Von Daniel Sander
Ach, was hätte das für ein Film werden können. Das gute, alte Schneewittchenmärchen, erzählt aus Sicht der bösen Stiefmutter - Julia Roberts als missverstandene Königin, die berichtet, wie das wirklich war mit dieser weinerlichen Prinzessin und den verbrecherischen sieben Zwergen. Wie sie Opfer einer Intrige wurde und gar nicht anders konnte, als endlich durchzugreifen gegen die verzogene Göre. Dass sie ja auch nichts dafür kann, wenn die sich an einem Apfel verschluckt, den man ihr doch nur aus Sorge um eventuellen Vitaminmangel geschenkt hat. Das Ganze in surrealen Märchenbildern, vielleicht mit etwas feinem und bösem Humor. Ach!
"Spieglein, Spieglein - Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen" von Tarsem Singh ist nicht dieser Film geworden. Das Schlimme ist aber, dass er erst so tut, als wäre er es. Denn für ein paar Minuten sieht es wirklich so aus, als bekäme man hier mal eine andere Sicht auf den Grimm'schen Klassiker geboten: Roberts, die ankündigt, die wahre Geschichte zu enthüllen und nebenbei ein paar amüsante Beleidigungen in Richtung ihrer blöden Stieftochter faucht. Und Regisseur Singh ("The Fall"), der seinen Ruf als Meister des Visuellen mit wolkigen, gemäldegleichen Einstellungen des magischen Spiegels und des Märchenschlosses untermauert.
Bescheuerter Übernachtungsgast
Das war's dann aber auch. Singh gilt zwar als Optik-Genie, aber nicht gerade als brillanter Geschichtenerzähler (siehe die Action-Katastrophe "Krieg der Götter" aus dem vergangenen Jahr, bzw. siehe nicht!), und den Ruf untermauert er hier. Denn nach dem kurzen Aufflackern von Spaß und Energie wechselt der Film abrupt die Perspektive und schlägt sich lieber auf die Seite von Schneewittchen (Lily Collins). Und, oh Gott, was für eine abgrundtief langweilige Person das hier doch ist. Die Haut wie Schnee, das Haar wie Ebenholz, die Persönlichkeit einer Gießkanne.
Verschüchtert huscht sie durch den Palast und macht bei jeder Konfrontation mit ihrer Stiefmutter große, traurige Augen, ohne auf die wüsten Beschimpfungen irgendetwas von Belang erwidern zu können. Überhaupt gibt sie nie irgendetwas von Belang von sich. Nicht, wenn sie auf den holden und tatsächlich ziemlich charmanten Prinzen trifft (Armie Hammer, neben Julia Roberts der zweite Lichtblick in diesem filmgewordenen Meer der Finsternis), und schon gar nicht, wenn sie die sieben Zwerge kennenlernt.
Argh, die Zwerge! Fast noch schlimmer als ihr bescheuerter Übernachtungsgast. Als coole gnadenlose Gangsterbande eingeführt, wandeln sie sich schnell zu albernen, aber witzbefreiten Deppen, die immer einen unlustigen Spruch parat haben und bald nichts anderes mehr tun müssen, als Schneewittchen zu versichern, was für eine tolle Gesellschaft sie doch ist. Lüge!
Exzessive Mittelmäßigkeit
Wie das heute üblich ist, darf sich die Heldin in ein paar Kämpfen auch als pseudo-emanzipiertes Riot Girl mit guter Degentechnik profilieren, aber nur um sich am Ende doch immer vom Prinzen oder den Zwergen retten zu lassen, denn eigentlich ist sie ja doch nur ein süßes, kleines Mädchen auf der Suche nach einem Beschützer. Letzteres nimmt man Hauptdarstellerin Collins - ja, die Tochter von Phil - auch ohne weiteres ab, aber sonst wandelt sie so ausdruckslos durch ihre erste richtig große Kinorolle, als interpretiere sie ein spätes Album ihres Vaters für die Leinwand.
Bleiben noch die Bilder. Und die sind nach dem schönen Auftakt auch nicht der große Hit. Die Szenen im Wald wirken oft seltsam farbarm und dunkel, im Schloss gibt es nur wenige Motive, so dass es dort nach einer halben Stunde kaum noch etwas Aufregendes zu entdecken gibt. Da kann auch eine Julia Roberts irgendwann nicht mehr gegen anspielen.
Vielleicht sind das alles unfaire Vorwürfe gegenüber einem Film, der vielleicht nicht mehr sein will als ein harmloser Zeitvertreib für junge Mädchen und der sich als solcher vielleicht nur exzessiver Mittelmäßigkeit schuldig macht.
Es ist nur so verdammt schade drum.
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