Justizdrama "Sturm" Stellungskrieg zwischen Aktenbergen

Jagd auf den Schlächter: Der brillante Film "Sturm", halb Gerichtsdrama, halb Polit-Thriller, zeigt, wie eine Anklägerin des Internationalen Gerichtshofs einen Kriegsverbrecher zu überführen versucht - und zwei Frauen monströse Entscheidungen treffen müssen.

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Deportationen, Vergewaltigungen, Massenerschießungen: In jeder einzelnen der vielen Akten, die sich im Büro von Hannah Maynard (Kerry Fox) stapeln, offenbart sich eine neue Grausamkeit. Die Höhe der Papierhaufen gibt Aufschluss darüber, wie viele Verbrechen auch zehn Jahre nach dem Krieg im Kosovo der Aufklärung harren. Schnell, schnell soll die Anklägerin beim Internationalen Gerichtshof bitte diese Aktenstapel des Grauens abarbeiten; der Chef fordert im schönsten Managersprech "schlanke Prozesse" ein.

Doch sein Drängen, so ehrlich muss man sein, ist nicht nur der Kosteneffizienz geschuldet, sondern auch einer fatalen Terminplanung: Im Jahr 2010 läuft das Uno-Mandat des Den Haager Gerichtshofs für Verbrechen im Bosnienkrieg aus. Da wäre es doch für die Weltgemeinschaft ebenso wie für die Opfer wünschenswert, dass zuvor möglichst viele Kriegsverbrechen aufgeklärt werden.

Aber kann Rechtssprechung nach industriellen Produktivitätsgesichtspunkten vorgenommen werden? Wie mag es um eine Wahrheit bestellt sein, wenn sie kostenneutral erwirtschaftet werden soll - und das bei Untersuchungen, in denen jeder objektive Ermittlungsschritt eine Reihe komplizierter internationaler Verstrickungen zur Folge hat?

Regisseur Hans-Christian Schmid hat mit "Sturm" einen Film darüber gedreht, wie desillusionierend die Rechtsfindung in einem System sein kann, in dem jeder Jurist zugleich Diplomat, Psychologe und Buchhalter sein muss. Eine Aufgabenballung, an der man eigentlich unweigerlich scheitern muss.

Der langgesuchte Schlächter

Dabei ist seine Heldin Hannah Maynard extrem belastbar, wie sie schon mehrmals gezeigt hat. Doppelt so viel wie ihr männlicher Kollege arbeitet sie - befördert wurde natürlich der andere. Diese Quasi-Degradierung steht gleich am Anfang des Films, weitere Herabwürdigungen und Rückschritte folgen.

Bitter, da die saubere Verurteilung doch stets zum Greifen nahe scheint: Der langgesuchte serbische Schlächtergeneral Goran Duric, der die "ethnische Säuberung" eines bosnischen Dorfes auf dem Gewissen hat, ist endlich gefasst worden. An seiner Schuld besteht kein Zweifel, aber sie muss ihm akribisch nachgewiesen werden. Da zählt jeder Millimeter - und das im Wortsinne.

Ein Zeuge gibt an zu wissen, wie Duric die Dorfbewohner mit Bussen abtransportieren ließ. Doch vor Ort, in einem Dorf nahe Sarajewo, stellt sich heraus, dass das Tatfahrzeug gar nicht durch die angebliche Einfahrt gepasst hätte. In ihrer Verzweiflung hält Anklägerin Maynard dem Traumatisierten, der im Krieg seine gesamte Familie verloren hat, eine Standpauke. Erzürnt beschuldigt sie ihn, dass er durch sein Handeln die letzten Hoffnungen auf eine Verurteilung des Schlächters zerstört habe. Kurz darauf begeht der Mann Selbstmord.

Vergewaltigungslager überlebt

Auf diese Weise entwickelt die Vermessung der Schuld in "Sturm" eine tragische Mechanik, durch welche sich die Anklägerin gleichsam selbst schuldig macht. Immer wieder muss sie Kompromisse eingehen oder sich auf einen diplomatischen Kuhhandel mit Politikern in Brüssel und Belgrad einlassen; den Opfern kann sie so nicht immer gerecht werden. Im Gegenteil, manchmal bürdet sie ihnen neuen Schmerz auf.

Inspirieren ließen sich Regisseur Schmid und sein Co-Autor Bernd Lange, mit dem er zuvor schon seinen Religionsdrama "Requiem" gedreht hatte, von Hildegard Uertz-Retzlaff, einstige deutsche Anklägerin beim Jugoslawien-Tribunal. Von der neuseeländischen Hauptdarstellerin Fox, bekannt aus der radikalen Luststudie "Intimacy", wird der bürokratische Grabenkampf nun als körperlicher und psychischer Durchhalte-Kraftakt gespielt.

