Alzheimer-Film "Still Alice" Warum nicht einfach Krebs?

Dann soll doch lieber ein Tumor meinen Körper zerfressen! Ihre Rolle als Professorin mit Alzheimer bescherte Julianne Moore ihren ersten Oscar. Zu Recht. Ihr Auftritt macht "Still Alice" zum großen Film.

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Der Film ist noch nicht alt, und Alice Howland hat soeben eine wichtige Essenseinladung verschwitzt, da stellt sie ihrem Mann eine rhetorische Frage, trotzig vor Selbstmitleid: "Warum konnte ich nicht einfach Krebs bekommen?" Da trügen die Menschen, so schickt sie hinterher, wenigstens rosafarbene Schleifen für einen, sammelten Spenden, veranstalteten Charity-Läufe. Und sie selbst wäre frei von dieser Scham.

Alice Howland, Linguistikprofessorin an der New Yorker Columbia University, Mutter von drei erwachsenen Kindern und oscarprämiert gespielt von Julianne Moore, hat aber keinen Krebs. Kurz nach dem 50. Geburtstag wird bei ihr eine seltene, tückisch früh auftretende Form von Alzheimer diagnostiziert. Die Krankheit wird ihre Persönlichkeit Tag für Tag ein bisschen mehr zersetzen.

Jede Verabredung birgt fortan die Gefahr, sich zu blamieren. Namen, Wörter, Erinnerungen: Sie entgleiten Howland, langsam, aber unaufhaltsam. Anfangs zeigen sich bloß Zerstreutheiten, von den Mitmenschen kaum bemerkt, nachsichtig belächelt. Simple Wörter fallen Howland nicht ein, beim Joggen im vertrauten Uni-Viertel verliert sie die Orientierung, ein Nebel aus Unschärfe umgibt sie dann im Film.

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"Still Alice": Der Weg ins Vergessen
Auf sehenswerte Weise beklemmend

Das Drama "Still Alice" basiert auf dem gleichnamigen Roman der US-amerikanischen Neurowissenschaftlerin Lisa Genova. Die Verantwortung fürs Gelingen der Verfilmung legt das Regie-Duo Richard Glatzer und Wash Westmoreland in die Hände von Julianne Moore; besser gesagt in ihre Gesten und Gesichtszüge. Und macht damit alles richtig. Die Geschichte, in weiten Teilen so wohlgeordnet und vorhersehbar wie unausweichlich, wird eindrucksvoll getragen von ihrem Spiel.

Wie Alice im Laufe der 100 Minuten langsam die Kontrolle einbüßt, wie aus einer betonfest im Leben stehenden Frau nach und nach ein überfordertes, zerbrechliches Wesen wird, das ist auf sehenswerte Weise beklemmend. Die Kamera klebt an Moore, begleitet sie in unaufgeregt langen Einstellungen, gibt zuweilen gar das übliche Wechselspiel aus Schuss und Gegenschuss beim Dialog auf, um ganz bei ihr zu bleiben.

Wie zuletzt schon als überspannte Diva in David Cronenbergs plakativer Hollywood-Satire "Maps to the Stars" gelingt es Julianne Moore auch in "Still Alice", einen Film durch ihr uneitles Spiel aufzuwerten, ihm mehr Tiefe zu verleihen, als das Drehbuch vorgesehen hat.

So sehr Julianne Moore im Mittelpunkt des Films steht, so treffend besetzt sind die Nebenrollen. Alec Baldwin gibt den Ehemann als warmherzigen Bären, dessen Schwur, stets für seine Frau da zu sein, mehr und mehr der Wunsch entgegenwächst, die eigene Karriere voranzutreiben. Kate Bosworth (ehrgeizige Juristin), Hunter Parrish (sprunghafter Arzt) und Kristen Stewart (chronisch klamme Schauspielerin) bilden als Geschwister ein etwas zu gewollt gegensätzliches Trio, doch die dramaturgisch wichtigen Reibereien innerhalb der Familie sind so wenigstens programmiert.

Wenn die Mutter nicht mehr die Tochter erkennt

Natürlich belastet die fatale Diagnose Alice Howlands Kinder ähnlich stark wie sie selbst, zumal es sich um eine erbliche Form von Alzheimer handelt. Wer will selbst erfahren, ob er den Gendefekt in sich trägt? Und wie ist umzugehen mit der Mutter, die bald die eigene Tochter nicht mehr erkennt und auf der Suche nach der Toilette in die Hose nässt? Letztlich scheint die im Filmtitel bereits anklingende Frage immerzu durch: Sehen sie noch Alice in der immer verwirrter werdenden Frau?

