Kultur

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Manifest von Filmschaffenden

Warum ein feministischer Film nötig ist

Macht! Geld! Sex! Bessere "Tatorte"! In einem Katalog formulieren junge weibliche Filmschaffende ihre Forderungen für eine Neuausrichtung des deutschen Kinos.

rbb/ Reiner Bajo

Schluss damit! Frauenleiche in der "Tatort"-Folge "Meta"

Freitag, 03.08.2018   10:01 Uhr

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Im Rahmen des Mentoring-Programms "Into the Wild" fanden sich im vergangenen Jahr 17 weibliche Studierende von deutschen Filmschulen zusammen, um gemeinsam Stoffe zu entwickeln und unter Anleitung von Mentorinnen wie Schauspielerin Maria Furtwängler oder Medienboard-Chefin Kirsten Niehuus ihre Umsetzung zu sichern. Das Motto des Programms in Anspielung auf Joseph Campbell ist: Was den meisten Heldenreisen fehlt, ist die Heldin.

Initiiert von Regisseurin Isabell Suba ("Männer zeigen Filme, Frauen ihre Brüste") entstand so gleichzeitig ein feministisches Netzwerk, das seine Forderungen in einem Katalog namens Femifesto festgehalten hat. Erstmalig beim Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken präsentiert, dokumentieren wir hier die elf Forderungen der "Into the Wild"-Teilnehmerinnen.

"Als Filmemacherinnen, Autorinnen, Regisseurinnen, Kamerafrauen und Produzentinnen fordern wir die existierenden Strukturen heraus - im Film sowie im Leben. In einer Gesellschaft, in der es noch immer keine Gleichstellung von Frau und Mann gibt, ist Feminismus zwingend notwendig. Sein Ziel ist eine grundsätzliche Gleichberechtigung aller Gruppen oder Individuen.

Der Feminismus kommt nicht nur den Frauen, sondern dem Wert unseres Zusammenlebens zugute. Gleichberechtigung beginnt im Diskurs. Film ist Diskurs. Wir begreifen Film als ein Mittel, Denken und Gesellschaft zu verändern. Daher ist ein neuer, ein feministischer Film nötig.

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Wir fordern:

1. Macht! Mehr Frauen in den kreativen, ökonomischen und institutionellen Führungspositionen.

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2. Geld! Transparenz von Gehältern: Wenn es so schwierig ist, Frauen und Männer gleich zu bezahlen, helfen wir gern dabei, die 30 Prozent dazuzurechnen.

3. Sex! Und seine Konsequenzen: Kinderbetreuung in allen Phasen der Produktion.

4. Männer! Filme mit Frauen sind nicht automatisch "Frauenfilme". Sich mit Frauen zu identifizieren, schadet nicht der Männlichkeit!

5. Wahrheit! Die prägenden Geschichten unserer Welt dürfen nicht länger nur von Männern handeln und erzählt werden.

6. Neue Narrative! Raus aus der Steinzeit der tradierten Rollenzuschreibungen. Diversere Bilder von Frauen im Film und Perspektiven von Frauen auf die Welt.

7. Neue Heldinnen! Frauen über 50 Jahre und 50 Kilo in Hauptrollen. Diese Frauen müssen weder hysterisch, noch todkrank oder schwanger sein.

8. Bessere Verführung! Frauen tauchen nie wieder in Putzmittelwerbung, Haarentfernungsvideos oder Champagnergläsern auf.

9. Bessere 'Tatorte'! Nur noch nackte männliche Leichen unterm Messer und Kommissarinnen, die mit mehr als ihrer Intuition ermitteln.

10. Schluss mit der Unterforderung! Unser Publikum braucht im Kino keine Ladies Night und keinen Prosecco.

11. Und jetzt alle! Zur Einübung des Umdenkens: Keine nackten Frauen mehr im Film ohne Eigenschaften und Aufgaben.

Die Zeit ist reif für den feministischen Film in all seinen Facetten! Wir verlangen von der Politik, von den Fördergremien, von den Produktionsfirmen, den Verleihern und den Kinobetreibern, dass diese Filme entstehen können. Genau wie wir ist die Filmbranche in der Pflicht. Sie muss weibliche Talente ausbilden und groß herausbringen.

Wenn das nächste Mal eine Regisseurin für eine Großproduktion gesucht wird oder eine Leiterin für die Berlinale, darf nicht Ratlosigkeit herrschen, sondern muss die Auswahl schwer fallen. Wir schaffen neue Freiräume im Denken und Handeln. Wir unterstützen uns bei der Arbeit und knüpfen solidarische Netze statt nur Netzwerke. Wenn Frauen nicht ins System passen, muss das System abgeschafft werden.

Der feministische Film führt das Kino an den Ort, für den es gemacht ist: Into the Wild!"

Die Unterzeichnerinnen: Jenny Alten, Udita Bhargava, Julia Charakter, Stephanie Englert, Emma Gräf, Anna Koch, Laura Laabs, Janett Lederer, Julia Lemke, Katja Rivas Pinzon, Charlotte Rolfes, Isabell Suba, Lilli Tautfest, Julia Urban, Melanie Waelde, Sarah Winkenstette

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