Ödön von Horváth-Verfilmung Jugend ohne... was eigentlich?

Tribute-von-Panem-Paraphrase mit Foucault und deutschen Jungfilmstars: Die Verfilmung von Ödön von Horváths düsterem Roman "Jugend ohne Gott" scheint uns irgendetwas über die nahe Zukunft erzählen zu wollen.

Constantin

Nun geht sogar der abgängige Gott ab. Gott ist nicht einfach tot oder stumm, er spricht auch nicht zu leise oder zu undeutlich - er ist schlicht gar keine Größe. Es gab ihn nie, und es wird ihn auch nie geben. Gott ist, mit anderen Worten, völlig wurscht - und das ist genau genommen ein bisschen seltsam für einen Film, der "Jugend ohne Gott" heißt. Beim Umzug des gleichnamigen Originalstoffes von Ödön von Horváth aus der Vorkriegszeit in eine uns nahe Zukunft ist einiges verloren gegangen: nicht zuletzt Gott.

Zu Beginn dieser auf ihren Freiheitsrechten pochenden Literaturverfilmung sehen wir einige recht fotogene Jugendliche in einem Ausbildungscamp in den Alpen ankommen. Sie gehören zu den Privilegierten, die sich hier oben für einen heißbegehrten Studienplatz an einer supersauber-herausgestriegelten Elite-Uni beweisen dürfen. Sie müssen Felswände hochklettern und reißende Stromschnellen überqueren, Teamaufgaben im Wald lösen und ihre Leadership-Skills bezeugen. Es geht - man kennt das ja - ums Punkte sammeln.

Fotostrecke

8  Bilder
"Jugend ohne Gott": Die Horváth-Games

Am Ende des Tages können die Kids auf einer bundesligaartigen Tabelle nachsehen, wer von ihnen führt, wer aufstieg und wer abstieg. Zu Beginn aber - und da wirkt Alain Gsponers Film fast wie ein Ausweichmanöver, um nicht allzu komplex zu geraten - werden den Jugendlichen die Handys und Tablets weggenommen. Zach (Jannis Niewöhner) darf zwar Tagebuch führen; aber auch nur, weil sich sein Vater das Leben nahm und er ein entsprechendes Attest dafür hat. Jugend ohne Medien - das wäre vielleicht der passendere, wahrscheinlich auch dystopischere Titel gewesen.

Heutzutage einen Film über Gruppendynamikprozesse drehen zu wollen, ohne die sozialen Medien mitzuverrechnen, wirkt zwar etwas weltfremd, aber die gab es in Horváths Vorlage auch nicht, deshalb: geschenkt. Was es hingegen im Roman von 1937 schon gab, war der grobe Handlungsbogen, den der Film mit viel rhythmischem, sogar recht blockbusterhaftem und durchmusikalisiertem Elan nachzeichnet.

Staatsfeind mit Ronja-Räubertochter-Mähne

Zach lernt beim Hürdenlauf im Wald das junge Mädchen Ewa (Emilia Schüle) kennen und verliebt sich in sie, obwohl sie zu den sogenannten Illegalen gehört, was strengstens verboten ist. Die Gesellschaft funktioniert nämlich als streng segregiertes Kastensystem, in dem sämtliche Übertritte untersagt sind; legal ist nur der, der bleibt wo er ist - und wer im Wald lebt, wer sich widersetzt, wer seinen Ort verlässt, ist astreiner Staatsfeind.

Nadesh (Alicia von Rittberg), die Zach mit ein bisschen zu viel Verliebtheit bedrängt, erfährt von den Treffen zwischen Zach und Ewa und ist entsprechend ganz außer sich. Der Aufsicht habende Lehrer (Fahri Yardim) - bei Horváth perspektivisches Zentrum, hier eher Nebenfigur - bemüht sich permanent um Schadensbegrenzung für seine Schüler und macht dennoch bald den allesentscheidenden Fehler, durch den jemand zu Tode kommen wird.


"Jugend ohne Gott"
Deutschland 2017
Regie: Alain Gsponer
Drehbuch: Alex Buresch, Matthias Pacht, basierend auf dem Roman von Ödön von Horváth
Darsteller: Jannis Niewöhner, Fahri Yardim, Emilia Schüle, Alicia von Rittberg, Jannik Schümann, Anna Maria Mühe, Rainer Bock, Katharina Müller-Elmau, Iris Berben
Produktion: die Film GmbH, Constantin Film
Verleih: Constantin Film
Länge: 114 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 31. August 2017


Dem jeder Regel eines einwandfreien Schnöseltums gehorchende Titus (Jannik Schümann) kommt das gerade recht, schließlich sind weniger Lebende auch weniger Konkurrenz. Nur der mit faschistoidem Stechschritt durch ihre nicht minder faschistoide Betonhütte stapfenden Camp-Chefin Loreen (Anna Maria Mühe) passt der Todesfall ganz und gar nicht in den Kram, denn die kann jetzt freilich ihr - abermals faschistoides - Assessment Center dicht machen.

Auch für Schulzwecke einsetzbar

"Jugend ohne Gott" ist ein äußerst eklektischer Film; er bedient sich bei allem, was sich irgendwie verwerten lässt - sei es die Horváth'sche Vorlage, in der es um eine Jugend ging, die sich für die Fronten des Zweiten Weltkrieges startklar machte; seien es die verschiedensten, in den letzten Jahrzehnten angesammelten Gesellschaftskonzepte, von der Disziplinargesellschaft über die Kontrollgesellschaft bis hin zur Leistungsgesellschaft; sei es die wüste und mit viel Budget verdüsterte dystopische Hollywood-Ikonografie, die zerfallenen Betonwüsten am Stadtrand, die ständig irgendwo piepsende und roboternde urbane Hightech-Umgebung.

"Jugend ohne Gott" ist eine mit ein bisschen Michel Foucault aufgemotzte Tribute-von-Panem-Paraphrase, die sich selbstverständlich auch für Schulzwecke angeboten haben will. Dagegen ist auch nichts einzuwenden. Was Gsponer allerdings bei seiner etwas zu freiheitlichen Filmcollage über das Menschsein und das Nichtmenschsein in naher Zukunft durch die Lappen ging, ist ein Bezugsrahmen, durch den die großen Begriffe, die hier auf dem Spiel stehen, in Perspektive gesetzt werden: das Menschliche, das Moralische, die Empathie, die Solidarität.

Ganz besonders das Menschliche, das zentnerschwere Paradigma, das bei Horváth schon verloren war und nun auch der auf Leistung getrimmten Welt abhandenkommt, ist bei Gsponer letztlich leider ziemlich unbestimmt und in müder Allgemeinheit stillgestellt. Spätestens wenn die 'illegale' Ewa neandertalerisch in zerlumpten Kleidern und mit Ronja-Räubertochter-Frisur aus dem Wald heraus tapst und mit tierischer Verschlagenheit umherschleicht, hat man doch den Eindruck, dass das Menschliche im Grunde kaum mehr ist als das Gegenteil des BWLer-Klischees.

Filmtrailer ansehen: "Jugend ohne Gott"

Constantin
Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.