Dass mit Alice Howland jemand Intellekt und Sprache einbüßt, für den Kommunikation einen elementaren Lebensinhalt bildet, und dass sie sich selbst dabei zusehen muss, darin liegt die Brisanz des Stoffes. Je höher das Bildungsniveau, so erklärt im Film der behandelnde Neurologe, desto schneller schreite die Krankheit voran. Howlands Stottern, ihr Ringen nach Worten, wo zuvor elaborierter Ausdruck stand, die eigene Verzweiflung darüber, und wie die Familie schließlich beginnt, in Gegenwart der Mutter in der dritten Person über sie zu reden - Momente von leiser Grausamkeit, die berühren, und die zugleich effektvoller sind als manche lauten, mitunter allzu theatralischen in diesem Film.

Nach vier Nominierungen wurde Julianne Moore vor wenigen Tagen für "Still Alice" erstmals mit dem Oscar geadelt, fraglos verdient. Wobei sie zuvor schon gewonnen hatte, was für eine Schauspielerin zu gewinnen ist: Golden Globes, BAFTA Award und Emmy, Coppa Volpi und Silberner Bär, im vergangenen Jahr erst der Preis für die beste Darstellerin in Cannes. Und das Publikum darf sich freuen, mit 54 Jahren ist die große Charakterdarstellerin gerade einmal im Spätsommer ihres Schaffens.

Still Alice

USA 2014

Regie: Richard Glatzer, Wash Westmoreland

Buch: Richard Glatzer, Wash Westmoreland, basierend auf Lisa Genova

Darsteller: Julianne Moore, Alec Baldwin, Kristen Stewart, Kate Bosworth, Shane McRae, Hunter Parrish, Seth Gilliam, Victoria Cartagena

Produktion: Killer Films, Big Indie Pictures

Verleih:polyband Medien

Länge: 101 Minuten

Start: 5. März 2015

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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
Hupert 05.03.2015
1. Eine Schande...
...das der Film, aufgrund der gleichen Thematik, letztens erst mit dem Schweigermachwerk "Honig im Kopf" verglichen wurde.
GustavLecter 05.03.2015
2. Peinliche Lobhudelei....
Alzheimer ist ein äusserst ernstes Thema und so sind mit Recht in den letzten zwei Jahren einige erstklassige, erfolgreiche Filme über das Thema erschienen. Da ich das Thema aus der eigenen Familie kenne, habe ich diese alle gesehen. "Still Alice" ist der mit Abstand schwächste dieser Filme, sicher nicht wegen, sondern trotz der Leistung von Julianna Moore. Bei vielen der übergangslos aneinander gereihten Szenen erhält man erst an deren Ende einen Hinweis darauf, wie viel später diese spielte als die ihr vorhergehende. Ich habe nachgefragt, weil ich sicher sein wollte, dass ich nicht als einziger diesen Eindruck hatte... Bei einem Thema, bei dem Zeit eine extrem wichtige Rolle spielt, könnte man wie bei vielen anderemn Filmen einfach eine Art Datum zu Beginn eines neuen Abschnitts einblenden. Denn jede neue Stufe der Krankheit leitet einen neuen, gänzlich anderen Abschnitt ein. Der französiche "L'Amour" mit Trintingant ist immer noch der unerreicht beste der ganze Reihe....
juliadreblow 05.03.2015
3. Eine Schande...
zu sagen, "Hätte ich nicht lieber Krebs haben können". Zwei Krankheiten, die man überhaupt nicht vergleichen kann. Die Spendensammler mit den rosanen Schleifchen nützen einem auch nichts, wenn die Bombe zB im Kopf tickt. Mit einem Hirntumor verliert man, je nach Art und Lage, auch sprachliche Fähigkeiten, Orientierungssinn und büßt einiges an körperlicher Agilität ein.
roalina 05.03.2015
4. Lieber Krebs?
Wenn man eine solche Diagnose bekommt, ist das natürlich entsetzlich. Auch der Verlauf von Alzheimer in so einem doch relativ frühen Alter ist extrem belastend, natürlich am meisten für den Betroffenen und auch den Angehörigen. Dennoch gibt es dann Diagnosen, wo man doch, wenn es schon sein muss, Alzheimer hätte. Meine Frau ist an einem Hirntumor (glioblastom) erkrankt. Ziemlich ähnliche Symptome, nur noch einhergehend mit einer unglaublichen Persönlichkeitsveränderung, plus zunehmender physischen Verfall und Entsetzlichen Nebenwirkungen der Chemo- und Strahlentherapie und auch mit dem Hintergrund zu wissen, dass die Restlebenszeit äußerst begrenzt ist. Deshalb sollte man mit solchen Vergleichen etwas vorsichtiger sein.
spiegelguru 05.03.2015
5. Filme über Alzheimer
kannste vergessen
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