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Joy-Division-Film "Control": Anfälle von Genie

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Ian Curtis, Sänger der legendären Joy Division, zuckt nach wie vor durch unser popkulturelles Bewusstsein. Star-Fotograf Anton Corbijn verfilmte sein Leben als bildmächtiges Rätsel in Schwarzweiß - mit vielen raffinierten Zwischentönen.

In England regiert Ende der Siebziger der Punk, und die jungen Menschen kritzeln ihre betont nachlässige Kleidung mit allerlei nihilistischen Parolen voll. Auch der junge Ian Curtis trägt das Wort "Hate" auf seinem Rücken, allerdings hat er die Großbuchstaben so ordentlich auf seinen Mantel appliziert, als handle es sich dabei um einen behördlichen Hinweis. So sieht man ihn als eine Art wandelnde Litfasssäule des Hasses auf den Weg zur Arbeit – einem Jobcenter der Stadt, wo er auch die schwierigsten Fälle liebevoll zu vermitteln versucht.

Darsteller Riley als Ian Curtis: Sanft und distanziert
capelight pictures/ Dean Rogers

Darsteller Riley als Ian Curtis: Sanft und distanziert

Es schwingt eine zärtliche Ironie mit in den kühl durchkomponierten Schwarzweißbildern von Anton Corbijns Künstlerporträt. "Control", der erste Spielfilm des legendären Rockfotografen, der mit seinen Aufnahmen von Nirvana oder U2 weltberühmt geworden ist, arbeitet sich so klug wie konsequent an den Widersprüchen des Sängers Curtis ab. Spießer und Jahrhundertgenie, Seelsorger und Soziopath: Aus diesem Paradoxon, so legt "Control" nahe, speiste sich die verführerische Kraft, die von der Musik seiner Band Joy Division ausging.

Regisseur Corbijn, der Ende der Siebziger als 17-Jähriger von Holland nach England ging, weil er sich vom schwarzen Glanz des Punk angezogen fühlte, ist schlau genug, den Mythos Ian Curtis nicht komplett durchleuchten zu wollen. Stattdessen umkreist er ihn. Im gewissen Sinne arbeitet er also auch bei seinem Kino-Debüt in der Art eines Fotografen: Wie er zuvor in Einzelbildern die Aura eines Musikers einzufangen versuchte, nähert er sich seinem Helden nun in autonomen Sequenzen.

Grau- und Schauwerte

Chaos und Kontrolle, das waren die beiden Pole, zwischen denen sich Ian Curtis bewegte. Corbijn verzichtet für seinen Film glücklicherweise die meiste Zeit darauf, Drogenexzesse, Groupie-Eskapaden und andere Rockstarklischees mit wackelnder Handkamera einen quasi-authentischen Anstrich zu geben. Stattdessen fängt er mit nüchterner Stilisierung das karge, kleinbürgerliche Ambiente zwischen Macclesfield und Manchester ein, in dem sich der Künstler bewegte.

Der Stadtangestellte Curtis (Sam Riley) versucht hier, mit seiner Frau Deborah (Samanta Morton) ein normal tristes Reihenhausdasein zu leben. Die beiden heiraten jung, das gedrosselte Glück wird bald um ein Kind ergänzt. Bei einem Konzert der Sex Pistols in Manchester gelangt Curtis mit seinen Freunden zur Erkenntnis, dass es nicht der Gigantomanie des herkömmlichen Rockapparates bedarf, um ein Star zu werden. Seine Frau ist so nett, ihm etwas vom Haushaltsgeld abzuzweigen, auf dass er mit seiner Band erste Aufnahmen finanzieren kann.

