Manifest von Filmschaffenden Warum ein feministischer Film nötig ist

Macht! Geld! Sex! Bessere "Tatorte"! In einem Katalog formulieren junge weibliche Filmschaffende ihre Forderungen für eine Neuausrichtung des deutschen Kinos.

Schluss damit! Frauenleiche in der "Tatort"-Folge "Meta"
rbb/ Reiner Bajo

Schluss damit! Frauenleiche in der "Tatort"-Folge "Meta"


Zur Debatte
    #MeToo und dramatische Einbrüche bei den Zuschauerzahlen haben die deutsche Filmbranche verunsichert. Was muss sich ändern? Wie kann das Publikum besser erreicht werden? Wie können die Arbeitsbedingungen verbessert werden, damit Kreativität mehr Raum hat und Missbrauch verhindert wird? In loser Folge veröffentlichen wir an dieser Stelle Gastbeiträge aus der Branche mit konkreten Reformvorschlägen. Bisher erschienen: "Macht und Missbrauch an Filmsets: Wie wir neues Vertrauen schaffen können" von Jan Krüger

Im Rahmen des Mentoring-Programms "Into the Wild" fanden sich im vergangenen Jahr 17 weibliche Studierende von deutschen Filmschulen zusammen, um gemeinsam Stoffe zu entwickeln und unter Anleitung von Mentorinnen wie Schauspielerin Maria Furtwängler oder Medienboard-Chefin Kirsten Niehuus ihre Umsetzung zu sichern. Das Motto des Programms in Anspielung auf Joseph Campbell ist: Was den meisten Heldenreisen fehlt, ist die Heldin.

Initiiert von Regisseurin Isabell Suba ("Männer zeigen Filme, Frauen ihre Brüste") entstand so gleichzeitig ein feministisches Netzwerk, das seine Forderungen in einem Katalog namens Femifesto festgehalten hat. Erstmalig beim Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken präsentiert, dokumentieren wir hier die elf Forderungen der "Into the Wild"-Teilnehmerinnen.

"Als Filmemacherinnen, Autorinnen, Regisseurinnen, Kamerafrauen und Produzentinnen fordern wir die existierenden Strukturen heraus - im Film sowie im Leben. In einer Gesellschaft, in der es noch immer keine Gleichstellung von Frau und Mann gibt, ist Feminismus zwingend notwendig. Sein Ziel ist eine grundsätzliche Gleichberechtigung aller Gruppen oder Individuen.

Der Feminismus kommt nicht nur den Frauen, sondern dem Wert unseres Zusammenlebens zugute. Gleichberechtigung beginnt im Diskurs. Film ist Diskurs. Wir begreifen Film als ein Mittel, Denken und Gesellschaft zu verändern. Daher ist ein neuer, ein feministischer Film nötig.

Wir fordern:

1. Macht! Mehr Frauen in den kreativen, ökonomischen und institutionellen Führungspositionen.

2. Geld! Transparenz von Gehältern: Wenn es so schwierig ist, Frauen und Männer gleich zu bezahlen, helfen wir gern dabei, die 30 Prozent dazuzurechnen.

3. Sex! Und seine Konsequenzen: Kinderbetreuung in allen Phasen der Produktion.

4. Männer! Filme mit Frauen sind nicht automatisch "Frauenfilme". Sich mit Frauen zu identifizieren, schadet nicht der Männlichkeit!

5. Wahrheit! Die prägenden Geschichten unserer Welt dürfen nicht länger nur von Männern handeln und erzählt werden.

6. Neue Narrative! Raus aus der Steinzeit der tradierten Rollenzuschreibungen. Diversere Bilder von Frauen im Film und Perspektiven von Frauen auf die Welt.

7. Neue Heldinnen! Frauen über 50 Jahre und 50 Kilo in Hauptrollen. Diese Frauen müssen weder hysterisch, noch todkrank oder schwanger sein.

8. Bessere Verführung! Frauen tauchen nie wieder in Putzmittelwerbung, Haarentfernungsvideos oder Champagnergläsern auf.

9. Bessere 'Tatorte'! Nur noch nackte männliche Leichen unterm Messer und Kommissarinnen, die mit mehr als ihrer Intuition ermitteln.

