Julia Roberts in "Duplicity" Unpretty Woman

So hat man Julia Roberts noch nicht gesehen: öd, stumpf, langweilig. Dabei soll sie in Tony Gilroys Spionage-Komödie "Duplicity" eine verführerische Agentin darstellen. Der wirre Film lässt sie aber nicht. Und auch ihr Co-Star Clive Owen bleibt blass.

Von Daniel Haas


Das also soll er sein: der Film mit der tollen Chemie zwischen Julia Roberts und Clive Owen. Die Romanze, die es locker mit den Screwball-Komödien der Vierziger aufnehmen kann. Der Thriller, der mit seiner komplexen Erzählweise das Wesen der Paranoia auf den Punkt bringt: ein sich selbst austricksendes System von Fehleinschätzungen.



So jedenfalls sieht es die globale Filmkritik, die Roberts wohl auch die Darstellung eines Brückenpfostens nachsehen würde und Owen ein auf 90 Minuten ausgedehntes Nasebohren.

Vielleicht hat sich eine vorauseilende Glückserwartung derart massiv vor die tatsächliche Kinoerfahrung geschoben, dass auf der Netzhaut nur noch das ankam, was man schon lange mal wieder sehen wollte: eine intelligente, romantische Komödie mit Thrill und kulturkritischem Biss. Mit zwei der zugegeben charismatischsten Darsteller ihrer Generation.

Da fängt das Problem allerdings schon an: Regisseur Tony Gilroy hat kein Gespür für die psychologische Statur von 40-Jährigen. Er kann, wie im Anwaltsthriller "Michael Clayton", den er inszenierte, vielleicht die Komplexität von Machtstrukturen auffächern, oder - wie in der "Bourne"-Trilogie, deren Drehbücher er schrieb - die Selbstfindung eines Mannes mittels Gewalt durchspielen. Aber zwei erwachsene, smarte Kriminelle in ein erotisch knisterndes Verwirrspiel um Geld und Know-how verwickeln kann er nicht.

Julia Roberts spielt eine Ex-CIA-Agentin, Clive Owen einen ehemaligen britischen Geheimdienstmann. Vor Jahren hatte sie ihm nach einer Liebesnacht ein paar Geheimnisse abgeluchst, jetzt sind sie beide Industriespione für verfeindete Großkonzerne.

Objekt der Begierde ist ausgerechnet ein magisches Haarwuchsmittel, das dem betreffenden Unternehmen Traumgewinne bescheren soll.

Roberts und Owen verlieben sich, machen gemeinsame Sache - oder eben nicht, das soll der Kniff des Films sein. Hauen sie sich gegenseitig übers Ohr beim pausenlosen Abluchsen von Informationen und Pseudoinformationen, beim Legen falscher und nicht ganz so falscher Fährten?

Am Ende gibt es eine ernüchternde Pointe für die Helden und die Gewissheit beim Zuschauer, dass Wirtschaftsbosse mindestens so hinterhältig sind wie Geheimdienste, deren Methoden sie auf die Spitze treiben. Bevor dieser bei allem Betrugswirrwarr sehr vorhersagbare Showdown über die Bühne geht, müht man sich anstrengende zwei Stunden durch einen Film, der sein Sujet erzählerisch verklausuliert.

Zahllose Rückblenden werden ineinander geschachtelt, Zeitsprünge inszeniert - immer natürlich, um das Prekäre der Wahrnehmung deutlich zu machen. Doch das Stilprinzip verwechselt Raffinesse mit Desorientierung.

Nach dem x-ten Treffen der Helden irgendwo zwischen Dubai, Rom und New York, nach dem soundsovielten Flashback, der das Subjektive von Erinnerung und Erkenntnis verdeutlichen soll, macht sich Ermüdung breit: Wer den heiligen Gral der Kosmetik ergattert, ist einem letztlich ebenso egal wie das Gelingen dieser Romanze, die nie wirklich eine ist.

Viel eher wirken Roberts und Owen wie zwei gestresste Arbeitnehmer, die Gaunereien am Arbeitsplatz vertuschen. Die Erotik der beiden erschöpft sich in ein paar zickigen Dialogen, die vom Charme klassischer Screwball Comedys soweit entfernt sind wie eine Opel-Aktionärsversammlung.

Selten hat man zwei Weltstars außerdem so lieblos fotografiert gesehen: Julia Roberts wird man nach diesem Film vor allem als Frau mit zu großer Nase und schlechter Haut erinnern, Owen als tumben Cary-Grant-Verschnitt.

Erotik kommt in diesem Film nur bei einer Figur zustande: Der Firmenchef Dick Garsik virtuos gespielt von Paul Giamatti, pflegt ein narzisstisches Verhältnis zur Macht, die Macchiavelli erblassen ließe. Dieser Bonze badet im Applaus seiner Aktionäre, die er in seinen Reden aufgeilt wie die Hure den Freier; sein Sex Appeal ist autonom in dem Sinne, dass er sich, mit immer neuen Intrigen und Machspielchen, selbst die größte Lust bereitet.

Sein Gegenspieler wird von Tom Wilkinson ("Michael Clayton") dargestellt, auch er ein Machtmensch und Zocker. Wenn es überhaupt ein Liebespaar gibt in diesem Film, dann sind es diese beiden Falschspieler im großen Wirschaftsmonopoly. Gierig wühlen sie zwar nicht in der Unterwäsche, dafür in den Datenbanken des anderen, noch die kleinste geschäftliche Regung des anderen mit Spionage-Technik ertastend.

Ihre Story ist sexy, der Rest lässt kalt. Was Gilroy mit Owen und Roberts wirklich im Schilde führte? Es bleibt ein Industriegeheimnis.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.