Bald sitzt er mit seinen vor Aufregung furzenden Kollegen in dem kleinen Backstage-Raum eines Clubs, um einen ersten Auftritt unter dem Bandnamen Joy Division spielen zu dürfen. Curtis, der hagere Junge, der einen ordentlichen Kurzhaarschnitt trägt, entwickelt eine sonderbare Bühnenpräsenz. Spastische Zuckungen und soldatische Marschbewegungen verschmelzen zum persönlichen Stilprinzip. Doch der bühnenwirksame Hochdruck ist nicht gekünstelt, die eigentümliche Motorik rührt aus dem Umstand, dass Curtis Epileptiker ist. Später wird er auf der Bühne von schweren Anfällen heimgesucht.

Sam Riley gelingt es mit angsteinflößender Präzision, die Bühnenpersona Curtis samt seines monochromen Klagegesangs zum Leben zu erwecken; die meisten Stücke hat der Schauspieler selbst intoniert. Dieses umfassende Einfühlen in eine legendäre Bühnenpersönlichkeit hat man zuletzt bei Joaquin Phoenix in der Johnny-Cash-Biographie "Walk The Line" gesehen. Tatsächlich gibt es zwischen Cash, dem Mann in Schwarz, und Curtis, dem Mann für die Grauwerte des Lebens, etliche Parallelen. Beide bezwangen auf der Bühne das innere Chaos und verwandelten es dort zumindest vorübergehend in düster schimmernde Schönheit.

Somit scheint es nur konsequent, dass Anton Corbijn sein Postpunk-Psychogramm in Schwarzweiß gedreht hat. Auf diese Weise fasst er zudem die Stimmungen und ästhetischen Strategien der späten Siebziger zusammen, in der die Künstler den quietschbunten Träumereien und zweifelhaften Entfesselungsversuchen der Hippie-Zeit eine kontrollierte Intensität entgegenzusetzen versuchten.

Control
(Großbritannien/USA 2007)
Regie: Anton Corbijn
Buch: Matt Greenhalgh
Darsteller: Sam Riley, Samantha Morton, Alexandra Maria Lara
Produktion: Momentum Pictures, Becker Films International, Claraflora, NorthSee
Verleih: Capelight (Central)
Laufzeit:125 Minuten
Start: 10. Januar 2008
Weiter weg als Ian Curtis in diesem Film kann man von den Idealen der Blumenkindergeneration kaum sein: Die Liebe ist für ihn nicht die schönste Sache der Welt, sondern eine anstrengende Verpflichtung. Als er mit der belgischen Musikjournalistin Annik Honoré (Alexandra Maria Lara im etwas zu aufdringlichen Postpunkchic) eine zärtliche Affäre beginnt, wird er zwischen Gefühl und Familienplanung aufgerieben. Das Chaos ist nicht zu ordnen, das Ziel der absoluten Kontrolle bleibt eine Utopie. Im Mai 1980, einen Tag vor der ersten US-Tournee von Joy Division, erhängt sich Ian Curtis.

Entstanden ist Corbijns später filmischer Nachruf nach den Erinnerungen der Curtis-Witwe Deborah, die mitproduziert hat. Viele von Curtis' Wegbegleitern, darunter auch Manchesters kürzlich verstorbener, irrer TV- und Musik-Impresario Tony Wilson, trugen ebenfalls ihr Wissen und ihre Einschätzung zur Entwicklung von "Control" bei. Wie andere Künstlerbiographien, bei denen Verwandte und Freunde mitwirken, schwächelt der Film deshalb leicht bei den Nebenfiguren. Man wollte wohl niemandem der Lebenden zu nahe treten.

Sam Rileys Zeichnung des zärtlichen Radikalzweiflers und chaotischen Kontrollfreaks aber ist über alle falschen Abwägungen erhaben. Er agiert so sanft wie distanziert und bringt auf diese Weise den Titel von Deborahs Curtis Biographie zum Schwingen: "Touching from a distance". So verdichtet der Schauspieler ohne falsches Pathos das Schicksal des Sängers: Nur auf der Bühne war er ganz bei sich selbst – und eben unberührbar für den Rest der Welt.

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