10. Schluss mit der Unterforderung! Unser Publikum braucht im Kino keine Ladies Night und keinen Prosecco.

11. Und jetzt alle! Zur Einübung des Umdenkens: Keine nackten Frauen mehr im Film ohne Eigenschaften und Aufgaben.

Die Zeit ist reif für den feministischen Film in all seinen Facetten! Wir verlangen von der Politik, von den Fördergremien, von den Produktionsfirmen, den Verleihern und den Kinobetreibern, dass diese Filme entstehen können. Genau wie wir ist die Filmbranche in der Pflicht. Sie muss weibliche Talente ausbilden und groß herausbringen.

Wenn das nächste Mal eine Regisseurin für eine Großproduktion gesucht wird oder eine Leiterin für die Berlinale, darf nicht Ratlosigkeit herrschen, sondern muss die Auswahl schwer fallen. Wir schaffen neue Freiräume im Denken und Handeln. Wir unterstützen uns bei der Arbeit und knüpfen solidarische Netze statt nur Netzwerke. Wenn Frauen nicht ins System passen, muss das System abgeschafft werden.

Der feministische Film führt das Kino an den Ort, für den es gemacht ist: Into the Wild!"

Die Unterzeichnerinnen: Jenny Alten, Udita Bhargava, Julia Charakter, Stephanie Englert, Emma Gräf, Anna Koch, Laura Laabs, Janett Lederer, Julia Lemke, Katja Rivas Pinzon, Charlotte Rolfes, Isabell Suba, Lilli Tautfest, Julia Urban, Melanie Waelde, Sarah Winkenstette



