Dino-Blockbuster "Jurassic World" Blutrausch im Streichelzoo

Rendite dank Dinos: In "Jurassic World" muss ein kommerzieller Erlebnispark immer neue Saurier-Attraktionen auffahren - genau wie die Urzeitsaga im lang erwarteten vierten Teil. Gar nicht so einfach.

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Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Der größte Schrecken wird für ihn durch Wiederholung zur Routine, Sensationen müssen in immer größeren Rationen verabreicht werden, um ihn aus dem Sessel zu reißen. Als Steven Spielberg vor gut zwei Jahrzehnten in seinem ersten "Jurassic Park"-Film eine für damalige Verhältnisse frappierend echt erscheinende Urzeitwelt zu Leben erweckte, glaubte man, den fauligen Atem des Tyrannosaurus Rex zu spüren, wenn der im Close-up seine Zähne zeigte.

Heute reißt in jeder Kinder-Doku im Fernsehen ein passabel getrickster Saurier sein Maul auf. Gewöhnung, der Feind des Blockbuster-Kinos.

Das wissen wohl auch die Produzenten von "Jurassic World", die jetzt 22 Jahre nach Spielbergs erstem Dino-Budenzauber und 14 nach dem dritten Teil eine Fortsetzung in den Kinosommer platzieren. Der alte Urzeit-Illusionismus verlangt also nach Steigerung. Aber wie kann die aussehen? Was kann furchteinflößender sein als das dampfende Maul eines Tyrannosaurus? Welche noch nicht ausgebuddelte Kreatur könnte diesen ultimativen Schrecken toppen?

Die Verantwortlichen, irgendwie ehrlich, machen dieses Grundproblem ihres Filmprojekts zum Grundproblem ihrer Heldin: Claire Dearing (Bryce Dallas Howard), Managerin mit massiven menschlichen Defiziten, leitet den Vergnügungspark "Jurassic World". Dieser wurde auf der Isla Nubar erbaut, auf den Ruinen des legendären "Jurassic Park", mit dem einst der idealistische Forscher John Hammond einen Urzeit-Parallelkosmos erschaffen wollte, bis der Traum von der Aggression der Urviecher und der Gier der Menschen zunichte gemacht wurde.

Dinos zum Knuddeln

Die neue "Jurassic World", die Dearing leitet, hat da gar nicht mehr den Anspruch, der Wissenschaft oder der Weltverbesserung zu dienen. Sie ist vielmehr eine vollkommerzialisierte Erlebniswelt, in der der Hunger der Zuschauer nach immer neuen Attraktionen mit immer neuen Gen-Hybriden bedient wird. Ein indischer Milliardär lenkt das Ganze mit gigantischen Investitionen, die Tiere nennt man intern Produkte, zehn Millionen Menschen werden jährlich angezogen. Es geht um Rendite.

Und deshalb muss der "Jurassic"-Unterhaltungsbetrieb die gesamte Palette möglicher Publikumsgelüste bedienen: Die Kleinen füttern, reiten und liebkosen in einem Wildgehege Mini-Dinos, hinter Panzerglas kann man dem Tyrannosaurus beim Verzehr lebender Ziegen zusehen, und in einem Bassin schnappen aus dem Wasser emporschnellend gigantische Pliosaurier nach ganzen Haifischen, während sie dabei die begeistert klatschenden Zuschauer nass spritzen - so wie in amerikanischen Groß-Aquarien gefährliche Orcas zum Pläsier des Publikums den Grußaugust machen müssen.

Natürlich wird am Ende, da verraten wir nicht zu viel, eine eher nervige Mitarbeiterin von dem 15-Meter-Koloss verspeist. Bissige Vergnügungsindustriekritik gibt's in diesem vierten "Jurassic"-Film also inklusive.

"SeaWorld" meets "Westworld"

Am Anfang kann man sich an dieser detailfreudigen Mischung aus "SeaWorld" und "Westworld", aus Streichelzoo und Horrorkabinett gar nicht sattsehen. Man hatte den von Michael Crichton und Steven Spielberg erschaffenen Urzeitzyklus ja eigentlich mit "Jurassic Park III" aus dem Jahr 2001 für amtlich abgeschlossen gesehen. Das vielfach unterschätzte, ästhetisch rigorose B-Movie hatte den im Grunde optimistischen Blick der Vorgänger aufs bunte Paläo-Panorama verstörend verengt. Ein respektabler Bestienschocker, ein schöner schwarzer Abschluss der Reihe.

Dass die Bestie nun wiedererweckt wird, folgt natürlich rein kommerziellen Interessen und nicht erzählerischen Notwendigkeiten. Eigentlich sollte die Fortsetzung viel schneller kommen, doch erst gab es Probleme mit dem Drehbuch, dann starb 2008 Michael Crichton, dann gab es wieder Probleme mit dem Drehbuch. Der fertige Film (Regie führte der Indie-Regisseur Colin Trevorrow, "Reality Show") ist jetzt als erster Teil einer weiteren Trilogie angelegt.

