Julia Roberts in "Spieglein, Spieglein": Wer ist die Ödeste im ganzen Land?

Von Daniel Sander

Die wirklich lahme Geschichte von Schneewittchen: Die Märchen-Verfilmung "Spieglein, Spieglein" hat mit Julia Roberts eine tolle böse Stiefmutter zu bieten. Hilft aber nichts, wenn alles drum herum von schockierender Langeweile ist - zum Beispiel auch die Tochter von Phil Collins.

Ach, was hätte das für ein Film werden können. Das gute, alte Schneewittchenmärchen, erzählt aus Sicht der bösen Stiefmutter - Julia Roberts als missverstandene Königin, die berichtet, wie das wirklich war mit dieser weinerlichen Prinzessin und den verbrecherischen sieben Zwergen. Wie sie Opfer einer Intrige wurde und gar nicht anders konnte, als endlich durchzugreifen gegen die verzogene Göre. Dass sie ja auch nichts dafür kann, wenn die sich an einem Apfel verschluckt, den man ihr doch nur aus Sorge um eventuellen Vitaminmangel geschenkt hat. Das Ganze in surrealen Märchenbildern, vielleicht mit etwas feinem und bösem Humor. Ach!

"Spieglein, Spieglein - Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen" von Tarsem Singh ist nicht dieser Film geworden. Das Schlimme ist aber, dass er erst so tut, als wäre er es. Denn für ein paar Minuten sieht es wirklich so aus, als bekäme man hier mal eine andere Sicht auf den Grimm'schen Klassiker geboten: Roberts, die ankündigt, die wahre Geschichte zu enthüllen und nebenbei ein paar amüsante Beleidigungen in Richtung ihrer blöden Stieftochter faucht. Und Regisseur Singh ("The Fall"), der seinen Ruf als Meister des Visuellen mit wolkigen, gemäldegleichen Einstellungen des magischen Spiegels und des Märchenschlosses untermauert.

Bescheuerter Übernachtungsgast

Das war's dann aber auch. Singh gilt zwar als Optik-Genie, aber nicht gerade als brillanter Geschichtenerzähler (siehe die Action-Katastrophe "Krieg der Götter" aus dem vergangenen Jahr, bzw. siehe nicht!), und den Ruf untermauert er hier. Denn nach dem kurzen Aufflackern von Spaß und Energie wechselt der Film abrupt die Perspektive und schlägt sich lieber auf die Seite von Schneewittchen (Lily Collins). Und, oh Gott, was für eine abgrundtief langweilige Person das hier doch ist. Die Haut wie Schnee, das Haar wie Ebenholz, die Persönlichkeit einer Gießkanne.

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5  Bilder
Märchenfilm "Spieglein, Spieglein": Pretty Woman wird zur hässlichen Stiefmutter

Verschüchtert huscht sie durch den Palast und macht bei jeder Konfrontation mit ihrer Stiefmutter große, traurige Augen, ohne auf die wüsten Beschimpfungen irgendetwas von Belang erwidern zu können. Überhaupt gibt sie nie irgendetwas von Belang von sich. Nicht, wenn sie auf den holden und tatsächlich ziemlich charmanten Prinzen trifft (Armie Hammer, neben Julia Roberts der zweite Lichtblick in diesem filmgewordenen Meer der Finsternis), und schon gar nicht, wenn sie die sieben Zwerge kennenlernt.

Argh, die Zwerge! Fast noch schlimmer als ihr bescheuerter Übernachtungsgast. Als coole gnadenlose Gangsterbande eingeführt, wandeln sie sich schnell zu albernen, aber witzbefreiten Deppen, die immer einen unlustigen Spruch parat haben und bald nichts anderes mehr tun müssen, als Schneewittchen zu versichern, was für eine tolle Gesellschaft sie doch ist. Lüge!

Exzessive Mittelmäßigkeit

Wie das heute üblich ist, darf sich die Heldin in ein paar Kämpfen auch als pseudo-emanzipiertes Riot Girl mit guter Degentechnik profilieren, aber nur um sich am Ende doch immer vom Prinzen oder den Zwergen retten zu lassen, denn eigentlich ist sie ja doch nur ein süßes, kleines Mädchen auf der Suche nach einem Beschützer. Letzteres nimmt man Hauptdarstellerin Collins - ja, die Tochter von Phil - auch ohne weiteres ab, aber sonst wandelt sie so ausdruckslos durch ihre erste richtig große Kinorolle, als interpretiere sie ein spätes Album ihres Vaters für die Leinwand.

Bleiben noch die Bilder. Und die sind nach dem schönen Auftakt auch nicht der große Hit. Die Szenen im Wald wirken oft seltsam farbarm und dunkel, im Schloss gibt es nur wenige Motive, so dass es dort nach einer halben Stunde kaum noch etwas Aufregendes zu entdecken gibt. Da kann auch eine Julia Roberts irgendwann nicht mehr gegen anspielen.