insgesamt 22 Beiträge
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Nordstadtbewohner 03.08.2018
1. Die staatliche Filmstruktur ist das Problem
Die Produktion von Kinofilmen erfolgt in Deutschland maßgeblich über staatliche Strukturen und die Finanzierung erfolgt häufig über öffentliche Mittel wie die der "Filmförderung" und öffentlich-rechtliche Sendeanstalten. Im Gegensatz dazu schaue man mal in die USA. Dort ist die Filmwirtschaft privat. Dort werden Filme nach dem Prinzip Angebot und Nachfrage produziert. So gibt es zu den Ocean´s Eleven (nur Männerprotagonisten) einen weiblichen Konterpart: Ocean´s Twelve mit weiblichen Darstellerinnen, die ihren männlichen nichts nachstehen. Die hier im Artikel durch weibliche Filmschaffende postulierten Forderungen stehen aber für genau das Gegenteil von Angebot und Nachfrage. Denn sie wollen eigentlich nur eins und zwar dass noch mehr öffentliche Gelder im deutschen Filmbetrieb versenkt werden und das natürlich mit garantiert weiblichen Protagonisten. Das wird nicht funktionieren, denn dann werden Filme produziert, die sich kaum noch jemand anschaut. Dann wird es eventuell vielen wie mir gehen: ich schaue mir keine/ kaum noch deutsche Produktionen an, dafür amerikanische, britische und französische. Dort schafft man es, Filme zu produzieren (vor allem in den USA), in denen es keine Quoten für schlechte weibliche Filmschaffende gibt und die nicht ständig die Feminismusschiene bedienen müssen, obwohl sie gute Frauenrollen haben.
Outdated 03.08.2018
2. tragt mich zur Jagd!
anstatt zu fordern sollten dann die jewiligen Personen einfach mal anfangen zu machen. Was ist so schwer daran? Es war jedenfalls nie einfacher. Geschichten erzählen kostet kein Geld und wessen Formate, z.B: auf youtube erfolg haben bei dem klappts dann auch mit den Investoren. und wenns nicht klappt? nun niemand hat ein Anrecht auf Erfolg.
kumi-ori 03.08.2018
3. Dann macht doch einfach!
Die meisten der hier genannten Forderungen können Frauen am besten dadurch durchsetzen, dass sie einfach selbst das tun, was sie hier auflisten, und entsprechende Filme eben drehen. Da ca. die Hälfte des Publikums weiblich ist, können sie auf eine adäquate Marktmacht setzen und durch Qualität überzeugen. In der Tat fällt mir als wenig Film-affinen Durchschnittskonsument jetzt (außer Leni Riefenstahl und Margarete von Trotta) keine weibliche Film Schaffende abseits von Schauspielerinnen und Maskenbildnerinnen ein. Ich warte. Das mit der Kinderbetreuung ist ein gesamtpolitisches Problem, das nicht nur die Filmindustrie betrifft. Der Gesetzgeber schmückt sich hier mit hohen Standards, macht sich dann aber bei der Umsetzung einen schlanken Fuß und überlässt die Kosten und den Organisationsaufwand dann den nachgeordneten Institutionen (Kommunen) und den Arbeitgebern. Hier trifft es hart, dass in der Filmbranche die Aktiven überwiegend nicht fest angestellt sind. Hier bräuchte es neue Ideen (auch für andere Tätigkeitsfelder), aber an diesem ganz großen Rad versuchen die Leute schon seit Jahrzehnten zu drehen. Problem: einer muss zahlen, eine sehr undankbare Position. Was die Rolle von Frauen in den Handlungen der Filme angeht, glaube ich, dass das Verhältnis der Geschlechter inzwischen sehr ausgewogen ist. Auch die Rolle von Frauen in bestimmten Lebenssituationen (Frauen nackt, Frauen auf dem Seziertisch, Frauen in Führungspositionen) kommt inzwischen in den Filmen prozentual genauso häufig vor, wie bei Männern, wobei im Zuge der Neuen Prüderie heute generell weniger natürlicher Körper gezeigt wird als früher. Was das Gehalt angeht: dazu gehören zwei. Das Problem ist nicht, dass Männer zuwenig Gehalt zahlen, sondern, dass Frauen zuwenig Gehalt verlangen. Wurde schon oft nachgewiesen. Also selber fordern und nicht warten, dass es auf den Bäumen wächst. Einige Forderungen betreffen die Kompetenzen anderer Branchen. Wenn das Publikum sich von Frauen eher für Putzmittel und von Männern eher für Lebensversicherungen erwärmen lässt, dann hat da der neue feministische Film den Herstellern der Produkte nichts drein zu reden. Procter und Gamble schreibt der Filmindustrie schließlich auch nicht vor, wieviele Brüste sie zu zeigen haben. Und Proseccos und Ladies Nights sind für die darbenden Kinobetreiber sicher wichtige Einnahme-Quellen. Dreht ihr mal interessante Filme, dann wird das kein Problem mehr sein. Übrigens: die analytisch denkende Tatortkommissarin gab es bereits vor 60 Jahren mit Margarete Rutherford.
Maurer 03.08.2018
4. Und dreht endlich Drei Engel für Charlene
mit verdrehten Geschlechtern. 3 toughe (männliche) Hauptakteure, eine leicht dümmliche Koordinatorin aka Bosley und der Stimme von Grace Jones als Charlene Ghostbusters war ja auch so ein Megahit mit weiblichen Hauptrollen.
2laky 03.08.2018
5. Amateurfilm und Frauen
Man sollte sich als Feminist mal die Amateurfilmszene anschauen und überlegen woran dort die geschlechtlichen Diskrepanzen liegen. Da können es nicht die Machtstrukturen und Geldgebervorbehalte sein, die Frauen daran hindern eine größere Rolle zu spielen. Dort sind es schlicht das mengenmäßige Ungleichgewicht von Menschen die sich dafür interessieren und bereit sind Zeit und Arbeit zu investieren. Ja, die Kultur muss sich ändern, aber möglicherweise ist es die weibliche Kultur und nicht die männliche, die ein Update in modernere Zeiten benötigt. Diesen Wechsel können aber nicht Männer anstoßen, sondern nur Frauen. Wenn es einen echten Unterschied zwischen der geschlechterverältnisse zwischen den Amateurfilmschaffenden und den Profis gibt, erst dann ist es sinnvoll spezielle Förderstrukturen in der Filmindustrie zu etablieren, denn ohne eine entsprechende Menge an Frauen, die die wichtigen Posten anstreben, besteht die Gefahr, dass durch die Förderung eine Qualitätsschere entsteht, welche Vorurteile gegen weibliche Produzenten, Autoren und Regisseure (usw) schürt, statt die Rolle der Frau zur verdienten Gleichberechtigung aufzuwerten.
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