Juristen-Thriller "Michael Clayton" Der Clooney-Effekt

Ein Thriller aus der alten Schule: Tony Gilroy feiert mit seinem Regie-Debüt "Michael Clayton" das Aufklärungskino der siebziger Jahre. George Clooney brilliert als Ausputzer einer Anwaltskanzlei, der sich gegen die Unmoral seines Alltags auflehnt.

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Es gibt eine zauberhafte Szene zu Beginn von "Michael Clayton", die man in einem so ernsthaften, angemessen nüchternen Film wie diesem nicht erwartet: Der Anwalt Clayton, gespielt von George Clooney, hält mitten auf der Landstraße, irgendwo upstate New York, seinen Dienst-Mercedes an, geht einen Hügel hinauf und verharrt sprachlos vor drei Pferden, die im Dunst des frühen Morgens auf der Weide stehen.

Es ist ein unwirklicher Moment, dessen wahre Bedeutung sich erst gegen Ende des Films nach einer Reihe von Flashbacks ergeben wird, aber bereits am Anfang ist diese Szene ein Statement: In einer Welt, die immer verdorbener, immer hektischer und vielschichtiger, immer schmutziger und zynischer geworden ist, steht der Mensch in Ehrfurcht erstarrt vor der Schönheit der Natur. Und dann explodiert unten auf der Straße der Mercedes.

"Michael Clayton" ist nicht nur wegen dieser Szene ein außergewöhnlicher Film. Der Kritiker der New Yorker "Village Voice" meinte in dem Anwalts-Thriller von Autor und Regisseur Tony Gilroy die beste John-Grisham-Adaption aller Zeiten erkannt zu haben - hätte der Thriller-Spezialist diesen Stoff geschrieben. Ihn nur auf den Kitzel des Juristerei-Dramas zu reduzieren, würde jedoch zu kurz greifen. Gilroy geht es offensichtlich um mehr: Der Drehbuchautor der "Bourne"-Trilogie, der mit "Michael Clayton" sein Regie-Debüt vorlegt, hat das Panorama einer aus den Fugen geratenen Gesellschaft vor Augen, das er lediglich in den engen Rahmen einer spannenden Geschichte zwängt.

Michael Clayton ist ein Ausputzer. Er erledigt die groben Arbeiten für eine mächtige New Yorker Anwaltskanzlei, die unter anderem den ebenso einflussreichen Agrarchemie-Konzern U/North vertritt, der seit Jahren in einen Gerichtsstreit verwickelt ist. Landwirte behaupten, ein bestimmtes Düngemittel der Firma sei verantwortlich für den Tod mehrerer Familienangehöriger. Ein solcher "Litigation"-Prozess um Schadenersatz in Millionen- oder Milliardenhöhe ist ebenso Alltag in den USA wie die Tatsache, dass die Moralfrage bei solchen Vorgängen zur Nebensache wird, wenn sie überhaupt noch gestellt wird. Um Profit und Image geht es, und den Advocatus Diaboli der Konzerne spielen die Juristen mit mit ihren kalten Vergleichskalkulationen.

Gegen Konzern und Kanzlei

Auch U/North ist kurz davor, die ganze Affäre um den tödlichen Dünger zusammen mit sehr vielen Dollarscheinen unter den Teppich zu kehren, als der Star-Anwalt Arthur Edens (Tom Wilkinson), der den Konzern vertritt, bei einem Zeugen-Hearing überschnappt, sich nackt auszieht und kurzerhand die Seite wechselt. Der Konzern, vertreten durch die karrierebewusste und kühle Managerin Karen Crowder (oscarprämiert: Tilda Swinton), sieht Gefahr im Verzug und ruft Edens Kanzlei zur Schadensbegrenzung auf.

Einsatz Michael Clayton. Doch das Anwalts-Raubein, privat von einer finanziellen und familiären Krise gebeutelt, funktioniert nicht wie gewohnt. Als er den kaum verklausulierten Auftrag erhält, seinen langjährigen Freund Edens mundtot zu machen, gehorcht er seinem Gewissen und beginnt, sein eigenes, nicht ungefährliches Spiel zu spielen, gegen Konzern und Kanzlei.

