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12. November 2013, 10:15 Uhr

Prostitutionsdrama "Jung & schön"

17 Jahre, keine Träume

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Sie und ich: In seinem Drama "Jung & schön" zeigt François Ozon das Doppelleben einer 17-Jährigen, als Schülerin und als Prostituierte. Ein Update von Buñuels Skandalfilm "Belle de Jour", das verstörend frei von moralischen Abwägungen ist.

Auf einmal steht sie auf und geht. Zumindest ein Teil von ihr. Und das ganz wörtlich: Während auf dem Körper Isabelle (Marine Vacth) ein junger Mann rumrutscht, trennt sich ein Teil von ihr ab und schaut traurig auf das stöhnende Selbst im Sand. Am nächsten Tag feiert das Mädchen mit ihren Eltern den 17. Geburtstag. War das jetzt die geile Zeit, die immer wieder in Teenagerliedern besungen wird?

Der französische Regisseur François Ozon inszeniert in seinem neuen Film "Jung & schön", einer ungeheuerlichen Mischung aus Entwicklungsroman und Prostitutionsdrama, den ersten Sex als stillen Abspaltungsprozess. Die Wellen an der nächtlichen Côte d'Azur plätschern leise, auf einmal sind aus einem Mädchen zwei Frauen geworden.

Wenig später begegnet der Zuschauer der Filmheldin im herbstlichen Paris. Doch um welche der beiden Isabelles handelt es sich? Die echte oder die abgespaltene? Und überhaupt: Woran erkennt man, wer die eine und wer die andere ist? In Jeans und Parka ist Isabelle auf dem Weg von der Schule zu einem teuren Hotel; bevor sie an ein anonymes Hotelzimmer klopft, steigt sie in einen engen Businessdress.

Langeweile oder abgründiges Verlangen?

Isabelle schläft jetzt gegen Geld mit Männern. Mit freundlichen und unfreundlichen, mit verheirateten und unverheirateten, mit gewaschenen und ungewaschenen. Sie lächelt stets professionell; ganz bei sich scheint sie vor allem zu sein, wenn sie nach tadellos erledigtem Job über die drei Hunderter streicht, die ein Treffen mit ihr kosten. Dabei ist wirtschaftliche Not, so viel steht fest, nicht die Motivation für die Akademikertochter, anschaffen zu gehen.

Da erinnert Isabelle an die Hauptfigur aus Luis Buñuels Skandalfilm "Belle de Jour" von 1967. In dem surrealistisch angehauchten Bürgerdrama spielt Catherine Deneuve eine Arztgattin, die in der Prostitution ihre Erfüllung zu finden scheint. Ozons "Jung & schön" ist ein reflektiertes Update des Klassikers, einzelne Kameraeinstellungen sind identisch (siehe Bildgalerie). Die zentrale Szene: Die Heldinnen liegen in beiden Filmen mit nackten Schultern auf dem Bett und werfen ihrem Gegenüber einen selbstbewussten Blick zu, der suggeriert, dass sie das Geschehen im Griff haben, dass sie nicht nur Objekt der Begierde sind, sondern auch Handelnde.

Aber haben die beiden Frauen damit recht? Buñuel und Ozon beantworten diese Frage nicht eindeutig. Und sie erklären auch nicht eindeutig, was die Protagonistinnen eigentlich zur Prostitution bringt. Pure Langeweile? Antibürgerliches Aufbegehren? Die Hoffnung auf Spiegelung, also die Wahrnehmung von sich selbst im Begehren des Gegenübers? Oder der Glaube an die Fähigkeit, den Blick des Mannes lenken zu können und so Macht über ihn zu erlangen? Alle Lesarten sind möglich.

Männliches Begehren in allen Facetten

Buñuels Film entwickelte seine provokante Strahlkraft im Resonanzraum des Katholizismus' und der restriktiven Prostitutionsgesetze im Frankreich der sechziger Jahre; in Ozons Version findet die Heldin zwischen Internetpornografie und universaler medialer Sexualisierung des weiblichen Seins zum Escort-Job. Ihre Geschäfte regelt sie via Handy auf einer eigenen Seite, die sie gestaltet hat wie Gleichaltrige ihren Facebook-Eintrag.

In Frankreich wurde über "Jung & schön" kontrovers debattiert. Der Film fällt in eine Art Kulturkampf zum Thema Prostitution. Ein Gesetzentwurf sieht vor, den Besuch von Prostituierten strafrechtlich zu verfolgen. Geplante Geldbuße: 1500 Euro. Dagegen haben im Oktober prominente Intellektuelle in der Zeitschrift "Causeur" mobilgemacht. Provokant fordern sie: "Hände weg von meiner Hure!" Feministinnen wiederum kontern ebenso scharf. Das Magazin "Causette" etwa lieferte gleich 55 Punkte gegen den käuflichen Sex. Zum Beispiel: "Weil 80 bis 90 Prozent der Prostituierten heute Ausländerinnen sind, weil 90 Prozent der Gewalt gegen Prostituierte von ihren Kunden ausgeübt wird."

In diese aufgeladene Atmosphäre platzt nun Ozons Prostitutionsdrama. Als Debattenbeitrag aber lässt sich "Jung & schön" nicht instrumentalisieren, da er auf eine eindeutige moralische Einordnung verzichtet. Umso mehr brachte Ozon mit seinem Film Kritiker gegen sich auf: Nimmt er denn nicht durch den undramatisch in Szene gesetzten, klandestinen Alltag einer 17-jährigen Prostituierten (verkörpert von der immerhin 23-jährigen Vacth) eine Legitimierung von Unzucht mit Minderjährigen vor? Zumal das Mädchen auch noch ein warmherziges Verhältnis zu einem ihrer älteren Kunden entwickelt. Gibt Ozon gar den Anwalt für Sugardaddys?

Wohl kaum. Über weite Strecken ist sein Film schwer konsumierbar. Der offen schwule Regisseur leuchtet kühl und explizit heterosexuelles männliches Begehren in all seinen Facetten aus. Manchmal zeigt er echte Zärtlichkeiten, vor allem aber Voyeurismus, Sadismus, Masochismus und allerlei andere abenteuerliche bis abstoßende Techniken innerhalb des großen männlichen Triebabfuhrtheaters. Einige Szenen erinnern an Pornos - schlicht und einfach deshalb, weil Männer eben häufig beim Akt das kopieren, was sie in Pornos gesehen haben. Der Blick von Ozon aber bleibt unpornografisch. Er soll nicht stimulieren.

"Jung & schön" handelt von einer jungen Frau, die für Geld die Phantasien von Männern nachstellt. Wer darin eine Idealisierung der Prostitution sieht, sollte noch mal sein Verständnis von Sexualität überdenken.

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