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"Joy" mit Jennifer Lawrence: Die Power-Hausfrau

Von Carolin Weidner

Mit dem Mop zur Millionärin: In "Joy" spielt Jennifer Lawrence Joy Mangano, die es von der gestressten Familienverwalterin zur erfolgreichen Unternehmerin geschafft hat - im Film aber wie die Karikatur einer Karrierefrau wirkt.

Joy (Jennifer Lawrence) kann sich in ihrem eigenen Haus nie sicher sein, was als Nächstes kommt: Mutter Terry (Virginia Madsen) thront die meiste Zeit im Bett und guckt Soap-Operas.

Gibt es etwas zu reparieren - wie eine undichte Wasserleitung, die sich in Terrys Zimmer immer wieder bemerkbar macht - muss Joy ran. Einmal steht Vater Rudy (Robert de Niro) vor der Tür, weil sich die neue Frau seiner entledigt hat und ihn nun wieder an die alte Familie zurückgeben will. Joy weist ihm einen Platz im Keller zu, in dem schon ein anderer ständiger Gast haust: Tony (Édgar Ramírez), Joys Ex-Mann und Sänger ("I'm gonna be the next Tom Jones!"), von dem sie seit zwei Jahren getrennt lebt, der den Auszug aber noch immer nicht geschafft hat.

Joy ist es gewohnt, mehrere Brände gleichzeitig zu löschen. Und auf ihren Blusen findet sich stets ein Schmutzfleck, der zu sagen scheint: keine Zeit für Eitelkeiten. Dass gerade aus dieser häuslichen und emotionalen Vollzeitverpflichtung ein Geschäft erwachsen wird, ist zu Beginn von "Joy - Alles außer gewöhnlich" noch nicht abzusehen.

Lieber labt sich Regisseur David O. Russell ("The Fighter", "Silver Linings", "American Hustle") eine Weile an den chaotischen Zuständen, die nicht wenig an eine Soap-Opera erinnern. Und tatsächlich vermischt sich das Geschehen im Haus einige Male mit der Serienwelt. Etwa dann, wenn Joy in einen unseligen Schlaf fällt. Hier entdeckt sie, dass sie im Grunde schon seit 17 Jahren tot ist; seit sie nämlich ein kleines Mädchen war, das aus Papier Figuren basteln konnte und bekundete: "I don't need a prince."

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"Joy - Alles außer gewöhnlich": Der schiefe amerikanische Traum

Regie-Reigen voller Zeitachsensprünge

Den Prinz hat Joy dann auch nie bekommen. Stattdessen: Tony. Und einen Schwung irgendwie liebenswerter, doch unselbstständiger Anverwandter. Russell widmet die erste Hälfte seiner recht lose gehaltenen Filmbiografie über die Unternehmerin Joy Mangano diesem schrittweise stattfindenden Erwachen.

Es ist ein rasanter Auftakt. Und man merkt, dass Russell gerade mit dieser Hälfte eine Menge Spaß gehabt haben muss: Ein Regie-Reigen voller Zeitachsensprünge und Verflechtungen von Ebenen, kreisender Kamerafahrten und skurriler Komik. Man könnte sagen: "Joy" eröffnet dicht und kreischend, aber auch over directed. Das lässt an den Flop "I Heart Huckabees" denken, der Russells Karriere vor zehn Jahren fast in eine Sackgasse manövrierte; eben auch aufgrund einiger Vorwürfe, die nun den Charme von "Joy" ausmachen.

Interessanterweise bricht der Film nach einiger Zeit mit jener ausufernden Stilistik und wendet sich Elementen zu, mit denen Russell nach "I Heart Huckabees" noch einmal die Kurve kriegte: dem Nachbau historischer Kulissen (wie etwa ein Polit-Mafiamilieu der späten Siebzigerjahre in "American Hustle" oder die Achtziger und Neunziger in "The Fighter") und der Verlegung auf "reale" Geschichten (in "The Fighter" etwa mittels des Boxweltmeisters Micky Ward).

Von der Familienverwalterin zur Macherin

"Joy" braucht eine Episode auf einer Jacht mit des Vaters neuester, kapitalstarker Frau Trudy (Isabella Rossellini), um den Dreh einzuleiten: Beim Aufwischen einer zersprungenen Flasche Rotwein verletzt sich Joy an den Glassplittern; das letzte Tröpfchen, welches das Aschenputtelkostüm bekleckert. Joy, die nun erst zur berühmten Joy Mangano wird, entwickelt aufgrund des schmerzhaften Erlebnisses einen Mop, den "Miracle Mop", der alle Hausfrauen der Vereinigten Staaten zukünftig vor dieser Pein bewahren soll.

Der Film ändert seinen Modus von da an völlig. Joy wird von der Familienverwalterin, die sich im Grunde längst selbst beerdigt hat, zur Macherin ihrer Kindertage. Die Schrägheit des ersten Teils wird von einem Business-Drama abgelöst, in dem Joy ihre Erfindung nicht nur der eigenen Familie erklären muss, sondern bald auch Geschäftsmann Neil Walker (Bradley Cooper) und mit ihm dem gerade aufblühenden Home-Shopping-Universum.

Wirklich lustvoll ist das Ganze nicht. Joy ist vielmehr von einer inneren Notwendigkeit getrieben, die Jennifer Lawrence mit der ihr eigenen Kraft straff umsetzt. Damit wirkt sie manchmal wie die Karikatur einer Karrierefrau, die ihren ungleich geschmeidigeren und windigen Geschäftspartnern kampfbereit entgegentritt. Bestand der vergnügliche Anteil für David O. Russell offenbar darin, Joy abgehetzt inmitten ihrer unmöglichen Familie zu präsentieren, fällt ihr letztlicher Befreiungsschlag mit einer unglaublichen Verhärtung einher.

"Joy" ist ein sonderbares Hybrid geworden, der dem Mythos des American Dream, wahrscheinlich sogar unbeabsichtigt, ziemlich schief begegnet. Das macht den Film dann fast schon wieder interessant.

Im Video: Der Trailer zu "Joy - Alles außer gewöhnlich"

Joy - Alles außer gewöhnlich

USA 2015

Regie: David O. Russell

Drehbuch: David O. Russell, Annie Mumolo

Darsteller: Jennifer Lawrence, Robert De Niro, Bradley Cooper, Édgar Ramírez, Virginia Madsen, Isabella Rossellini, Diane Ladd, Dascha Polanco

Produktion: Annapurna Pictures, Davis Entertainment

Verleih: Twentieth Century Fox

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Start: 31. Dezember 2015

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1. letztendlich nur eine
ILLOO 01.01.2016
weitere neuauflage des 'in america kann's jeder schaffen' , oder american dream . wie auch schon in der filmkritik bemerkt/gefuehlt , der zweite teil ist schlecht geschrieben/gedreht , und wirkt oft unnatuerlich - oder unglaubhaft. man hat tatsaechlich das gefuehl der regisseur hat sich hier mit seinem film nicht mehr identifiziert , und somit diesen teil routinemaessig, nach bester hollywoodmanier, abgedreht . den film habe ich im ausland schon vor 2 wochen gesehen - man wundert sich oft wieviele [auch warum] filme in D viel spaeter starten als in anderen viel kleineren europ. laendern [hier gemeint griechenland]
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