Gilroy hat seinen Film in sehr altmodische Formen gegossen. Es gibt in "Michael Clayton" keine Handkamera-Zuckungen, keine phantasievollen Farbfilter, keine modischen Mätzchen. Der 51-jährige Regie-Neuling macht mit konzentrierten Einstellungen und einer klaren Bildsprache deutlich, dass er sich eine Renaissance des aufgeklärten Politkinos der Siebziger wünscht, das Filmemacher wie Sydney Pollack ("Drei Tage des Condor", "Die Sensationsreporterin") und Sidney Lumet ("Serpico", "Network") etabliert haben.

Dass sich die Welt seit den Siebzigern verändert hat, nimmt Gilroy durchaus wahr. Sein Film bildet die Komplexität der neuen Zeit, die Last des Funktionierens in einer turbokapitalistischen Welt, unter der Menschen schlicht und einfach zerbrechen, eindrucksvoll ab: Anwalt Edens, der seine Gewissensbisse nur mit Psychopharmaka betäuben kann und sich in eine Wahnwelt flüchtet, als er - mehr oder minder absichtlich - vergisst, seine Pillen zu nehmen. Oder Managerin Crowder, eine blasse, gehetzte Person, die sich vor einer Pressekonferenz fast übergeben muss, weil sie so unter Erfolgsdruck steht.

Auch Michael Clayton ist kein Held. Auch er müht sich ab, zu funktionieren, seine Leistung zu erbringen. Er ist träge, hilflos und schwach. Existentielle Nöte, der Angst um Status und Job, hindern ihn daran, sich aufzulehnen. Den Konsens mit dem amoralischen System der Ökonomie, in dem er jahrelang gut gelebt hat, kündigt er nur widerwillig auf. Zu groß ist die Sucht, im steten Strom des Angepassten und Gewohnten mitzuschwimmen, mag er noch so sehr zum Himmel stinken.

Starkino mit Anspruch

Diese postmoderne Figur erhält in George Clooney seinen perfekten Interpreten: Die reale Person Clooney hat es binnen weniger Jahre geschafft, sich ein Image als Hollywood-Beau und -Kassengarant zu schaffen, gleichzeitig aber für ein soziales, ökologisches und politisches Gewissen der Showbranche zu stehen. Clooney engagiert sich für humanitäre Maßnahmen in Darfur ebenso wie für Klima- und Umweltschutz und demonstriert mit teils selbstproduzierten Filmen wie "Syriana", "Good Night, and Good Luck" oder "The Good German", dass anspruchsvolles Starkino mit kommerziellen Chancen möglich ist.

Den Oscar zur Belohnung für seine bisher überzeugendste Leistung hat Clooney am vergangenen Sonntag nicht bekommen, aber sein Engagement ist unbestritten. Der letzte Schauspieler mit ähnlicher Macht, Dinge zu bewegen und Gegensätze aufzulösen, war Warren Beatty, der zu Beginn der Siebziger Radikales wie "Bonnie & Clyde" oder Politisches wie "The Parallax View" allein durch seinen Willen und seine Box-Office-Macht zu Stande kommen ließ. Hier schließt sich dann der Kreis zu Gilroys Beschwörung der guten alten New-Hollywood-Tugenden und zu einer Gesellschaft, die vielleicht tatsächlich in einer ebenso tiefen gesellschaftlich-moralischen Krise steckt wie vor 30 Jahren.

Filme wie "Michael Clayton" sind selten. Man kann sie einfach als Spannungskino genießen, doch wenn man will, ermöglichen sie diesen manchmal nötigen Moment des Innehaltens. Einfach mal Aussteigen, den Hügel hinaufrennen, die frische Morgenluft atmen und darüber staunen, wie surreal diese Wildpferde, wie irreal so etwas wie Freiheit geworden ist.



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