Bei aller Präzision, mit der die verwinkelte Rechtsarchitektur hier ausgeleuchtet wird, entwickelt sich die dänisch-niederländisch-deutsche Coproduktion zum großen Schauspielerinnenkino. Vor allem deshalb, weil in der zweiten Hälfte eine zweite Frauenbiografie aufgegriffen wird: Die Bosnierin Mira (Anamaria Marinca aus "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage") erklärt sich bereit, als Zeugin gegen Duric auszusagen. Die junge Frau hat ein Vergewaltigungslager der Serben überlebt; in Berlin baute sie sich eine ganze neue Existenz mit Mann und Kind auf, die Schrecken des Bürgerkriegs sind tief in ihr verschlossen.

Monströse Entscheidungen

Schmids aufklärerischer und humanitärer Thriller, der die Kriegsschrecken von einst nicht bebildern muss, um ihren verheerenden Einfluss auf die Gegenwart zu zeigen, wird durch diese Konstellation zum aufwühlenden Gewissensdrama. Zwei Frauen haben hier zwei monströse Entscheidungen zu treffen. Für die eine gilt: Wie kann ich ein Leben führen, wenn ich den ganzen Tag Kriegsgräuel zu verwalten habe? Für die andere gilt: Wie kann ich wieder ins Leben zurückfinden, wenn ich grausamste Erinnerungen abrufen muss?

Nun begehren die beiden Hauptfiguren gemeinsam auf - die eine gegen die Barrieren, die ihr in der eigenen Behörde aufgebaut werden, die andere gegen die eigenen Dämonen. Ob der Kampf um die Wahrheit zum eigenen Vor- oder Nachteil ausfällt, ist nicht geklärt.