Das Bemerkenswerte an dem wieder kunterbunt geratenen Zwei-Stunden-Spektakel ist, dass es am Anfang mit all seinen Verweisen auf die Wertschöpfungskette des fiktiven "Jurassic"-Erlebnisparks die des realen "Jurassic"- Kinoindustrieprodukts spiegelt. Wie also hält man, hier wie dort, die alten Zuschauer bei der Stange und holt die jungen dazu? Man kreiert sich neue Monstren, DNA-Kreuzungen machen es irgendwie möglich. So haust in einem Hochsicherheitstrakt der "Jurassic World" eine Kreatur, die sich zum Teil aus Tyrannosaurus-Erbgut speist und zum Teil aus dem Erbgut einer erstmal unbekannt bleibenden Spezies.

Wie man sich vorstellen kann, ist der Hochsicherheitstrakt dann doch nicht ganz so sicher. Es kommt zu einer unfreiwilligen Auswilderung, die nicht einmal Owen Grady (Chris Pratt) gut finden kann - obwohl der so muskulöse wie umsichtige Militärbiologe eigentlich ein Freund der Dinosaurier ist und sich ein Rudel hochaggressiver Raptoren dressiert hat. Die Raptoren, klein, flink, fies, waren ja auch die heimlichen Helden der ersten "Jurassic Park"-Filme, und so wundert es nicht, dass das Verfolgungsspektakel in der zweiten Hälfte sehr an die Vorgänger erinnert.

Aber wie gesagt: Gewöhnung ist der Feind des Blockbusterkinos. Und so fragt man sich dann trotz der originellen und selbstironischen Schauwertparade in der ersten Hälfte, was eigentlich noch in den nächsten beiden "Jurassic"-Teilen passieren soll.

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit dem Schwerpunkt Medien und Gesellschaft.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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Jurassic World

    USA 2015

    Regie: Colin Trevorrow

    Drehbuch: Amanda Silver, Derek Connolly, Colin Trevorrow

    Darsteller: Chris Pratt, Bryce Dallas Howard, Nick Robinson, Ty Simpkins, B.D. Wong, Judy Greer, Irrfan Khan, Vincent D'Onofrio

    Produktion: Universal Pictures, Amblin Entertainment, Legendary Pictures

    Verleih: Universal Pictures Germany

    Länge: 125 Minuten

    Start: 11. Juni 2015

    FSK: Ab 12 Jahren

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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
outsider-realist 11.06.2015
1. Es nervt
Der Hinweis, das am Ende ein entsprechender Charakter im Film verspeist wird, ist völlig überflüssig und die Bemerkung, das dadurch nicht zu viel verraten wird, blanker Hohn. Es wird doch möglich sein, mal einen Film zu besprechen, ohne das der Autor zu Lasten des Lesers den Beweis antreten muss, das er den Film gesehen hat. Absolut überflüssig und ärgerlich und wenn es auch nur ein kleiner Hinweis ist. Ein Überraschungsmoment des Films wurde dem Leser genommen.
bollrock 11.06.2015
2. Gewöhnung....
ist der Feind von allem... Von der Ehe bis zum Vergnügungspark.
scooby11568 11.06.2015
3. @ outsider
der Hinweis, dass ein Dino einen Menschen verspeist, ist für Dich ein Spoiler? Schau erst mal Teil 1-3, um Dich langsam an die voraussehbare Handlung zu gewöhnen ;-)
realitätssprecher 11.06.2015
4.
Zitat von outsider-realistDer Hinweis, das am Ende ein entsprechender Charakter im Film verspeist wird, ist völlig überflüssig und die Bemerkung, das dadurch nicht zu viel verraten wird, blanker Hohn. Es wird doch möglich sein, mal einen Film zu besprechen, ohne das der Autor zu Lasten des Lesers den Beweis antreten muss, das er den Film gesehen hat. Absolut überflüssig und ärgerlich und wenn es auch nur ein kleiner Hinweis ist. Ein Überraschungsmoment des Films wurde dem Leser genommen.
In einem Jurassicparkfilm wird ein nerviger Charakter gefressen? Oh welch ein Spoiler das gab es ja noch nie (Hallo Herr Anwalt, Hallo nerdiger Verräter...) und käme völlig unerwartet. Ich spoiler sie gleich nochmal die zwei Kinder werden überleben(ansonsten hätte das Ding kein FSK 12...).
leserlich 11.06.2015
5. originell?
wie die sprecherin im trailer meinte? ich weiß ja nicht. dr film ist doch nur fürs einfangen der nach-jurassic-park-generation, um dann für diese noch ein paar geschichten-und charakterarme filme rauszuhauen. wäre ja schade um den digitalen dino-genpool. und für besondere wissenschaftliche genauigkeit war hollywood auch noch nie bekannt, wenn es um kino-kasse ging. schon in jurassic-park wurde der rex auf eine recht unwirkliche grösse gepimpt. aber einen mosasaurus von über 30m halte ich dann doch für zu reichlich übertrieben!
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