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16. Februar 2013, 16:24 Uhr

Doku "The Act of Killing"

"Wir sind Gäste eines kannibalischen Gelages"

Wie tötet man Menschen? In der Berlinale-Dokumentation "The Act of Killing" prahlen Ex-Paramilitärs aus Indonesien mit Massenmorden in den sechziger Jahren. Regisseur Joshua Oppenheimer erklärt im Interview, warum wir alle den Mördern viel näher sind, als wir glauben.

SPIEGEL ONLINE: Herr Oppenheimer, ihr Film "The Act of Killing" handelt von der paramilitärischen Pancasila Jugend in Indonesien, die mithalf, nach der Machtergreifung von General Suharto 1965 zwischen fünfhunderttausend und drei Millionen Menschen umzubringen - das Ausmaß der Massenmorde ist bis heute nicht aufgearbeitet. Vor laufender Kamera prahlen die alt gewordenen Mörder mit ihren Taten. Wie kann das sein?

Oppenheimer: Die Männer sind nach den Massenmorden in Machtpositionen geblieben. Noch immer hält eine große Gruppe von Menschen sie für Helden. Ihre Prahlerei hat drei Gründe. Erstens: Sie mindert ihre Schuldgefühle. Zweitens: Sie hilft ihnen, den Rest der Gesellschaft, nicht zuletzt die Überlebenden der Morde, einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen. Drittens: Der Heldenmythos ist die Grundlage einer moralfreien Geschichtsschreibung, in der Massenmörder Privilegien genießen. Massenmord als etwas Heldenhaftes zu feiern, ist der Grundstein für Straffreiheit.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie es geschafft, den Protagonisten so nahezukommen? Wussten die nicht, dass sie in ihrem Film nicht gut wegkommen würden?

Oppenheimer: Als ich sie traf, betonten sie, dass sie als Helden gefeiert werden. Sie nahmen an, dass ich auf ihrer Seite sei. Schließlich hatten die USA die Massenmorde nach dem Militärputsch gegen die Kommunisten 1965 unterstützt. Die Freunde und Chefs meiner Protagonisten standen während des Blutbades in regelmäßigem Kontakt mit dem US-Konsulat in Medan. Als US-amerikanischer Filmemacher, so glaubten sie, sei ich auf ihrer Seite.

SPIEGEL ONLINE: Sie ließen die Protagonisten ihre Taten nachstellen. Was war die größte Herausforderung für Sie während des Drehs?

Oppenheimer: Mein Entsetzen zu unterdrücken. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, die viele Mitglieder durch den Holocaust verloren hat. Die Familie meines Vaters kommt aus Berlin und Frankfurt, die meiner Stiefmutter aus Wien. Von den Verwandten, die es nicht in die USA geschafft hatten, wurden die meisten getötet. Die wichtigste politische und moralische Frage war für mich als Heranwachsenden: 'Wie können wir verhindern, dass diese Dinge wieder geschehen?' In der jüdischen Gemeinde wurde das Mantra "nie wieder" zu oft beschränkt auf ein "nie wieder an uns".

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit genau?

Oppenheimer: Wenn wir das "Nie wieder" wirklich ernst nehmen, dann meinen wir "nie wieder, an niemandem". Dafür müssen wir verstehen, warum menschliche Wesen sich das gegenseitig antun. Es ist eine Herausforderung, anzuerkennen, dass die Täter Menschen sind, auch wenn wir mit ihren schlimmsten Gewalttaten konfrontiert sind. Doch wir dürfen nicht vergessen, dass sie Menschen sind. Hitler war nicht grün, hatte keine Schuppen und keine scharfen Zähne. Er war ein menschliches Wesen. Wir neigen dazu, Menschen wie ihn als Monster abzustempeln. Aber wenn wir das tun, versichern wir uns lediglich selbst, dass wir nicht so sind wie sie. Meine Protagonisten trotz des Grauens, das sie vor der Kamera auslösten, immer als Menschen zu sehen, darin bestand für mich die größte Herausforderung.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie die aus Ihrer Sicht bestanden?

Oppenheimer: Bei den Indonesiern, die unseren Film gesehen haben, hat er fundamentale Fragen über ihre Gesellschaft ausgelöst. Was in Indonesien passiert ist, ist eine Metapher für Straflosigkeit überall auf der Welt, mein eigenes Land eingeschlossen. Wir glauben immer, dass die meisten Verbrechen gegen die Menschlichkeit - wie die in Ruanda, Kambodscha oder Deutschland - gesühnt werden. Dass ein Machtumschwung zu einer neuen Regierung führt, die die Morde für falsch erklärt. Aber die tiefere Aussage des Films ist, dass Ruanda, Kambodscha und Deutschland eigentlich die Ausnahmen von der Regel sind. Alle Gesellschaften sind auf Massengewalt aufgebaut. Amerika, Großbritannien, Holland, Russland, China. In der Regel werden die Täter nicht zur Verantwortung gezogen.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie eigentlich keinen Film über die Opfer gemacht?

Oppenheimer: Weil wir den Tätern viel näher sind, als wir es uns vorstellen möchten. Sicher sind die Geschichten der Überlebenden sehr wichtig. In meinem nächsten Film dokumentiere ich den Kampf einer Familie, die versucht, die Straflosigkeit für den Mörder ihres Sohnes anzufechten.

SPIEGEL ONLINE: Und trotzdem sind Sie jetzt ganz bei den Tätern...

Oppenheimer: Bisherige Dokumentationen haben sich auf die Opfer konzentriert, weil sie uns zeigen sollten, dass unsere moralische und politische Haltung den Opfern nahe ist. Aber ich schreibe täglich auf einem Computer, der in einer Fabrik hergestellt wurde, wo die Arbeiter so schlechte Lebensbedingungen haben, dass es an den Balkonen ihrer Wohnheime Netze gibt, die sie vor dem Sprung in den Tod bewahren sollen. Und ihre Bedingungen sind so schlecht, weil es Leute wie die von mir gezeigten ehemaligen Paramilitärs gibt, die ihnen Gewalt androhen, sollten sie für eine Verbesserung ihrer Lage kämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Aber was heißt das für uns?

Oppenheimer: Wir alle sind Gäste eines kannibalischen Festgelages. Und wir wissen das und wir fühlen uns schlecht deswegen, aber wir funktionieren weiter, leben, kaufen ein, konsumieren. Sind wir damit nicht den Tätern viel näher als wir glauben?

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes stand, dass Ex-Paramilitärs aus Singapur mit Massenmorden prahlen. Es handelt sich aber um Ex-Paramilitärs aus Indonesien. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

Das Interview führte Anett Keller

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