, wie es ins Gedächtnis springt. 1946, 1952, 1944. Es ist ein Mosaik seiner Erinnerungen. Aber natürlich reflektiert es, was es bedeutet hat, seiner Heimat entrissen zu sein. Ich war fast fünf Jahre lang in einem Lager für displaced persons, bevor ich in die USA ausreisen durfte.

Auch wenn Mekas heute zunächst mit dem Kino der Sechziger- und Siebzigerjahre in Verbindung gebracht wird, ist er stets ein zeitgenössischer Künstler geblieben. Er war einer der ersten Filmemacher, die auch mit Video gearbeitet haben. Auch mit 93 Jahren arbeitet er unablässig weiter, was man nicht zuletzt seiner mit Material vollgestopften Website Jonasmekasfilms.com ansieht. Dort findet sich auch eine Rubrik "Witze und Anekdoten" mit Videos von Leuten, die sich in geselligen Situationen gegenseitig zum Lachen bringen.

SPIEGEL ONLINE: Auch wenn die Vergangenheit für Ihr Werk sehr wichtig ist, geht es stets um Unmittelbarkeit und Gegenwart. Wie bei den Witzen auf Ihrer Website entspringt aus der Situation etwas, was über das Erzählte hinausgeht.

Mekas: Die Videos werden selbst zu einer kleinen Geschichte oder Anekdote. Manche sehen so aus, als könnten sie sogar Fiktion sein. Das ist ein Teil dessen, warum ich mich für diese Augenblicke interessiere. In diesen Momenten, wenn jemand einen Witz erzählt, steckt etwas Essenzielles über die Gegenwart und die Menschen von heute. Die Herausforderung ist, das einzufangen, ohne den Moment zu zerstören. Es ist da und echt.

Fotostrecke

2  Bilder
Jonas Mekas: 60 Jahre Avantgarde

SPIEGEL ONLINE: Ist das der Grund, warum Sie den Begriff Avantgarde dem des Experimentalfilms vorziehen?

Mekas: Nein! Nein! Nein! Keinen dieser Begriffe! Der schädlichste, dümmste Name ist experimentell. Jeder Filmemacher, den ich kenne, geht los und macht Filme. Ob Douglas Gordon oder Stan Brakhage oder Kenneth Anger oder Peter Kubelka, sie machen einfach, was sie machen wollen, wie in jeder Kunstsparte. Arbeiten experimentell zu nennen, nur weil sie nicht in die akzeptierten Kategorien von Inhalt, Form oder Technik fallen, das heißt sie herabzustufen. Das wäre, wie wenn wir Rilke einen experimentellen Autor nennen würden. Nein, er ist ein Dichter, mit einer anderen Form, einer anderen Intensität, einer anderen Sprache. Lyrik ist keine Prosa. Das gleiche gilt fürs Kino. Experimentell sollte als Begriff eliminiert werden.

SPIEGEL ONLINE: Und Avantgarde?

Mekas: Avantgarde meint eine Frontlinie. In der Kunst, der Wissenschaft, im Leben steht immer jemand am Anfang und probiert etwas Neues an Material, Bildern, Tönen aus. Das Leben und die Menschen verändern sich ständig, und wir versuchen es irgendwie einzufangen, es zu adaptieren, in der Kunst und darin, wie wir uns kleiden, wie wir essen.… Da gibt es immer eine Frontlinie. Wie in der Armee treffen die Kugeln der Kritik auch immer die, die vorne stehen. Die Avantgarde stößt nach Vorne und wird dafür angeschossen.

Mekas' Einfluss geht weit über sein eigenes Werk hinaus. 1954 gründete er die einflussreiche Filmzeitschrift "Film Cultures", zudem war er lange Jahre als Filmkritiker für die New Yorker Zeitschrift "Village Voice" aktiv. Mit der Film-Makers Cooperative schuf er 1962 außerdem einen wichtigen Zusammenschluss unabhängiger Filmemacher.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt Kritiker, die auf das Neue schießen, aber es gibt auch welche...

Mekas: …...die es schätzen, die sich freuen, es feiern und andere darauf aufmerksam machen. Das ist für mich die Funktion der Kritik, nicht zu zerstören oder anzugreifen. Für das, was man nicht versteht, nicht mag, gibt es andere, die es verstehen, lieben und daraus etwas gewinnen. Das ist die Komplexität der menschlichen Erfahrung. Ich habe zwanzig Jahre lang für die "Village Voice" Filmkritiken geschrieben. Ich habe nur über Filme geschrieben, von denen ich wirklich wollte, dass sie andere sehen. Immer mit dem Ziel, meine Begeisterung zu beschreiben und anderen Lust zu machen, den Film auch zu entdecken.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Kritiker...

Mekas: Das Wort Kritiker sollte eliminiert werden.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihnen ein anderes Wort lieber?

Mekas: "Reviewer" ist schon korrekter, man drückt die eigenen Reaktionen aus, zu dem, was man gesehen hat. Kritik legt kritisieren nahe, als müsste man attackieren.

SPIEGEL ONLINE: Das ist die heutige Alltagssprache.

Mekas: So ist es. In den Sechziger- und Siebzigerjahren, als wir unsere Arbeiten in New York machten, schrieben die ganzen Zeitungen und Zeitschriften, wie schlecht dieses neue Filmemachen sei, es war immer alles negativ. Damals wurde die Kategorie des neuen Kinos, das nicht klassisch narrativ war, als Ganzes abgetan. Das sei kein Kino. Das sollte nicht gesehen werden, nicht vertrieben werden, es sei unwichtig, unnötig, einfach nur schlechtes Filmemachen.

Mekas war Mitbegründer der seit 1970 bestehenden Anthology Film Archives in New York, einer Kinemathek, die sich besonders dem Avantgardekino verschrieben hat. Für dessen Weiterentwicklung engagiert sich Mekas noch heute. Einen Prospekt für den geplanten Neubau zieht er am Ende des Gesprächs aus seiner Tasche.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht ist es noch schlimmer, wenn heute an vielen Stellen gar nicht darüber geschrieben wird.

Mekas: Heute ist die Situation eine ganz andere. Es gibt so einen massiven Output, gerade im Internet, und wir stecken noch so tief drin, dass wir keinen Durchblick haben. Die Zeit wird zeigen, was bleibt. Es wird überleben, was Leute miteinander teilen, was sie vom Verschwinden abhalten werden, was sie von einem Format ins nächste übertragen. Das meiste aber wird verschwinden. Darwins Prinzip kommt auch hier zur Geltung.

SPIEGEL ONLINE: Muss das Anthology Film Archive in Zukunft YouTube-Videos sammeln?

Mekas: Unbedingt! Wir bauen jetzt eine Bibliothek für unser Archiv. Und ich renne rum und suche nach Geld. Wenn Gerhard Richter uns auch nur ein kleines Bild überlassen würde, wäre viel gewonnen. Können Sie das bitte schreiben? Ich habe ihn schon gefragt, er hat aber noch nicht geantwortet. Andere haben schon zugesagt, wie Jonathan Meese. Wir werden es schaffen, aber wir haben noch sehr viel Arbeit vor uns.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.