Vielleicht sind das alles unfaire Vorwürfe gegenüber einem Film, der vielleicht nicht mehr sein will als ein harmloser Zeitvertreib für junge Mädchen und der sich als solcher vielleicht nur exzessiver Mittelmäßigkeit schuldig macht.

Es ist nur so verdammt schade drum.


Spieglein, Spieglein - Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen. Start: 5.4. Regie: Tarsem Singh. Mit Lily Collins, Julia Roberts, Armie Hammer.

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    Seite 1    
1. WAS für Augenbrauen....
gehdoch 05.04.2012
Zitat von sysopSTUDIOCANALDie wirklich lahme Geschichte von Schneewittchen: Die Märchen-Verfilmung "Spieglein, Spieglein" hat mit Julia Roberts eine tolle böse Stiefmutter zu bieten. Hilft aber nichts, wenn alles drum herum von schockierender Langeweile ist - zum Beispiel auch die Tochter von Phil Collins. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,825719,00.html
Kann mal jemand dem regisseur sagen, dass er gut daran getan hätte, der Collins mal die AugenBRAUEN zu stutzen lassen??? Die sieht in dem Film aus wie die infantile Schwester von Baby aus "Dirty Dancing" Puh....
2. öde(r) Collins
Mo2 05.04.2012
Zitat von sysopSTUDIOCANALDie wirklich lahme Geschichte von Schneewittchen: Die Märchen-Verfilmung "Spieglein, Spieglein" hat mit Julia Roberts eine tolle böse Stiefmutter zu bieten. Hilft aber nichts, wenn alles drum herum von schockierender Langeweile ist - zum Beispiel auch die Tochter von Phil Collins. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,825719,00.html
Der Apfel fällt halt nicht weit vom Stamm ;-)
3. ..
PrettyHateMachine 05.04.2012
Zitat von gehdochKann mal jemand dem regisseur sagen, dass er gut daran getan hätte, der Collins mal die AugenBRAUEN zu stutzen lassen??? Die sieht in dem Film aus wie die infantile Schwester von Baby aus "Dirty Dancing" Puh....
Habe mir sagen lassen müssen, daß man das diese Saison so trägt; die Damen sind des Zupfens müde :-( Wenn der Film mit der Roberts nix is', warten wir eben auf Snow White and the Huntsman mit der Theron als Königin, das wird auf alle Fälle heiß ;-) Snow White And The Huntsman - Official Trailer [HD] - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=WXb6l9Dzo14)
4.
Oback_Barama 05.04.2012
Kann sein dass der Autor hier seine Abneigung gegenüber den Vater auf die Tochter überträgt? So scheint es mir. Da unter bestimmten Kritiker-Kreisen, die sich selbst für obercool, rebelisch, alternativ, independent und so weiter ...halten, Phill Collins als die absolute Verkörperung des Normalen, des Lagweiligen gilt. Und deswegen, so soll auch seine Tochter sein, jedenfalls hört man diesen Ton das aus dem Artikel heraus. Und was erwartet man von dieser Geschichte vom "Schneewittchen"? Welche andere Sicht? Dass vielleicht das Schneewitchen eine rotzfreche Göre ist die es mit den sieben Zwergen treibt, als emanziperte "starke Frau" den blöden Prinzen zurückweist, selber ohne die Hilfe des Prinzen, die böse Stiefmutter die eigentlich eine jähzörnige eifersüchtige Alkoholikerin ist, besiegt, und dann wird gefeiert mit der Musik von Sex Pistols? Und das ganze spielt sich nicht in irgendeinem Wald, sondern in Berlin-Marzahn ab. O.K. dann sollte die böse Stiefmutter von Courtney Love und das Schneewittchen von Charlote Roche gespielt werden. Und das Scheewitchen zittiert in dem ganzen Film die Passagen aus "Feuchtgebieten", während Courtney Love die ganze Zeit kifft. "Spieglein Spieglein - Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen"...ist der blöde deutsche Titel, der suggeriert dass der Film anders sein soll, was ausgeflipptes oder so ähnlich. Ist er aber nicht und ist auch nicht gedacht worden. Im Original heißt der Film "Mirror Mirror" und ist offensichtlich als ein bunter, farbenfroher Familienfilm gedacht worden und nicht als irgendeiner schräge alternative Version von Schneewittchen. Apropos alternativ. Es gab bereits in den 90-er Jahre eine quasi Horror-Version von SW mit Sigourney Weaver und so eine neue, mit dem jetzt trendy unvermeidlichen graublauen "gothic look" kommt auch noch in diesem Jahr in Kinos, mit Charlize Teron und Kristen Stewart.
5. Spätestens dann,
Mr.Slytherin 05.04.2012
wenn innerhalb von nur 2 Monaten gleich 2 neue Schneewittchen-Verfilmungen in die Kinos kommen, spürt man so richtig die Ideenlosigkeit, die sich im einst so großen und angesehenen Hollywood breitgemacht hat. ;o( 05. April 2012: Spieglein Spieglein 31. Mai 2012: Schneewittchen und der Jäger Na, dann viel Vergnügen...
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