Denn allen Ideen von schlanken Prozessen und schneller Überwindung der Traumata zum Trotz lautet die Grunderkenntnis von "Sturm": Gerechtigkeit gibt es nicht zum Spartarif.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Liberalitärer, 11.09.2009
1. Brillant
Zitat von sysopJagd auf den Schlächter: Der brillante Film "Sturm", halb Gerichtsdrama, halb Politthriller, zeigt wie eine Anklägerin des Internationalen Gerichtshofs einen Kriegsverbrecher zu überführen versucht - und zwei Frauen monströse Entscheidungen treffen müssen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,647689,00.html
Muss das immer so sein, dass die Wertung eines Sachverhalts gleich in den ersten Satz der Berichterstattung einfließt? Kann man versuchen, Tatsachen und persönliche Ansichten sauber zu trennen. Muss es sein, dass immer "monströsere" Superlative für einen Film verwendet werden, den viele gar nicht gesehen haben? Schön, dass der Autor den Film persönlich ganz nett findet, schreibe er das auch, aber trenne er das ein wenig. Sonst wird es gigantomanisch "monströs".
Tom Berger 11.09.2009
2. Wann und wo kann man den Film sehen?
Zitat von sysopJagd auf den Schlächter: Der brillante Film "Sturm", halb Gerichtsdrama, halb Politthriller, zeigt wie eine Anklägerin des Internationalen Gerichtshofs einen Kriegsverbrecher zu überführen versucht - und zwei Frauen monströse Entscheidungen treffen müssen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,647689,00.html
Wann und wo kann man den Film sehen?
nurEinGast 11.09.2009
3. Heute 22:19
Zitat von sysopJagd auf den Schlächter: Der brillante Film "Sturm", halb Gerichtsdrama, halb Politthriller, zeigt wie eine Anklägerin des Internationalen Gerichtshofs einen Kriegsverbrecher zu überführen versucht - und zwei Frauen monströse Entscheidungen treffen müssen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,647689,00.html
hmm, könnte einer der wenigen deutschen Filme sein, die sehenswert sind. Wann und wo kann man den Film sehen?
bieber_frankfurt 11.09.2009
4. "Sturm" > Kinos und Spielzeiten
Ich habe den Film gesehen und halte ihn ebenfalls für hervorragend. Die Termine für die Spielzeiten lauten wie folgt: Bad Endorf: Marias Kino, 15.10.2009 - 21.10.2009 Bamberg: Lichtspiel, 10.09.2009 - 16.09.2009 Berlin: Cinemaxx am Potsdamer Platz, 10.09.2009 - 16.09.2009 Berlin: Delphi Filmtheater, 10.09.2009 - 16.09.2009 Berlin: Filmtheater am Friedrichshain FaF, 10.09.2009 - 16.09.2009 Berlin: Kino in der Kulturbrauerei, 10.09.2009 - 16.09.2009 Bielefeld: Lichtwerk im Ravensberger Park, 10.09.2009 - 16.09.2009 Bochum: Metropolis, 10.09.2009 - 16.09.2009 Bonn: Neue Filmbühne, 10.09.2009 - 16.09.2009 Bremen: Schauburg Kino, 10.09.2009 - 16.09.2009 Darmstadt: Rex Kino, 10.09.2009 - 16.09.2009 Dresden: Programmkino Ost, 10.09.2009 - 16.09.2009 Düsseldorf: Cinema, 10.09.2009 - 16.09.2009 Enkenbach: Provinz Kino, 15.10.2009 - 21.10.2009 Erfurt: Kinoklub am Hirschlachufer, 01.10.2009 - 07.10.2009 Erlenbach: Passage, 24.09.2009 - 30.09.2009 Essen: Eulenspiegel, 10.09.2009 - 16.09.2009 Frankfurt am Main: Cinema, 10.09.2009 - 16.09.2009 Freiburg: AKA-Filmclub, 13.01.2010 - 13.01.2010 Freiburg: Friedrichsbau Lichtspiele (Apollo), 10.09.2009 - 16.09.2009 Göttingen: Sterntheater, 10.09.2009 - 16.09.2009 Halle: Lux.Kino am Zoo, 10.09.2009 - 16.09.2009 Halle: Lux.PUSCHKINo, 17.09.2009 - 23.09.2009 Hamburg: 3001 Kino, 10.09.2009 - 16.09.2009 Hamburg: Alabama, 24.09.2009 - 30.09.2009 Hamburg: Alabama, 01.10.2009 - 07.10.2009 Hamburg: Passage-Kino, 10.09.2009 - 16.09.2009 Hannover: Hochhaus-Lichtspiele, 10.09.2009 - 16.09.2009 Heidelberg: Gloria Heidelberg, 10.09.2009 - 16.09.2009 Hemsbach: Brennessel, 01.10.2009 - 07.10.2009 Ilmenau: Linden-Lichtspiele, 24.12.2009 - 27.12.2009 Jena: Kino im Schillerhof, 24.09.2009 - 07.10.2009 Karlsruhe: Schauburg, 10.09.2009 - 16.09.2009 Kassel: Bali-Kino im Kasseler Hbf, 10.09.2009 - 16.09.2009 Kempten im Allgäu: Colosseum, 01.10.2009 - 07.10.2009 Kiel: Traum-Kino, 10.09.2009 - 23.09.2009 Köln: Cinenova, 10.09.2009 - 16.09.2009 Leipzig: Passage Kinos, 10.09.2009 - 16.09.2009 Lüneburg: Scala Programmkino, 10.09.2009 - 16.09.2009 Mainz: Capitol, 10.09.2009 - 16.09.2009 Mannheim: Atlantis Kino, 10.09.2009 - 16.09.2009 Marburg: FT Kammer/ Atelier/ Palette, 10.09.2009 - 16.09.2009 Meiningen: Casino-Lichtspiele, 07.01.2010 - 10.01.2010 München: Arri Kino SOB, 10.09.2009 - 16.09.2009 München: City Filmtheater, 10.09.2009 - 16.09.2009 Münster: Schloßtheater-Movie, 10.09.2009 - 16.09.2009 Neitersen: Wied Scala, 08.10.2009 - 14.10.2009 Nürnberg: Cinecitta, 10.09.2009 - 16.09.2009 Ochsenfurt: Casablanca Kino, 10.09.2009 - 16.09.2009 Oldenburg: Casablanca, 10.09.2009 - 16.09.2009 Osnabrück: Cinema-Arthouse, 10.09.2009 - 16.09.2009 Potsdam: Thalia Kino, 10.09.2009 - 16.09.2009 Rostock: Lichtspieltheater Wundervoll, 10.09.2009 - 23.09.2009 Saarbrücken: Filmhaus, 10.09.2009 - 16.09.2009 Sonneberg: Kammer-Lichtspiele, 31.12.2009 - 03.01.2010 Starnberg: Kino Breitwand, 10.09.2009 - 16.09.2009 Stuttgart: Atelier am Bollwerk, 10.09.2009 - 16.09.2009 Weimar: Kommunales Kino im mon Ami, 08.10.2009 - 21.10.2009 Würzburg: Corso, 17.09.2009 - 23.09.2009 Wuppertal: Cinema, 10.09.2009 - 16.09.2009 alle weitetren Infors: www.sturm-der-film.de
howtolootbrazil 12.09.2009
5. und der soundtrack...
ist von the notwist!!! was gibt's schöneres?
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