Blockbuster "Jupiter Ascending" Das Spektakel-Debakel

Mit "The Matrix" und "Cloud Atlas" wurden die Geschwister Wachowski berühmt. Doch ihr neuer Film, das Sci-Fi-Epos "Jupiter Ascending", ist grandios gescheitert.

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Lana und Andy Wachowski, dieses ungewöhnliche Geschwisterpaar des amerikanischen Kinos, gehören zu den mutigsten Filmemachern ihrer Generation. Nicht nur, dass sie sich abseits von Hollywoods Blockbuster-Massenware am Effekte- und Actionkino versuchen, sie haben noch dazu eine klare, zutiefst humanistische Botschaft: In ihren Filmen geht es immer wieder um den Wert der Freiheit des Einzelnen, um Ausbeutung, um Individualismus und Selbstbestimmung in Systemen, religiösen wie politischen, die auf Gleichschaltung ausgelegt sind. Wie Leitfäden ziehen sich diese Motive durch die Science-Fiction-Philosophie und Esoterik von "The Matrix" über "Cloud Atlas" bis zum neuen Spektakel "Jupiter Ascending".

Die Wachowskis haben die Vision eines politischen Fantasy-Kinos, und bisher hatten sie stets auch die Mittel, ihre Vorstellungen auf großer Bühne zu verwirklichen. Doch während man über die vertrackte Chronologie und einige unfreiwillig komische Episoden von "Cloud Atlas" aus Respekt vor der Ambition des Projekts noch weglächeln wollte, ist das Scheitern dieses 195 Millionen Dollar teuren Debakels unübersehbar: Gegen "Jupiter Ascending" war selbst Disneys Fantasy-Flop "John Carter" ein ziemlich guter Film.

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"Jupiter Ascending": Sinnlos im Weltall
Erneut ist der Anspruch groß: In ihrer selbstverfassten Film-Story sind die Menschen einst von einer das Universum beherrschenden Dynastie genetisch "gesät" worden. Erich von Däniken hatte also Recht: Die Aliens waren da und haben uns erfunden. 100.000 Jahre später wollen diese Weltraum-Adeligen, der Sonnyboy Titus (Douglas Booth), sein düsterer Bruder Balem (Oscar-Anwärter Eddie Redmayne) und deren Schwester Kalique (Tuppence Middleton) die Ernte ihrer Investition einfahren: Das Gen-Material der nun zu einer gewissen Reife und Masse angewachsenen Erdbevölkerung soll abgeschöpft werden und zu Neuzüchtungen dienen, aber auch ins Badewasser der nach eigener Aussage 14.000 Jahre alten Kalique fließen, die nach einem Bad in der Frischzellenkur plötzlich wieder wie ein Teenager aussieht.

Bevor man lange genug darüber nachdenken kann, um festzustellen, dass das alles überhaupt keinen Sinn ergibt, hat einen der Film schon mit dem Soundtrack-Getöse Michael Giacchinos ("Star Trek") und langwierigen, sehr explosiven, aber auch völlig redundanten Action-Sequenzen übervorteilt, in denen erst Chicago, dann eine Fabrikanlage in den Gas-Atmosphären des Planeten Jupiter in Schutt und Asche gelegt werden.

Im Mittelpunkt des Geschehens: die einst mit ihrer Mutter aus Russland geflüchtete, jetzt in Chicago als Putzfrau arbeitende Jupiter Jones (Mila Kunis) und ihr außerirdischer Beschützer Caine (Channing "Magic Mike" Tatum mit Elfenohren, Schlitzaugen und absurdem Goatee-Bärtchen). Die fleißige Kloputzerin hat durch dubiose Umstände dasselbe Gen-Material wie die unlängst ermordete Mutter der drei Space-Geschwister, ist also quasi die Reinkarnation der Universums-Herrscherin, die, immerhin, zuletzt Zweifel an der skrupellosen, auf Profit und Selbsterhalt der herrschenden Klasse ausgerichteten Ausbeutungspolitik ihrer Sippe geäußert hatte, aber eben wohl deshalb sterben musste.

Eine Wucht, diese Stiefel!

Jupiter wird zum Objekt einer das Universum umspannenden Intrige, denn solange sie lebt, kann aus irgendwelchen Gründen die Erde nicht abgeerntet werden. Der kurzatmig-dämonische Balem möchte Jupiter am liebsten gleich meucheln und bietet dafür diverse Gen-Schimären auf, darunter recht imposante Echsenwesen. Bruder Titus hingegen will die junge Ausgabe seiner Mutter in einem absurden Inzest-Akt ehelichen, um sie danach um die Ecke zu bringen. Was Kalique will, wird nicht so recht klar, aber immerhin erklärt sie Jupiter den größeren Zusammenhang, bevor sie im Film dann plötzlich keine Rolle mehr spielt. Ein Schicksal, das sie mit so einigen Filmfiguren teilt, darunter ein Kopfgeldjäger-Trio um die blauhaarige Doona Bae ("Cloud Atlas") und Sean Bean als Bienen züchtender Ex-Kampfgefährte von Caine.

Statt die gesellschaftskritischen Gedankenspiele auszuformulieren und logisch nachvollziehbar zu machen, sowohl inhaltlich als auch technisch und räumlich, konzentriert sich die Handlung darauf, ihre Damsel in Distress immer wieder in lebensbedrohende Situationen zu bringen und daraus zu erretten, natürlich immer in letzter Sekunde. Das schafft der nach eigener Aussage aus "Mensch und so etwas wie Wolf" gezüchtete "Lycantant" Caine dank seiner großartigen Raketen-Boots, mit denen er durch die Luft surfen und sogar Wände durchbrechen kann. Eine Wucht, die Dinger, und viel nützlicher als die Flügel, die dem ehemaligen Zucht-Soldaten nach einem Akt des Ungehorsams abgeschnitten wurden und von ihm nun schmerzlich vermisst werden.

Jupiter verknallt sich alsbald in diesen gefallenen Engel, der ihre Avancen jedoch mit Irritation quittiert: Ihre Majestät möge sich doch bitte zügeln, denn er habe mehr mit einem Hund gemeinsam als mit einem Menschen. Woraufhin Jupiter verdattert hervorstößt: "Kein Problem, ich liebe Hunde!". Der klassische Machoheld als Action-Wauwau - diese Karikatur der Geschlechterrollen des Genres ist ziemlich charmant - auch wenn Mila Kunis vor lauter Gerettetwerden dann doch nicht dazu kommt, ihren Part der selbstbestimmten Heroine auszuspielen.

So wie die Wachowskis irgendwie nicht dazu gekommen sind, ihrem ehrgeizigen, aber letztlich absurden Crossover aus "Matrix"-Paranoia, "Star Wars"-Abenteuer und Shakespeare-Drama Sinn und Verstand einzuhauchen. Vielleicht sollten sich die beiden mal wieder an einer kleineren, übersichtlichen Geschichte versuchen. Nach dem nicht nur künstlerischen, sondern wahrscheinlich auch finanziellen Debakel, das "Jupiter Ascending" bedeutet, werden sie das wohl notgedrungen tun müssen.

Jupiter Ascending

    USA 2014

    Buch und Regie: Andy Wachowski, Lana Wachowski

    Darsteller: Mila Kunis, Channing Tatum, Sean Bean, Douglas Booth, Tuppence Middleton

    Produktion: Warner Bros., Village Roadshow Pictures

    Verleih: Warner Bros.

    Länge: 127 Minuten

    FSK: 12 Jahre

    Start: 5. Februar 2015

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insgesamt 72 Beiträge
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Seite 1
Wissenheit 05.02.2015
1.
Schlechte Kritik beim Spiegel? Dann wird der Film bestimmt mir und meinem kompletten Bekanntenkreis sehr gut gefallen! Wir immer halt...
jtrch 05.02.2015
2. Da wird zuviel hinein interpretiert
Matrix hatte auch nur eine pseudo Philosophie (im wesentlichen wurde westliche und östliche Richtungen in ein Eintopf geschmissen). Schlussendlich dürfte der Film das bieten was viele erwarten: kopfloses Popcorn Kino mit viel (Michael Bay like awasome) Special Effects.
Shoxus 05.02.2015
3. Jaja
man kann schon alles schlecht schreiben wenn man will. ^^
GSYBE 05.02.2015
4. Cloud Atlas...
...war auch schon Blödsinn.
greeneye 05.02.2015
5. so ein Durcheinander
Ach du lieber Himmel, ich habe ja nicht mal geschafft den Artikel zu ende zu lesen. Dann spar ich mir mal diesen sinnbefreiten Film. Ich schaue und lese wirklich gerne Fantasy, was Hollywood aber meint in letzter Zeit so in die Kinos bringen zu müssen - hauptsache teuer, etwas Fantasy, einen bekannten Namen, dann wird das sicher ein Erfolg - das ist schon grausig. Kein Wunder das die Besucherzahlen drastisch einbrechen. Das liegt auch nicht am Internet, sondern an der Qualität der Filme. Da schau ich mir doch lieber eine wirklich gut gemachte Serie (Game of Thrones, Walking Dead) zu hause im Fernseh an.
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